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Gnade gegen Geld

Vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen – der Beginn der Reformation. Besonders scharf wandte er sich gegen Geistliche wie Johann Tetzel. Eine Geschichte aus Berlin und Brandenburg

Es ist ein stattlicher Kasten, der da in der Südkapelle der Jüterboger Nikolaikirche auf den roten Bodenziegeln ruht. Gut gepanzert mit geschmiedeten Platten, altersschwarz, verbeult, von einem gewichtigen Schloss gesichert. Man sieht ihm seine lange, bewegte Geschichte an, er scheint einiges mitgemacht zu haben. Mit seinen eisernen Trageringen an allen Seiten, ein Mann allein konnte ihn nicht bewegen. Schon gar nicht, wenn er gefüllt war, mit Hellern, Batzen, Dukaten, Gulden, Talern und was es sonst noch alles an Münzen gab zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Zu jener Zeit, als einige solcher Geldtruhen durch Europa verfrachtet wurden, und immer dort, wo man ihrer gewahr wurde, Gelüste, Neid, Hass und allerlei Fantasien erweckten. Die letztlich mit beitrugen zu einem der wirkmächtigsten Umbrüche der Frühen Neuzeit, der Reformation Martin Luthers. Diese eine Schatulle, die heute in jenem trutzigen Gotteshaus der Stadt im Fläming südlich von Berlin zu sehen ist, spielte dabei womöglich eine ganz besondere Rolle, eines Tages im Jahr 1517, ganz in der Nähe. Bei einem Vorfall, der noch heute, 500 Jahre danach, vor allem ein Gefühl hervorruft: Schadenfreude, ungetrübt.

Wie ein Mönch der Kirche ein Vermögen verdiente

Wenn die alten Sagen stimmen, auf die sich unter anderem Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beruft, aber auch Willibald Alexis und Albert Brachvogel, so fand diese Begebenheit etwa 20 Kilometer östlich von Jüterbog statt, auf halber Strecke nach Baruth, am Hang des Golmbergs. Auf dem heute ein Stahlmast daran erinnert, dass dort bis 1989 die Nationale Volksarmee ihre Hauptrichtfunkzentrale unterhielt und man auch in unseren Tagen besser auf den Wegen bleibt, weil im Unterholz noch Unmengen scharfer Munition schlummern sollen. Beim Dörfchen Holbeck geschah es, dort, wo jetzt die Landesstraße 73 verläuft, wo es im April 1517 ähnlich kalt war wie in den vergangenen Apriltagen und Schnee lag. Dort befand sich damals der Dominikaner Johann Tetzel auf dem Weg nach Berlin. Seine Pferde hatten schwer zu ziehen, die gut gefüllte Kiste auf dem Wagen ließ die Räder tief in den Schlamm unter dem Schnee einsinken.

Tetzel war der wohl eifrigste Ablassprediger seiner Zeit – ein damals gängiger Beruf, dessen Vertreter durchs Land zogen, von den Gläubigen Geld kassierten und ihnen erzählten, der Herrgott würde im Gegenzug alle Sünden vergeben. So könnten sie sich später, im Jenseits, die Hölle ersparen und ins Paradies einziehen, egal, was sie im Diesseits angerichtet hätten. Der Dominikaner hielt sich in jenen Tagen längere Zeit in der Mark auf, auch in Berlin.

Jetzt, im April des Lutherjahres 2017, hat die Stadt Berlin an über 70 Stellen rote Tore aufstellen lassen, um den Eingang ins Paradies zu symbolisieren. Damals, 1517, hätten sich Tetzel und seine Kollegen davor gestellt, die Hand aufgehalten und mit kaltem Grinsen ihr Sprüchlein aufgesagt: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt! Hier, bitte schön, Ihr Ticket ins Paradies. Darf es noch eins mehr sein?“ Es war der Ablasshandel, der die Reformation Martin Luthers letztlich auslösen würde, den er in den meisten seiner 95 an die Wittenberger Kirchentür genagelten Thesen anklagte. Das Wort Ablass kommt in den Thesen 21-mal vor („Die Ablassprediger irren, wenn sie Vergebung gegen Geld versprechen.“ „Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablassprediger kennen würde, würde er davon nicht den Petersdom in Rom bauen lassen.“ Und so weiter).

Das Geld aus dem Ablasshandel war die damalige Kirchensteuer, zugunsten des Papstes vor allem, ein Zubrot aber auch zu den Einnahmen der Kirchenfürsten aus Ackerbau und Viehzucht, Liegenschaften, Klöstern und vielerlei Abgaben. Sie finanzierten damit ihren aufwendigen Lebenswandel, schmierten diesen oder jenen Herrscher, um ihre Privilegien sicherzustellen. Der Papst musste den Ablass durch eine Bulle zwar genehmigen, doch durften die Bischöfe einen guten Teil behalten. Die päpstliche Bulle, mit der Tetzel durch die Lande zog, war zudem Teil eines größeren Dreiecksgeschäftes: Als 1514 der Erzbischof von Mainz gestorben war, wollte sich der Hohenzoller Albrecht von Brandenburg zu seinem Nachfolger wählen lassen, was Probleme bereitete, da er bereits Erzbischof von Magdeburg sowie Bistumsverweser von Halberstadt war und eine derartige Ämterhäufung gegen die Regeln verstieß. Aber Papst Leo X. fand die Lösung: Albrecht bekam eine Ablasskampagne genehmigt, sollte daraus etwa 100.000 Gulden an den Papst abliefern, für den Bau seines Petersdomes, und der Hohenzoller durfte sich über sein neues – gewiss auch einträgliches – Amt sowie über einen gehörigen Batzen aus Tetzels Einnahmen erfreuen.

Tetzel war mit einem Monatssalär von 100 Gulden – dem Vielfachen eines Handwerkerlohnes – einer der Spitzenverdiener der Branche. Aber auch einer der effizientesten. In Freiburg soll er einmal an zwei Tagen 2000 Gulden kassiert haben. Ob er bereit war, von seinem hohen Verdienst entsprechende Beträge für seinen Schutz zu investieren, für bewaffnete Begleitung etwa bei Fahrten mit voller Schatulle über Land, zum Beispiel durch einsame Gegenden in Brandenburg? Wir wissen es nicht. Das allerdings, was dann an jenem Apriltag 1517 bei Holbeck am Golmberg – der Sage nach – seinen Lauf nahm, lässt Zweifel daran aufkommen. Dabei war er, der oft mit viel Geld unterwegs war, eine gefährdete Person.

Auch wenn Tetzel den Menschen das Paradies versprach und sie nolens volens mit ihm Handel trieben, sie ihr weniges Geld in Vergebung investierten – als ein beliebter Mensch, den seine Zeitgenossen achteten und vor den sie sich im Zweifel schützend gestellt hätten, galt er eher nicht. Jahre, bevor er in den Ablasshandel eingestiegen war, hatte man ihn in Innsbruck einmal zum Tode „durch Ersäufen“ verurteilt. Wegen Ehebruch und Spielbetrug. Erst im letzten Moment löste ihn durch seine Fürsprache der zufällig in Tirol weilende Kurfürst von Sachsen aus, ironischerweise später ein eifriger Befürworter der Reformation Luthers. Seit jeher herrscht in der Literatur Anklage gegen Tetzel, am deutlichsten vielleicht im 19. Jahrhundert. Otto von Corvin bezeichnete ihn 1845 in seinem bekannten „Pfaffenspiegel“ gleich als „unverschämten, feisten Schlingel“, als „Spitzbuben“ und als „nichtswürdigen Mönch“. Für den Chronisten der Mark, den Theologen Andreas Angelus, war der Protegé des Papstes im 16. Jahrhundert ein „loser Bösewicht“. Seit 1504 war Tetzel im Ablasshandel tätig, in weiten Teilen Deutschlands. Doch es ist sicher kein Zufall, dass es ausgerechnet sein Aufenthalt 1517 in Berlin und in der Mark Brandenburg war, dem dann Luthers Thesenanschlag als Initialzündung zur Reformation folgte. Hier trieb es der Geldeintreiber des Papstes und des Erzbischofs von Mainz besonders heftig, hier trieb er seine Geschäftspraxis auf die Spitze. Luther selbst betrat niemals märkischen Boden. Ihm, der in den Jahren 1510/11 von Wittenberg zu Fuß nach Rom und zurück marschiert war, lag offenbar nicht nur Berlin zu weit, selbst das nahe Jüterbog besuchte er nie. Dennoch musste er mit wachsendem Gram verfolgen, wie seine Wittenberger immer häufiger in das 40 Kilometer entfernte Jüterbog zogen, um dort in der Nikolaikirche den marktschreierischen Predigten jenes Dominikaners Tetzel zuzuhören und dann für einen Viertelgulden einen Ablasszettel zu erstehen. Mindestens einen. Es war ein massenhafter Bußgang zum Bußgeldbezahlen, gesündigt wurde immer. Heute würde man darin klassische Merkmale einer sich rasch ausbreitenden Sekte erkennen.

Wie Tetzel die virtuelle Kundschaft entdeckte

Ein Viertelgulden für einen Ablass, das war sein Richtpreis. Als würde Tetzel die modernen Gepflogenheiten heutiger Marktverhältnisse vorwegnehmen, gab der Ablassprofi auch mal Rabatt, je nach Zahlungsfähigkeit seiner Kundschaft – und sorgte gleichwohl parallel für gestiegenen Umsatz. Er begnügte sich nicht mehr mit dem Standardmodell: Einzelner Gläubiger gibt Geld für seine geschehenen Sünden. Tetzel entdeckte die virtuelle Kundschaft. Wenn es schon um Angebote fürs Jenseits ging, warum nicht auch für Jenseitige kassieren? Was, so fiel es ihm nun ein, ist mit den Verwandten, die längst gestorben waren, nicht mehr abkassiert werden konnten? Für sie mussten nun Dritte einspringen, er nahm die Nachfahren in Haftung, so wie heute die Kinder bei den Pflegekosten der Alten. „Hört Ihr nicht Eurer Eltern und anderer Verstorbenen Stimme, die mit Klagen und Jammergeschrei Euch zurufen: Erbarmt Euch mein!“, zitiert ihn Adolf Streckfuß in seinem Buch „500 Jahre Berliner Geschichte“, womöglich etwas frei, sinngemäß aber korrekt. „Kommt herbei, hier könnt Ihr den vollständigen Ablass erhalten. Du dort kannst Deinen Vater für 12 Groschen aus dem Fegefeuer herausziehen. Jetzt steht noch der Himmel offen, und Du willst Deinem Vater in so großer Pein nicht zu Hilfe kommen?“ Er nahm es von den Lebenden – auf kaum jemanden passt das so gut wie auf Luthers Widersacher Tetzel.

Zahlen für längst Verstorbene, für seit Jahren, womöglich Jahrzehnten nicht mehr aktive Sünder – ein Geschäftsmodell, das anstößig genug anmutet, aber funktionieren konnte, wenn nur genug lebende und zahlungsfähige Sünder darauf hereinfielen. Doch Tetzel wollte noch mehr. Seine Kreativität steigerte sich. Bis sie durchdrehte. Bis es nur noch eine Frage der Zeit war, wann er selbst einmal Opfer seiner Ideen wurde. Dabei kommt nun jener Kasten in der Südkapelle der Jüterboger Nikolaikirche ins Spiel, und jener Tag im April, am Rande des verschneiten Golmberges.

Die neueste, die schrillste Geschäftsidee des Ablasspredigers lautete: Nicht nur den Kundenkreis erweitern (um die Toten), sondern Bedürfnisse befriedigen, die noch gar nicht existieren – und die nach allgemeinem Verständnis doch auch mit allen Kräften verhindert werden müssten: Tetzel war dazu übergegangen, Ablasszettel zu verhökern, mit denen künftige Sünden vergeben würden. Mit anderen Worten: Tetzel verkaufte vorab regelrechte Freibriefe für Verbrechen jeder Art, von höchster Hand abgesegnet. Wer seinen Vater ermorden, den Brunnen vergiften oder den Nachbarhof anzünden wollte, alles ohne schlechtes Gewissen, der brauchte nur Tetzel aufsuchen und zahlen. Der Bau des Petersdomes kostete Unsummen, der Heilige Stuhl heiligte die Mittel. Das konnte nicht gut gehen. Den Moment nun, in dem Johann Tetzel die Unmöglichkeit seiner allzu forschen Idee klar geworden sein dürfte, schildert Theodor Fontane in seinen „Wanderungen“, sichtlich nicht ohne gewisses Behagen.

Fontane schreibt: Ein gewisser „Hake, gemeinhin Hake von Stülpe genannt, war es, der auf der Golm-Haide zwischen Jüterbogk und Trebbin den Ablaßkrämer Tetzel überfiel und ihm unter der höhnischen Vorhaltung, den Ablaßzettel für erst noch zu begehende Sünden gestern von ihm gekauft zu haben, die ganze Barschaft abnahm und den Kasten bergab in den Schnee rollte. Der Kasten wird bekanntlich noch in der Kirche zu Jüterbogk aufbewahrt; Hake von Stülpe aber (auch Willibald Alexis hat ihm in seinem Roman der „Wärwolf“ einen Abschnitt gewidmet) wird als eine jener Figuren wie sie das Volk gern hat, in der Geschichte unseres Landes fortleben. Der gute Humor, der Uebermuth und der Streich, der dem Ablaßkram gespielt wurde, haben von jeher dafür gesorgt, daß man die That mehr auf ihre humoristische Derbheit als auf ihren sittlichen Gehalt geprüft hat. Ist es doch ein Hergang, der, wohl oder übel, etwas Leben und Farbe in die ziemlich farblose Frühgeschichte unserer Marken bringt.“ Einer durfte sich also nicht beklagen über den Überfall: Tetzel, das Opfer. Der hatte jenem Hake schließlich den Freibrief dafür am Vortag verkauft. Er durfte froh sein, dass man ihm das Leben ließ.

Eine Frage bleibt offen: Ist die Geschichte wahr? Oder ist sie zu schön, um wahr zu sein? Der Ablass mit seinen Absurditäten ist überliefert, der Überfall auf Tetzel am Golmberg nicht. Tetzel gab es, und Hans von Hake, gemeinhin Hake von Stülpe, auch. Den eisenbeschlagenen Kasten in der Südkapelle der Nikolaikirche von Jüterbog, den auch Fontane erwähnt, gibt es immer noch. Übrigens nicht zu verwechseln mit dem „Tetzelkasten“, der in derselben Kirche ausgestellt ist: einer weit längeren, ungeschützten Truhe aus Holz, die wohl kaum als Behältnis für hohe Ablasssummen in einem Pferdewagen unterwegs gedient haben dürfte, auch wenn der Name dies andeutet. Chemische Analysen ergaben, dass sie aus dem 13. Jahrhundert stammt. Man nimmt an, dass darin Akten aufbewahrt wurden.

Und noch etwas: Der Ablasshandel zählt zu den absurdesten, gleichzeitig durchschaubarsten Inkassostrategien der Kirchengeschichte, ein Instrument zur Umverteilung von unten nach oben, zum Machterhalt. Doch auch Tetzels Goldstücke hatten zwei Seiten: Repräsentative Bauten wie der Petersdom – nach heutigen Maßstäben mehrere Milliarden Euro schwer –, Kunstwerke von Weltrang wie die Sixtinische Kapelle, diverse weitere Werke von Michelangelo und vieles mehr, was wir jetzt auf einer Rom-Reise andachtsvoll bewundern, wurden durch die „klingenden Gelder“ im Kasten erst möglich. Heute würde man sagen: durch unfreiwilliges Crowdfunding für die schönen Künste.