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Reden mit den Händen

Dolmetscher für Gebärdensprache vermitteln zwischen Hörenden und Gehörlosen

MAX MÜLLER

Flink bilden die Hände von Lea Bierotte unterschiedliche Formen und Zeichen. Ihr Mund bewegt sich, es sieht aus, als wolle sie sprechen. Doch Töne kommen keine heraus. Dafür ändert sich ihre Mimik ständig. Und auch ihre Körperhaltung scheint sie unentwegt zu justieren. „Die Gebärdensprache ist eine visuelle Sprache“, erklärt sie wenig später. „Man spricht nicht nur mit den Händen, sondern mit dem gesamten Körper – und mit dem Gesicht. Es gibt grammatikalische Aspekte, die rein über Mimik ausgedrückt werden.“

Obwohl die 28-Jährige hörend ist, beherrscht sie doch die Kunst, mit Gebärden zu kommunizieren. Das hat Lea Bierotte in Hamburg gelernt. An der dortigen Universität studierte sie dreieinhalb Jahre Gebärdensprachdolmetschen. Nun sorgt sie als freischaffende Dolmetscherin dafür, dass sich Hörende und Gehörlose verständigen können. „Ich werden überall dort gebraucht, wo beide Gruppen aufeinandertreffen: am Arbeitsplatz, bei Betriebs- und Personalversammlungen, in Schulen und Universitäten, bei Behördengängen und Arztbesuchen.“ Hamburg bietet einen Master für Gerichts- und Konferenzdolmetschen an.

Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache staatlich anerkannte Amtssprache. Die Community ist klein. Gut 200.000 aktive Sprecher gibt es. Rund 80.000 von ihnen sind gehörlos, die restlichen Sprecher hören entweder sehr schwer oder lernen die Sprache, um leichter mit Freunden und Familienmitgliedern zu kommunizieren – oder eben aus professionellen Gründen.

Neben Hamburg bieten die Universitäten und Fachhochschulen in Magdeburg, Landshut und Zwickau eine akademische Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher. An ihren Standorten Idstein und Frankfurt hat die private Fresenius Hochschule einen berufsbegleitenden Master eingerichtet. Mit den „Deaf Studies“ hat die Humboldt-Universität in Berlin einen Studiengang entwickelt, der Sprache und Kultur der Gehörlosen gleich gewichtet. „Gehörlose haben einen sehr eingeschränkten Zugang zur lautsprachlichen Kultur. Daher ist die Gemeinschaft eng verbunden. Man kennt sich ganz schnell, weiß, wer wo was macht. Die Community versteht sich als sprachliche Minderheit mit eigener Kultur.“

Die meisten Hochschulen haben kleine Studiengänge mit 15 bis 25 Studierenden. Zwar gibt es selten einen Numerus Clausus, doch verlangen bis auf Hamburg alle Universitäten Vorkenntnisse, die in Einsteigerkursen erworben werden.

Die bekanntesten Berliner Gebärdensprachschulen sind die Marzahner Gebärdenfabrik, der Gebärdenservice in Kreuzberg und Yomma, eine Schule, die im nördlichen Prenzlauer Berg beheimatet ist. Daneben bieten verschiedene Volkshochschulen Schnupperkurse an. Die Kleinsten lernen ihre ersten Gebärden bei den Wichtelhänden. „Lange bevor sie sprechen können, produzieren Babys Gebärden, wenn deren Eltern mit ihnen gebärdensprachlich kommunizieren“, erklärt Lea Bierotte. „Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Gebärden erst seit wenigen Jahren existieren.“

Gebärdensprachdolmetscher müssen nicht nur gut hören und ihren Körper gründlich kennen, die meisten von ihnen brauchen auch kaufmännisches Geschick. Feste Stellen sind eher die Ausnahme, die meisten von ihnen arbeiten selbstständig. Doch genau hier wird es schwierig, denn ein einfaches Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis existiert nicht. „Ich befinde mich meistens in einer Dreiecksbeziehung. Die Auftraggeber sind die Gehörlosen, die einen Dolmetscher brauchen. Bezahlt werde ich aber von Firmen, Vereinen und vor allem Behörden“. Das können Arbeitsamt, Bezirksamt, Krankenkassen, Integrationsamt oder Schulbehörde sein.

„Zum Glück haben wir gut organisierte Berufsverbände. Die haben mir den Wohnortwechsel nach Wiesbaden enorm erleichtert.“ Und noch etwas ist anders: es gibt verschiedene Dialekte. Allein diesen zu erlernen, ist schwierig; ins Ausland zu gehen, praktisch unmöglich. „Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache“, konstatiert sie.

Dennoch ist Lea Bierotte mit ihrer Berufswahl zufrieden. „Das spannende an dem Beruf ist, dass ich jeden Tag woanders bin. Es ist abwechslungsreich. Ich bekomme Einblicke in unterschiedliche Berufsfelder.“ Doch sie ist auch täglich gefordert. „Manchmal überlege ich schon, ob ich bis zur Rente durchhalte. Schließlich ist die Arbeit körperlich und kognitiv anspruchsvoll. Was mache ich, wenn mein Hörvermögen nachlässt oder ich weniger mobil bin?“

Die Unsicherheit rührt auch daher, dass es noch keine Altersvorbilder gibt. Der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers ist noch jung, aber schon etabliert. Die Vorreiter von Lea Bierotte haben bereits viel Pionierarbeit in Hinsicht auf die Anerkennung des Berufsstandes geleistet.