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Auch im Grab noch gut geschützt

Eine Urne aus Filz – die gibt es tatsächlich. Die Berliner Künstlerin Conny Weber gestaltet sie. Damit der Tod ein bisschen weniger nüchtern ist

Warum packt die Berliner Filzkünstlerin Conny Weber gerade Urnen in Filz? Und nicht etwa Brotdosen, Christbaumkugeln oder Laptops? Auf dem Weg zum Termin mache ich mir meine Gedanken. Und denke an meine helle Filzhülle für mein erstes iBook. Das Gerät war strahlend weiß und glänzend, im Gegensatz zu den Vorgängermodellen, die alle plump, schwarz und hässlich gewirkt hatten. Nun kam endlich Eleganz in mein digitales Leben. Und dieses Wunder ergänzte sich perfekt mit meiner selbst gemachten Hülle aus Filz. Es beruhigte mich zu wissen, dass mein technisches Wunder von warmer Wolle geschützt wurde und weder Kälte noch Schlägen ausgesetzt war.

Conny Weber lacht, als ich ihr die Geschichte erzähle. Es gehe ihr ähnlich, wenn sie klassische Urnen sieht. Eigentlich bräuchten sie keine weitere Hülle. Sie werden im Krematorium mit der Asche der Toten gefüllt und mit einem Deckel, in den Namen und Lebensdaten eingraviert sind, verschlossen und versiegelt. Früher aus Blech, nun aus abbaubarem Bio-Kunststoff erfüllen sie schlicht und schwarz ihre Aufgabe: Die irdischen Reste zu transportieren und eine Zeit lang zu bergen. Wer will, kann die Aschekapsel für die Bestattung in eine sogenannte Schmuckurne stellen. Die sind aus Metall, Keramik, Stein. Oder eben aus Filz – wie jene von Conny Weber.

2015 wurden in Berlin 14.349 Verstorbene anonym bestattet, das ist ein Anteil von 45 Prozent. Die Asche ruht dann meist in der uniformen Aschekapsel vom Krematorium. Oder nicht, weil die Angehörigen einen Weg finden, sie an einem Lieblingsort zu verstreuen. Das ist in Deutschland verboten, es gibt aber ein paar wenige Ausnahmen. Zum Beispiel auf dem Landschaftsfriedhof Gatow, dort wurde auf einer Wiese eine Aschegemeinschaftsgrabstätte eingerichtet. In alle Winde verstreuen – klingt romantisch, aber das romantische Gefühl vergeht schnell wieder, wenn man weiß, dass hier nur unterirdisch gestreut wird.

Lose Asche ohne Urne wäre für Conny Weber nichts. Sie nimmt ihre Urnen gern in die Hand und streicht über die Wölbungen und Fasern. Sie fühlen sich gut an, der Filz ist rau und im Gegensatz zu einer Metallurne weich und warm. Am liebsten würde ich jetzt den raffiniert gefalteten und gedrehten Verschluss zwirbeln, zausen und auf- und zumachen. Schon allein, um zu verstehen, wie er funktioniert, so ganz ohne Bänder und Klettverschluss. Aber ein bisschen Respekt bleibt dann doch. Der Tod ist kein Kuscheltier.

Conny Webers Filzurnen sind in der Welt der Urnen eine gestalterische Revolution. Sie sind schlicht, elegant und von zarter Wirkung, obwohl der Filz dick und robust ist. Sie unterscheiden sich wohltuend von der Konkurrenz, die gerne verkitscht, verspielt oder altmodisch hausbacken daherkommt. Schöne klare Linien findet man selten.

Aber Conny Weber denkt noch weiter. Sie findet, dass es für Berlin wieder an der Zeit wäre, die Toten mit mehr Sorgfalt und Schönheit zu beerdigen. Genau weil der Tod selbst alles andere als schön ist. Das letzte Geleit ist auch das letzte Fest. Warum also nicht entsprechend gestalten?

Berlin hat zwar an jeder Ecke einen Friedhof, die schöne Leich ist aber bekanntlich in Wien zu Hause, während hierzulande die Friedhöfe Stätten des langsamen Verfalls sind. Nur auf den Urnenfeldern herrscht weiterhin emsiges Gedränge. Kein Wunder, 2015 waren 82 Prozent der Bestattungen Feuerbestattungen. Doch dieser Trend hat mit den Ritualen nicht Schritt gehalten, vieles wirkt unbeholfen und lieblos. Bei anonymen Bestattungen verschwinden die Verstorbenen einfach, die hüllenlose Aschekapsel wird mithilfe eines strumpfartigen Kunststoffnetzes in die Erde versenkt, dann kommt Wiese drüber. Wenn man Glück hat, wird das Netz entfernt und nicht einfach mitbeerdigt. Solche Lieblosigkeiten stören die Berliner Künstlerin. An ihren Urnen lassen sich Bänder befestigen, damit wird der Akt des Versenkens ohne viel Aufwand viel harmonischer und festlicher.

Aber es gibt auch gegenläufige Tendenzen zur Anonymität. Am größten Berliner Friedhof, dem Südwestfriedhof in Stahnsdorf, sind anonyme Bestattungen seit ein paar Jahren verboten. Jeder Verstorbene bekommt eine Metallplatte mit seinem Namen. Dem Friedhofsdirektor war aufgefallen, dass Trauernde gerne Blumen an der vermuteten Grabstelle ablegten. Diesem Bedürfnis nach Verortung wollte er ein wenig entgegenwirken.

Die Künstlerin Conny Weber mag solche Orte, die sich um Tote und Hinterbliebene kümmern und es ihnen schön machen. Sie ist gern in der weitläufigen Anlage in Stahnsdorf. Architektur und Natur umgeben den Tod dort mit einer gewissen Leichtigkeit, Veranstaltungen finden statt, wie die Aufführung des Films „Nosferatu“ am Grab seines Schöpfers Murnau. Der Friedhof ist offen für alle Besucher, nicht nur für Trauernde. Picknicken oder Fahrradfahren sind erlaubt. Denn der Tod muss nicht nur düster sein, er verträgt auch Heiterkeit. Wie die Lichtkunst von James Turrell in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs in Mitte. Der Innenraum leuchtet in endlosen Farbvariationen zum Gedenken an die Toten. Inspirierend für die Berliner Urnendesignerin.

Filz ist ein faszinierendes Material. Das hat schon Beuys erfahren, nach seinem Flugzeugabsturz auf der Krim, als ihn die einheimischen Tataren in Filzdecken hüllten und – so seine Schilderung – wieder zum Leben erweckten. Der Filz hat ihn sein ganzes Künstlerleben nicht losgelassen.

Die wärmende und schützende Wirkung kommt von der Rohwolle, die Conny Weber mit den Händen bearbeitet. Sie legt sechs Schichten Schafswolle übereinander und massiert und reibt sie mit Wasser und Seife solange, bis sich die Fasern verhaken und so verfilzen. Die Schablone für das Gefäß hat die Künstlerin selbst entwickelt. Auf die erste Schicht verfilzter Wolle kommt eine zweite, dazwischen eine Schablone als Platzhalter für den Hohlraum. Nahtstellen gibt es nicht, weil alles fest verfilzt ist, sodass das Gefäß wie aus einem Guss wirkt. Ihren besonderen Witz und ihre Einzigartigkeit erhalten die Urnen durch einen speziellen Dreh am Verschluss, der der besonderen Formbarkeit des Materials zu verdanken ist. Mal erinnert er an japanische Falttechniken, mal an eine Blume. Jede Urne ist ein Einzelstück, alle werden individuell angefertigt, manchmal auch im Auftrag des späteren Nutzers.

Bestellungen von Lebenden nimmt Conny Weber besonders gerne entgegen, es sei schön, den Auftraggeber zu kennen, sie kann dann nach seinen Wünschen gestalten. Und wenn man schon zu Lebzeiten eine schöne Urne zu Hause hat, nimmt das dem Tod ein klein wenig von seiner Schärfe. Die Künstlerin hat für sich selbst schon vorgesorgt. Ein persönliches Memento Mori aus besonders kostbarer australischer Wolle.

Bleibt noch die Frage, wie sie auf das Filzen gekommen ist. Es ging darum, was sie mit ihren Händen anstellen sollte, ihr fehlte das Haptische, denn Conny Weber saß in ihrem Job als Grafikdesignerin den ganzen Tag vor dem Computer. Während ihres Studiums hatte sie noch mit Stiften und Farben auf Papier gearbeitet. Das Filzen war zunächst nur ein Ausgleich zum Bürojob. Aber dann faszinierte sie das Material immer mehr.

Bevor sie dann endgültig zur Urnenfilzkünstlerin wurde, streifte sie den Tod ein erstes Mal auf der Suche nach einem neuen Job. Sie machte ein Praktikum bei einem Bestatter und um ein Haar hätte sie eine Bestatterausbildung angefangen, wenn nicht der Kurs ausgefallen wäre. Es gab zu wenig Teilnehmer. Es hätte ihr gefallen, den Toten Gutes zu tun, sie schön herzurichten, vielleicht gar einen offenen Sarg zu gestalten.

Und dann kam der Tod wirklich. Ihr Vater in München starb. Und zur Trauer kam das Leid mit den hässlichen Urnen. Aber ein Gutes hatte das: Das Gefäß, das sie zum Filzen gesucht hatte, war gefunden.


Urnen zu beziehen direkt bei Conny Weber: www.urnenausfilz.de oder bei Lebensnah-Bestattungen: www.lebensnah-bestattungen.de

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