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Alles im Griff

Auf der Suche nach dem perfekten Eisen: Seit neun Jahren fertigt Christian Charlier in seinem Geschäft an der Kurfürstenstraße in Tiergarten maßgeschneiderte Golfschläger – sowohl für Anfänger als auch für Profis

Der Weg führt vom buckligen Kopfsteinpflaster der Kurfürstenstraße in einen Gewerbehof. Hier würde man nicht einen der exklusivsten Golf-Läden Berlins vermuten. Eine Treppe höher betritt man das Studio, in dem Christian Charlier seine Kunden empfängt. Der 38-Jährige wirkt ein wenig wie das Klischee eines Golflehrers, weltgewandt, gewinnendes Lächeln, charmant, eloquent, natürlich mit sportlicher Figur.

Chic sieht es allerdings in der Fa­briketage nicht aus, eher wie in einer Werkstatt, und genau das betreibt der gebürtige Schmargendorfer hier. An den weißen Wänden hängen Hunderte Schäfte und Griffe, in Regalen lagern die unterschiedlichen Schlägerköpfe von Dutzenden Herstellern. Das Hauptgeschäft von Charlier ist das Verbauen von hochwertigen Schlägerkopf- und Schaft-Komponenten für individuell zugeschnittene Golfschläger, die hohe Qualität und Präzision in der Verarbeitung versprechen. Dass es sich hier um eine besondere Verkaufsstätte handelt, merkt der Besucher, wenn er die erste Tasse Espresso aus der Siebträgermaschine vom Chef persönlich gereicht bekommt. Es ist eine erstaunlich kräftige, aromatische und zugleich sehr milde Sorte, die er sich nach eigener Rezeptur rösten lässt. "Individualität ist mein Geschäftskonzept", führt Charlier aus.

In einem Nebenraum irritieren seltsame Geräusche: ein lauter Knall, ein kurzes Stöhnen, englische Sprachfetzen. Hier übt Golflehrer Gavin Long mit einer Mittvierzigerin den Schlag mit einem Eisen 7. Von einer Abschlagmatte schlägt die Schülerin den Golfball auf ein Leinwandnetz in sechs Meter Entfernung. Auf das Netz wird eine Golfrange projiziert. Hinter der Frau nehmen ein Trackman 4 Golf-Simulator mittels Doppler-Radar und eine Kamera ihre Bewegung auf.

Der Golf-Simulator sammelt Dutzende von Daten

Mit modernster Technik erhält sie nach ihrem Schlag auf zwei Monitoren zum einen die Aufnahme ihrer Körperbewegung vom Ausholen bis zum Treffmoment, zum anderen mit welchem Winkel sie schlägt, welche Geschwindigkeit der Ball hatte, wie weit und in welche Richtung er geflogen wäre sowie ein halbes Dutzend weiterer Daten. "Das ist einerseits wichtig, um sich seine eigenen Bewegungsabläufe klarzumachen. Andererseits kann ich als Mechaniker dem Schläger aufgrund dieser Daten ein exakt passendes Fitting für den jeweiligen Golfer verpassen." Denn jeder Golf spielende Mensch schlägt anders, hat andere Körperproportionen und -haltungen. "Deshalb sollte jeder Schläger auch genau auf Schlagtechnik, Fitnesslevel und Körpermaße hin angefertigt sein", erklärt Charlier. Die Frage, ob das nicht extrem teuer bei bis zu 14 verschiedenen Schlägern sei, beantwortet er mit einem verschmitzten Kleinjungenlächeln. "Für Anfänger reichen eigentlich drei, vier Schläger. Ein bis zwei Eisen, ein Hybrid und ein Putter. Vier gute individuell angefertigte Schläger kosten zusammen etwa 500 bis 750 Euro." So viel kostet zwar auch ein Set mit neun Schlägern, "aber die passen vielleicht nicht zur Konstitution und zur Schlagtechnik der Spielerin oder des Spielers."

Wenn Christian Charlier über Golf spricht, ist er in einer Welt, die er seit seinem zwölften Lebensjahr kennt. Sein englischer Großvater führte ihn an den Sport heran. "In Großbritannien war das im Gegensatz zu hier kein Elitensport. Wir spielten in Berlin auf den einzigen Plätzen die es damals gab, bei den Briten in Gatow, den Amis in Wannsee und nebenan bei den Berlinern", erinnert sich Charlier, dessen Familie väterlicherseits hugenottischer Abstammung ist. Er wuchs zweisprachig auf, ging auf die John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf, und spielte Golf. Nach der Schule ging es aufs Golf College in Guildford in der Nähe von London, er machte einen Abstecher auf die Thames Valley University und wollte dann Golfprofi werden. "Als ich merkte, dass ich davon nicht leben konnte, habe ich eine dreieinhalbjährige Ausbildung als PGA Golf Professional absolviert." Und nebenbei arbeitete er in einem Golfausstattungs- geschäft. "Das Besondere an einer Golflehrer-Ausbildung in Großbritannien ist, dass man dort auch lernt, selbst Schläger zu bauen."

Geschmiedete Stahlköpfeaus Japan und den USA

Diese Geschäftsidee nahm er auf, als er nach weiteren Jahren in Großbritannien nach Berlin zurückkehrte. Mittlerweile zählt er zu den führenden Golfsportausstattern der Stadt. Seine Einzelteile kauft er weltweit bei Zulieferern ein, geschmiedete Stahlköpfe beispielsweise in Japan und den USA. Dann wird unter Dutzenden Griffen je nach Größe und Schäften je nach Gewicht, Länge und Flexibilität ausgewählt.

Wenn Griffe und Schaft passen, kommt der schwierigste Teil. Nun muss der Schlägerkopf im richtigen Winkel angebracht werden. Dabei kommt wieder die Videotechnik zum Einsatz. Sowohl der Horizontal- als auch den Vertikalwinkel des Schlägerkopfes werden genau eingestellt. "Wenn der Schläger fertig ist, kann er eine Woche ausprobiert werden. Sollten weitere Anpassungen nötig sein, machen wir die", erklärt Christian Charlier. Dann wird es Zeit für den nächsten Kaffee.

Charlier Golf Services Kurfürstenstraße 13–14, Tiergarten, Tel. 85 62 16 44, Mo.–Fr., 10–17 Uhr, www.charliergolf.com

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