Kolumne

Frau Keseling stapft durch Stadt und LandBerlin kann es eigentlich nicht geben

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Eine kluge Kollegin twitterte neulich: Einmal pro Quartal muss in den Medien ein sogenannter Artikel zum „Failed State Berlin“ erscheinen. Ein Text also, der mit klugen Beobachtungen und feinen Vergleichen den Beweis führt, wie unfassbar die deutsche Hauptstadt ist. Wie verantwortungslos die Politik, wie selbstverliebt die Bewohner und wie tief der Krater, den der Scheinflughafen BER in die deutsche Volksseele gerissen hat – oder nein, das war jetzt übertrieben; bedauert wird meist nur das entsprechende Loch in der Staatskasse.

Glaubt man den Failed-State-Fachautoren (bei manchen Medien gibt es dafür scheinbar eigene Ressorts), ist die deutsche Hauptstadt geprägt von lebensfeindlicher Bürokratie (um zu heiraten, muss man sich in Berlin-Mitte um vier Uhr morgens anstellen), von bürgerfeindlicher Politik (Unisextoiletten statt Schulklos) und einem tödlichen Verkehrssystem, an dem sowohl die BVG (warum? – „Is mir egal“), die S-Bahn (zu spät), die Tiefbauämter (Schlaglöcher), als auch, natürlich, die Fahrradfahrer schuld sind. Die sind die Schlimmsten (außer der Failed-State-Autor ist selber einer).

Einer nicht repräsentativen Untersuchung der Failed-State-Berlin-Artikel der vergangenen Jahre zufolge sind am Untergang Berlins außerdem die marode Ausstattung der Berliner Polizei schuld (geht mit Billo-Pistolen vom Gebrauchtmarkt auf Gangsterjagd), die Bezirksämter, die als gewählte Vertretungen des Laubenpiepertums die Landesregierung vor sich hertreiben sowie das Faktum, dass mit der Wiedervereinigung der Stadt 1990 „die Not das Elend geheiratet habe“, mithin das subventionierte West-Berlin die Resthauptstadt des gefallenen Staates DDR. Dit konnte ja nüscht wern. Sieht man ja heute.

Besonders infam ist den Artikeln zufolge aber die Mentalität der eingeborenen Berliner selbst. „Größenwahn und Borniertheit, verantwortungslose Wurschtigkeit und breitbeinige Provinzialität“ attestierte ihnen gerade die „Welt“ (der Autor lebt angeblich in Prenzlauer Berg). Die „Süddeutsche Zeitung“ wusste kürzlich von Kreuzberger Hausbesetzern zu berichten, die sich schon seit Jahrzehnten „in breitestem Schwäbisch als Ureinwohner stilisierten“. Das war lange bevor die viel beschworenen Latte-Macchiato-Mütter in Prenzlauer Berg dasselbe taten, doch das Trauma wirkt offenbar über Generationen weiter. Dazu kommt der Hang der Berliner zur Verwahrlosung (Müll, Sofas und Fernseher an allen Straßenecken), zu Drogen (Görli) und ausufernden Partys (RAW-Gelände, 1. Mai) und zu Gewalt in der U-Bahn.

In kaum einem Artikel fehlen die Stichworte Mutterwitz, Kafka, Lageso. Sie dienen als Beweise dafür, dass früher alles besser war in Berlin, zumindest der Humor, dass man die typische Berliner Wasserkopfbehördenkraken schon viel früher kannte („Das Schloss“ von Kafka) und dann das Lageso: Wer einmal dort war, weiß sowieso alles über die Failed City Berlin.

Man kann sich immer tiefer hineingoogeln in diese Failed-Literatur. Jedes dritte Berliner Kind lebt von Hartz IV. In Berlin wühlen Menschen im Müll. Berlin ist die Hauptstadt der Obdachlosen, Ratten, Diebe und Veganer, der Wildschweine, Singles und Spione. All diese Superlative ergänzt Google von sich aus, das Spiel lässt sich endlos weitertreiben. Am Ende steht man vor der elementaren Frage: Wie kann es sein, dass Berlin trotz all dem existiert? Die Antwort haben einige Autoren tatsächlich gefunden: Berlin sei ein „Utopia“, schrieb die „Welt“ jüngst. Anders gesagt: Berlin gibt es nur als Traum, respektive Albtraum der gebeutelten Restdeutschen, die das alles zahlen müssen. Kann gar nicht sein. Oder wie der Berliner sagt: Jeht nüscht jibs nüscht. Da bleibt nur: Weitermachen!