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Genug gedarbt?

Die Fastenzeit ist zu Ende. Doch wie fängt man nach der Enthaltsamkeit wieder an?

Es ist fast 35 Jahre her. Das peinlichste Fastenbrechen, das der Autor erlebt hat. Als Wohngemeinschaft, die sowohl gewissem öko-anarchistischem Gedankengut nicht abgeneigt als auch fernöstlichen spirituellen Ideen recht zugetan war, kam uns eines Nachts die Idee des Fastens auf. Ob die Initiative von dem ehemaligen Bhagwan-Anhänger ausging, der einmal die Woche mit einer Flasche sündhaft teuren Taunusheilquellwassers zu Besuch kam, oder von dem fanatischen Leser des tibetanischen Totenbuches, ist in der Erinnerung verblasst. Jedenfalls wurde am großen blauen WG-Tisch beschlossen, zu fasten.

Vorher musste im Plenum unter Zuhilfenahme einiger Liter Rotwein und, als der alle war, von Schultheiss-Pils aus der Kneipe gegenüber klargestellt werden, dass dieses WG-Fasten ausschließlich dem hehren Ziel der Reinigung von Körper und Geist diene. Irgendwie war tief im Unterbewusstsein eine Ahnung freigesetzt worden, dass mit dem überbordenden Rausch- und Genussmittelkonsum sowie dem maßlosen Verzehr riesiger Fleischportionen beim „Griechen“ und „Jugo“ dem Körper auf Dauer nicht wirklich die optimale Nahrung zugeführt wurde.

Das Unterfangen Fasten wurden alsdann mittels einer Fastenfibel, Glaubersalz zur spontanen Darmentleerung sowie der Zubereitung großer Mengen Gemüsebrühe unter bangen Diskussionen, wie das alles funktioniert und ob man durchhält, in die Wege geleitet. Drei Abbautagen mit geriebenen Äpfeln und Natursäften aus dem feministisch betriebenen Bioladen folgten fünf Tage strikten Fastens mit Gemüsebrühe als einzigem Nahrungsmittel. Zum Glück konnte man davon guten Gewissens mehrere Liter zu sich nehmen. Einige ältere Mitglieder der Wohngemeinschaft baten sich aus, eine kleine Portion gekochten Dinkel mit Sesampaste am Abend zu sich nehmen zu dürfen, sonst sähen sie sich außerstande, mitzufasten. Nach dem dritten Tag des Vollfastens, bis dahin war alles bis auf kurze Wahnvorstellungen von Schusterjunge mit Leberwurst und Senf gut gelaufen, kam die Frage auf, wie denn nun das Fasten genau zu brechen sei.

Der Fastenbeauftragte der WG belas sich in der Fastenfibel und verkündete: „Drei Aufbautage. Wir beginnen mit geriebenem und geschnittenem Apfel am ersten Tag, dann kommen gekochter Reis oder Dinkel mit Gemüsebrühe, am dritten Tag gekochtes Gemüse.“ Die sofort gestellte Frage nach Bier oder Wein wurde mit einem knappen „frühestens ab dem fünften Tag“ beantwortet.

Nun begab es sich aber, dass nach dem ersten, köstlich und wunderbar geriebenen Apfel und dem wenige Stunden später folgenden Genuss von noch köstlicheren Spalten eines säuerlich-knackigen Braeburn-Apfels das unbändige Verlangen aufkam, eine dünne Scheibe Vollkornbrot zu essen.

Was folgte, war ein Desaster. Denn die erste frugale, nackte Scheibe Vollkornbrotes weckte einen zügellosen Jieper nach Käsestulle, gefolgt von Wurstbrot. Schnellen Schrittes suchten wir anschließend die Pizzeria unseres Vertrauens auf. Der Wein zur Pizza schmeckte herrlich. Um es kurz zu machen, nach jeweils fünf bis acht Hefeweizen lagen wir mit Bauchschmerzen auf dem Bett und fühlten uns hundeelend. Elf Tage Fasten, inklusive der Ab- und Aufbautage, perdu.

„Fastenbrechen sollte auf jeden Fall vorsichtig geschehen“, meint Professor Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel-Krankenhaus Berlin in Wannsee. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Fasten, zuerst am Krankenhaus Moabit. Auch er kennt die Problematik des körpergerechten Fastenbrechens aus eigener Erfahrung. „Letztlich geht es darum, so behutsam wie möglich zur normalen Ernährung zurückzukommen“, erklärt der 55-Jährige. Gerade bei der sieht Michalsen allerdings eine besondere Problematik. Denn die Essgewohnheiten eines Großteils der Bevölkerung aus heutigen Industriegesellschaften seien eigentlich nicht normal. Grund ist seiner Ansicht nach, dass wir uns „ernährungsphysiologisch gewissermaßen noch immer in der Steinzeit befinden“, so Michalsen. Über Jahrtausende war Hunger ein ständiger Begleiter der Menschheit. Aus diesem Grund werde heute so viel gegessen. Denn unser Unterbewusstsein habe gespeichert, dass die Spezies Mensch nie genau wusste, wann es wieder etwas zu essen gibt. Also wurde und wird bis heute gegessen, wenn Essen vorhanden ist und der Appetit beispielsweise durch Gerüche geweckt wird. „In der Regel essen wir heute dreimal täglich. Dazu kommen, gerade in den letzten Jahren verstärkt, zwischendurch zahlreiche Snacks und Süßigkeiten. Das ist schlicht zu viel“, konstatiert Professor Michalsen.

Für wie bedeutsam die Weltreligionen trotz des häufigen Mangels an Essen das Fasten erachten, zeigt sich in dem großen Stellenwert, dem sie dem Fasten einräumen. Im Judentum, der ältesten Weltreligion, mit Jom Kippur ebenso wie mit dem Ramadan bei den Moslems. Im Hinduismus gibt es keine expliziten Vorschriften zum Fasten, doch spielen Verzicht bei der Ernährung und Askese eine bedeutende Rolle in der hinduistischen Gesellschaft. Sie können sogar für politische Ziele eingesetzt werden, wie es etwa Mahatma Gandhi getan hat.

In den christlichen Religionen spielt Fasten ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch, weil das Gegenteil, die Völlerei, bereits früh als Todsünde galt. Möglicherweise flossen auch Erkenntnisse vorchristlicher Schamanen und Heiler in die Religionslehre ein, die über den Nutzen von heilendem Fasten Kenntnis hatten. So galt beispielsweise zu frühen Zeiten die vierwöchige Advents- und Weihnachtszeit als Fastenzeit. Erst zu Heiligabend wurde dann wieder ordentlich gegessen. Später änderte sich diese Praxis und es wurde drei Monate später, von Aschermittwoch bis Karfreitag gefastet.

Doch diese strenge Praxis wird von der katholischen Kirche schon lange nicht mehr vorgegeben. Nur noch diese zwei Tage schreibt der Kirchenkodex Codex Iuris Canonici explizit als Fastentage vor. „Abstinenz und Fasten ist zu halten an Aschermittwoch und Karfreitag“, steht dort geschrieben. Weiterhin schreibt die Bischofskonferenz vor, Abstinenz von Fleischspeisen an allen Freitagen des Jahres zu halten, „wenn nicht auf einen Freitag ein Hochfest fällt“. Ausgeschlossen von dieser Vorschrift sind Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 14 Jahren und Senioren ab 60 sowie Kranke und Menschen, die an diesen Tagen schwere körperliche Arbeiten verrichten. „Wir nennen die Fastenzeit heute Vorbereitung auf Ostern“, erklärt Stefan Förner, Pressesprecher des Erzbistums Berlin.

Erstmalig erwähnt wird eine 40-tägige Fastenzeit im Matthäus-Evangelium, als Jesus in die Wüste geht. „Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger.“ Dann erschien Satan und wollte Jesus in Versuchung führen. Der aber blieb standhaft. Kurz danach trat Jesus öffentlich auf und verkündete seine Heilslehre. Was die Evangelisten allerdings nicht schildern, ist, wie Jesus nach den 40 Tagen sein Fasten gebrochen hat.

„Gerade das ist ein sehr elementarer Teil des Fastens, bei dem immer viel falsch gemacht werden kann“, betont Ernährungsexperte Professor Michalsen. Er empfiehlt einen behutsamen, drei- bis viertägigen Aufbau zur Normalkost. Für elementar wichtiger hält er allerdings, wie es nach dem Fastenbrechen weitergeht. Seiner Ansicht nach ist das nur sinnvoll durch eine über das ganze Jahr verfolgte, gesunde Ernährung. Dazu gehören „so wenig tierische Eiweiße, also Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier wie möglich“. Michalsen ist sich sicher, „mit dem richtigem Lebensstil können wir 90 Prozent der Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten ausschließen“. Durch zusätzliches regelmäßiges Fasten lassen sich seiner Meinung nach auch Diabetes, Bluthochdruck, Rheuma, Darmerkrankungen, aber auch Schmerzsyndrome wie Migräne, Arthrose und Rückenschmerzen lindern. Im Bezug auf heilsame Ernährung und Fasten vertritt Michalsen eine bemerkenswerte Ansicht: „Fasten beginnt bereits nach 14 bis 16 Stunden.“ Deshalb empfiehlt er, möglichst lange Pausen zwischen den Nahrungsaufnahmezeiten einzulegen.

Ein Plädoyer für nicht mehr als zwei Mahlzeiten am Tag

Dafür bietet sich seiner Meinung nach gut das frühe Abendessen an. Im Idealfall um 18 Uhr spätestens die letzte Mahlzeit einnehmen und dann um 8 Uhr morgens frühstücken. Die lange Pause sei aus wissenschaftlich untersuchten Gründen nötig, weil sich Körperzellen erst nach längerer Zeit mit dem „Aufräumen“ beschäftigen können. Erst wenn sie keine Energiezufuhr mehr erhalten und alles verdaut und verarbeitet haben, beginnen sie, salopp gesagt, „Schrotteiweiß“ abzubauen. Das geschieht, indem die Zellen Proteine quasi einpacken und neu zusammenbauen oder über die Blutbahn in die Leber abtransportieren. Wenn man aber fortwährend Eiweiß, vor allem tierisches, und dazu noch Zucker zuführt, „schaffen das die Zellen gar nicht“. Deshalb plädiert Michalsen für etwas sehr Ungewöhnliches: nur zwei Mahlzeiten pro Tag. Die Idee dabei ist, die Körperzellen in eine Art gesunden Stress zu versetzen.

Wie geht so etwas im Alltag, beispielsweise, wenn man ein spätes Essen mit Freunden oder Geschäftspartnern hat, zu dem es möglicherweise noch ein Glas Wein gibt? „Dann lasse ich einfach am nächsten Morgen das Frühstück ausfallen. Dann gibt es nur eine Tasse Kaffee, Espresso, aber ohne Milch und Zucker.“

Eine Fastenzeit ganz anderer Art propagiert seit mehr als 30 Jahren die evangelische Kirche. 1983 taten sich in Hamburg Journalisten und Theologen zusammen und riefen „Sieben Wochen ohne“ ins Leben. Seit 1992 wird diese besondere Fastenaktion bundesweit durchgeführt. Motto dieses Jahr war „Sieben Wochen ohne Sofort“. Dieses Jahr ging es dabei um die „digitale Völlerei“ bei Computer und Smartphone, „aber auch das alltägliche Gehetztsein auf dem Weg zur Arbeit, im Beruf“, erläutert Johannes Popp, Pressesprecher der Evangelischen Verlagsanstalt. Er betreut im Auftrag des in Frankfurt/Main ansässigen Kuratoriums die Öffentlichkeitsarbeit der Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“.

Auf leibliches Fasten verzichtete bereits Martin Luther, der große Reformator und Begründer der Evangelischen Kirche. „Es ging ihm und den anderen Reformatoren eher um den anderen, neuen Blick auf das Thema Fasten“, so Johannes Popp. In diesem Sinne sind die verschiedenen Themen der „Sieben Wochen ohne“ zu verstehen. „Ohne Ausreden“, „ohne Geiz“, „ohne Runtermachen“ lauteten einige Mottos in den vergangenen Jahren. „Aber mit dem Thema ‚Hetze‘ haben wir dieses Jahr einen Volltreffer gelandet“, berichtet Popp. Mehr als 1300 Medienberichte habe es bislang gegeben. Das Motto für das kommende Jahr ist noch geheim, erst im Juni wird es veröffentlicht. „Wichtig ist uns, dass die Hunderttausenden Menschen, die an unserer Aktion teilgenommen haben, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen mit in den Alltag nehmen“, sagt Johannes Popp. „In dem Sinne ist das Fastenbrechen auch bei unserer Aktion ein wichtiger Moment. Wir wünschen uns, dass die Menschen ruhiger und besinnlicher mit der digitalen Technik, aber auch mit ihrer Zeiteinteilung, umgehen.“

Das wünscht sich auch Stefan Förner zum Ende der katholischen Fastenzeit. „Es geht immer darum, aus diesen Zeiten der Abstinenz und des Fastens etwas mit in den Alltag zu nehmen.“ Professor Michalsen sieht im Fasten und dem harmonischen Fastenbrechen eine große Chance. „Wenn man erlebt, wie gut und gesund man sich fühlt, wenn man dauerhaft auf schädliche Nahrungsmittel wie tierische Eiweiße verzichtet oder stark reduziert, wenn Leiden spürbar weniger werden, dann hat man die Chance, daran anzuknüpfen. Natürlich ist niemand perfekt, und es gibt immer wieder Momente, in denen man einen Rückfall haben kann oder einen Ausrutscher hat. Aber die bewusste Erfahrung bringt die Änderung in den Alltag, und darum geht es.“

Auch die Mitglieder der Schöneberger WG haben ihre Konsequenzen aus dem katastrophalen ersten Fastenbrechen vor drei Jahrzehnten gezogen. Einige fasteten seither nie mehr. Andere haben noch mehrere weitere Fastenkuren absolviert und sich nach disziplinierten Fastenbrechen zumindest für einige Wochen eine gesündere Ernährungsweise in den Alltag gerettet. Die meisten haben inzwischen das Rauchen aufgegeben, andere trinken sieben Wochen im Jahr keinen Alkohol, essen weniger oder gar kein Fleisch, achten verstärkt auf die Qualität der Lebensmittel, die sie einkaufen. Heilige sind wir keine geworden, aber vielleicht etwas weniger teuflisch, was die Ernährung und den Umgang mit dem eigenen Körper angeht. Immerhin.