Berlin

Wie sicher ist der Fingerabdruck?

Mit elektronischen Systemen können Besitzer ihre Eigenheime bislang nicht ausreichend schützen. Solide mechanische Sicherungen sind weiterhindas A und O im Kampf gegen Kriminelle

Berlin.  Das Experiment dauert keine Viertelstunde – und entwertet in diesen Minuten eine Technik, von der sich Sicherheitsingenieure den beinahe perfekten Einbruchsschutz versprochen haben. Wissenschaftlern der Michigan State University im amerikanischen East Lansing ist es gelungen, mit einem Smartphone und Büroutensilien einen Fingerabdruck zu kopieren und damit ein Smartlock – ein schlüsselloses Türschloss – zu knacken.

Biometrische Schutzsysteme galten bislang unter Anbietern von Sicherheitssystemen als Erfolg versprechendste Waffe gegen Einbrecher. Der Grund: Kein Fingerabdruck eines Menschen gleicht dem eines anderen. Daher sollten Schließgeräte, die mithilfe eines Scanners und eines Minicomputers, die Muster lesen und vergleichen können, nur jenen Zugang gewähren, deren biometrische Daten im System gespeichert wurden. Um zu verhindern, dass Einbrecher ihren Opfern einen Finger abhacken, um in deren Häuser zu gelangen, sind die Biometrie-Schlösser mit sogenannten Kapazitiv-Sensoren versehen. Diese messen, ob in dem vor das Schloss gehaltenen Finger Nerven aktiv sind oder nicht. Auch gegen Stromausfall haben die Entwickler die Systeme gefeit. Batterien sorgen dafür, dass die Türschlösser auch dann funktionieren, wenn das Netz zusammenbrechen sollte.

Doch die vermeintlich ausgereifte Technik ist durch das Experiment an einer US-Universität vorerst obsolet geworden. „Fingerabdruck-Sensoren können einfach und schnell ausgetrickst werden“, sagt Anil Jain, Professor für Computerwissenschaften und Ingenieurwesen. Dazu sei nicht mehr nötig, als ein Fingerabdruck des Eigentümers – und die lassen sich an Türen zuhauf finden.

Das erscheint auf den ersten Blick wie ein herber Rückschlag im Kampf gegen die weltweit wachsende Kriminalität. 2015 registrierte das Bundeskriminalamt in Deutschland 167.136 Haus- und Wohnungseinbrüche; 15.013 Delikte mehr als im Vorjahr. Ein Plus von 9,9 Prozent. Zur Begleichung der Schäden mussten die Versicherungen den bisherigen Rekordbetrag von 530 Mio. Euro aufbringen. „Im Jahr zuvor lag die Versicherungsleistung bei 480 Millionen Euro“, sagt Jörg von Fürstenwerth vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV.

Doch ein zweiter Blick zeigt, dass im Kampf gegen die wachsende Kriminalität die Hoffnungen der Polizeiexperten gar nicht auf Fortschritten in der digitalen Technik beruhen. Sie setzen sie nicht primär auf neue elektronische Systeme. Im Gegenteil: „Ohne solide mechanische Sicherungen lassen sich Einbrecher nicht stoppen“, sagt Andreas Mayer, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Die Einrichtung in Stuttgart ist die zentrale Stelle im Vorbeugeprogramm der deutschen Polizeibehörden.

„Die besten elektronischen Helferlein sind nutzlos, wenn die Täter einfach Fenster oder Türen aushebeln können“, sagt Mayer. Verhindern lässt sich das nur, wenn Pilzkopfverriegelungen die Fenster sowie Sicherheitsschließbleche, Balken- oder Querriegelschlösser oder Mehrpunktverriegelungen die Türen schützen. „Wenn ein Einbrecher nicht binnen einer Minute in das Objekt gelangen kann, zieht er weiter zur nächsten Immobilie“, sagt der Experte. „Den Täter ist sonst das Risiko zu groß, von Fußgängern oder Nachbarn gesehen zu werden.“

Zu wenige haben einen mechanischen Schutz

Ein ausreichender Basisschutz sei bereits gegeben, wenn der Schutz von Fenster und Türen der Widerstandsklasse II, neudeutsch Resistance Class II, entspreche. „In diesen Fällen ist es nicht mehr möglich, mit einem einfachen Schraubendreher einzubrechen“, sagt Mayer. Mit diesem Werkzeug seien die meisten Einbrecher unterwegs, da es sich leicht verbergen lasse. Noch mehr Schutz böten mechanische Sicherungen der Widerstandsklassen III und IV. Schutzvorkehrungen der Widerstandsklasse III können mit einem Kuhfuß oder einem kleinen mechanischen Bohrer erst nach fünf Minuten Arbeit überwunden werden. Fenster und Türen der Widerstandsklasse IV halten sogar Axt, Stemmeisen und Akku-Bohrmaschine mindestens zehn Minuten stand. Das Problem ist nur: Viel zu wenige Immobilieneigentümer haben die mechanischen Schutzvorkehrungen installiert. „Einbrechern wird es in Deutschland immer noch zu leicht gemacht“, sagt GDV-Chef von Fürstenwerth. Viele Häuser seien gar nicht oder nur durch veraltete Systeme geschützt. „Die in Fenstern und Türen eingebaute Sicherungstechnik ist oft nicht auf dem neuesten Stand“, sagt von Fürstenberg. Das heißt aber nicht, dass elektronische Systeme grundsätzlich unsicher wären. Unternehmen und Behörden, die Wert auf höchste Sicherheit legen, schützen ihre Gebäude bereits heute erfolgreich mit digitalen Türschlössern, die mit Venenscannern versehen sind. Wie ein Fingerabdruck ist auch die Venenstruktur in der Hand eines jeden Menschen unterschiedlich. „Mit einem Venenscanner gesicherte Türen können nicht von Einbrechern überwunden werden, da die dreidimensionale Gefäßstruktur in der Hand nicht nachgeahmt werden kann“, sagt Christoph Meyer, Marketingleiter beim Türenhersteller Frank. Zum Schutz von Eigenheimen würden Venenscanner bislang kaum genutzt, sagt Meyer, da sie mit etwa 9000 Euro pro Tür noch zu teuer seien.

Was elektronische Schließsysteme in jedem Fall bieten, ist hoher Komfort. Das beste Beispiel ist das berührungslose Türentriegelungssystem des erst 2012 gegründeten Berliner Unternehmens Kiwi.ki. Ein Transponder, der elektronische Daten aussendet, ersetzt hier den Schlüssel. Das System gleicht damit der Keyless-Go-Technik in modernen Autos. Vor allem bei Wohnungsgesellschaften ist die Technik begehrt. Eine Reihe großer Unternehmen, von den Berliner Gesellschaften degewo und Gesobau über die Vonovia bis hin zur TAG Wohnen setzen das System bereits ein. Die Verwaltung der Häuser werde damit stark vereinfacht, sagt Ulrich Jursch von der degewo.

Eigenheimbesitzer können von der Berliner Technik bislang nicht profitieren. „Wir bieten das System vorerst nur für Wohnungsunternehmen und -verwalter an“, sagt Rubin.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.