Festival

Demokratie-Analyse am Beispiel des Hundes

Zehn Tage stellt das Festival Internationale Dramatik (FIND) neue Produktionen vor

MAX MÜLLER

Da wird der Hund ja in der Pfanne verrückt – wäre er nicht schon längst tot. Der Reinigungsangestellte Octavio hat ihn im Verfolgungswahn erschlagen, glaubt er. Ihm zur Seite steht die Lehrerin Hadewijch, die eine Affäre mit einem minderjährigen Schüler eingegangen war. Auf der Suche nach ihrem entlaufenen Hund stieß sie auf Octavio und blieb bei ihm. Ihr Hund ist aber doch nicht so tot, wie es auf den ersten Blick scheint: Zwischen den Panikattacken des Sicherheitsfanatikers Lazar, der ebenfalls in der Wäscherei ausharrt, erwacht er wieder zum Leben und beginnt sofort, Beleidigungen zu schmettern.

Angélica Liddells „Versuchsanordnung“, ihre erste Arbeit als Regisseurin an der Schaubühne, schäumt nur so von bizarren Beziehungen und absurden Momenten. „Toter Hund in der Chemischen Reinigung: die Starken“ feiert Premiere auf dem Festival Internationale Neue Dramatik, das in diesem Jahr unter dem Motto „Demokratie und Tragödie“ steht.

Um das Grundverständnis von Demokratie geht es auch der spanischen Regisseurin: „Ich möchte aufzeigen, dass das wahre Problem unserer Systeme ist, dass es keinen Gemeinwillen mehr gibt, der sich zurückführen ließe auf die Summe einzelner Willensbekundungen, die sich in Mehrheiten ausdrückt“, erklärt Liddell. „Eine Demokratie, die nicht auf gefestigter Bildung beruht, ist unsicher und schwach. Diese Schwäche gibt es heute in allen Demokratien.“

Mit diesen Problemfeldern setzen sich zahlreiche der anderen eingeladenen Arbeiten auseinander. Dabei kristallisieren sich zwei Schwerpunkte heraus: Dem Blick auf politische Veränderungen in Europa (u. a. „Verein zur Aufhebung des Notwendigen“, „Pendiente de voto“) steht eine intensive Auseinandersetzung mit den Ländern Lateinamerikas gegenüber, in denen seit langer Zeit Gewaltexzesse die Transformationsprozesse bedrohen. So kommen Stücke aus Mexiko und Kolumbien zur Aufführung (u.a. „Los Incontados “, „Acceso“ und „Tijuana“).

„Wie können wir eine Demokratie denken, in der das Gute, Schöne und Wahre die Basis für das Richtige sind?“, fragt Liddel und gibt mit ihrer Frage den Startschuss zu anderthalb spannenden Theaterwochen.