BIZ

Einer, der einfach nur helfen will

Der PR-Mann Holger Michel hat ein Buch über sein Leben zwischen Kommunikationsagentur und Flüchtlingsunterkunft geschrieben

17 Minuten braucht Holger Michel für die Fahrt in sein neues Leben. U-Bahn? Fahrrad? Lieber Carsharing. Spart Zeit. Er lässt den Eventroom mit den weiß gestrichenen Sesseln aus Euro-Paletten, den Club Mate-Kisten und den Codern hinter sich, tritt auf die Kreuzberger Straßen. Michel trägt spitze Wildlederschuhe, einen blauen, taillierten Trenchcoat, diktiert eine Mail in die Spracherkennung, dann blickt er auf die Carsharing-App, reserviert einen Smart, storniert ihn, reserviert einen anderen. Der steht geschickter. Spart noch mehr Zeit.

Holger Michels erstes Leben, das ist die Arbeit in der eigenen Kommunikationsagentur. Public Relations, Politische Kommunikation, Corporate Strategies. Der PR-Mann Holger Michel stellt Fragen wie „Was ist dein Approach zu dem Thema?“, er nennt Journalisten „Journos“, präsentiert ihnen das Event so, dass es groß und international wirkt, „Informationen maximieren“ nennt er das.

Holger Michels zweites und neueres Leben, das ist das Ehrenamt in der Notunterkunft im Rathaus Wilmersdorf. Der Flüchtlingshelfer Michel macht eine Arbeit, die gar nicht so viel anders ist als die in seiner Agentur. Der 36-Jährige organisiert, telefoniert, kommuniziert. Aber sobald er den verbeulten, blauen Container mit den Sicherheitsmännern passiert, das alte Rathaus mit den hohen Hallen und geschwungenen Gängen betritt, verändert sich etwas. Etwas Unscheinbares. Michel drückt das Kreuz nicht mehr ganz so vehement durch, ständig umarmt er jemanden, ständig hängt ein Kind an seinem Hosenbein, Michel erkundigt sich nach den Fortschritten im Deutschunterricht. Und er trinkt drei Stunden lang keinen Kaffee. Das ist eine lange Zeit für Michel.

Sein zweites Leben begann am 5. September 2015, an jenem Sonnabend, an dem Deutschland seine Grenzen für Tausende in Ungarn gestrandete Flüchtlinge öffnete. An diesem Tag betrat Holger Michel zum ersten Mal das Rathaus Wilmersdorf. Wenige Tage zuvor war es zur Notunterkunft umgewidmet worden.

Für ein paar Stunden wollte ich bleiben, ein bisschen was erleben, gucken, und dann wieder gehen. Tatsächlich kam ich am nächsten Tag wieder. Und am übernächsten. Und am überübernächsten.

Holger Michel blieb ein Jahr und noch länger. Jetzt hat er ein Buch darüber veröffentlicht, es hat den Titel „Wir machen das. Mein Jahr als Freiwilliger in einer Unterkunft für Geflüchtete“. Es war ein Jahr, in dem sich vieles wandelte: Holger Michels Leben, das Rathaus Wilmersdorf, Berlin, Deutschland.

Es war ein aufregendes Jahr, in dem ich viel gelernt habe. Über mich selbst, über unser Land, vor allem über Menschen: jene, die Hilfe brauchten; jene, die Hilfe leisteten; jene, die gegen uns waren; jene, die zweifelten.

Wenn man Holger Michel fragt, warum er sich das alles angetan hat, warum er seine komplette Freizeit und einen großen Teil seiner Arbeitszeit für unbezahltes Spenden-annehmen, Wohnungen-für-Geflüchtete-suchen, Mit-dem-LaGeSo-streiten, Hassmails-lesen oder Sich-schreckliche-Geschichten-von-Krieg-und-Folter-anhören investiert hat, dann spricht er von einem Sog, in den er hineingeraten sei. Spricht von der Unmöglichkeit, aufzugeben und dem „Wir schaffen das nicht“-Lager Recht zu geben. Vom Gemeinschaftsgefühl in der Unterkunft, von einem neuen Lebenssinn. Er sagt: „Meine Arbeit mag ich. Aber das hier liebe ich.“ Das klingt pathetisch, so pathetisch wie manche Passagen in seinem Buch. Aber wer es liest, der begreift, wo Michels Inbrunst herrührt und welch enorme Energie die Flüchtlingskrise bei den Freiwilligen freigesetzt hat.

Das Telefon klingelte, der erwartete, erhoffte, befürchtete Anruf aus dem Lageso. Auf dem Tisch vor Philipp lagen schon die Pläne des Hauses, wir hatten überlegt, in welche Zimmer man die neuen Flüchtlinge unterbringen könnte – für 50 Leute sollte problemlos Platz sein. Doch mit dem Anruf war der Plan wertlos geworden. Wir sollten nicht mit 40 oder 50 Leuten planen, sondern mit 150. Nicht morgen, nicht übermorgen, sondern in 90 Minuten.

Sofort wird organisiert, werden Starterpakete beschafft, Ärzte mobilisiert, Dolmetscher zusammengetrommelt, Freiwillige aktiviert, Ablaufpläne aufgestellt, wird gespendet und geholfen. Ein Buchkapitel lang. Nur der Bus lässt auf sich warten. Um 20.32 Uhr soll er in einer Stunde kommen, neun Minuten später ist er wieder spurlos verschwunden. Am nächsten Tag taucht er auf. Mit 240 Geflüchteten.

Ich ging fröhlich durch die Menge, sagte Hallo, lächelte jeden an, hockte mich zu einem kleinen Kind auf den Boden, zog Grimassen, lachte die Eltern an.

Wieso hatte ich schon wieder so gute Laune? Diese Leute mussten mich doch für bekloppt halten, wenn ich hier lächelnd über ihr Elend stieg. Auf der anderen Seite: Mit Grimmigkeit würde die Sache auch nicht besser. Optimismus, Zuversicht, egal was kommt, es wird besser werden, das mussten wir ausstrahlen. Vielleicht rettete es einen aber auch davor, verrückt zu werden.

Im Rathaus Wilmersdorf ist es gelungen, eine Vorzeige-Notunterkunft aufzubauen – all dem Behörden-Chaos, all den Anfeindungen und all den Problemen, die die Geflüchteten aus der Heimat mitbrachten, zum Trotz. Das ist auch den Ehrenamtlichen zu verdanken, Menschen wie Holger Michel.

Sein Tag beginnt früh, um 6.15 Uhr. „Die schönste Zeit des Tages“, sagt Michel. Ungestört könne er da die ersten E-Mails schreiben, erst im Namen der Freiwilligen, dann im Namen der Agentur. Sechs Espresso und drei Stunden später steht er in dem Eventroom in Kreuzberg. Das erste Leben. Dort haben sich junge Programmierer aus neun Ländern versammelt, zum ersten Energy Efficiancy Hack. „BÄÄÄM!“ steht auf der Einladung. Die Coder sollen Programme und Applikationen schreiben, die das Energiesparen erleichtern. Holger Michel und sein Team sorgen dafür, dass die Journalisten die richtigen Informationen erhalten. Zwischendurch trinkt Michel zwei Filterkaffee, chattet mit Kunden, telefoniert mit Journos, trinkt zwei Filterkaffee. Er gibt Anweisungen, freundlich, bestimmt. Der Moderator spricht. Michel verdreht die Augen. „Blöd, wenn die Aufgabenstellung länger dauert als die Aufgaben.“ Wenn er eins nicht mag, dann ist das Zeitverschwendung.

Man fragt sich, warum so jemand so viel Zeit in ehrenamtliche Arbeit steckt? Wie man das wohl aushält, diesen täglichen Berliner Behörden-Irrsinn, mit dem er dort konfrontiert wird? Wie beispielsweise die Wohnungssuche für eine Flüchtlingsfamilie. Ein Termin beim Lageso.

„Also gut“, ich musste grinsen, ich wollte das jetzt einmal durchgespielt haben. „Ich komme dann also morgens zwischen fünf und sechs zu Haus J. Was passiert dann?“

„Dann warten Sie in der Schlange und hoffen, einen Terminzettel zu bekommen.“

„Gut, ich gehe jetzt mal davon aus, dass ich den Terminzettel bekomme. Was passiert dann?“

„Dann gehen Sie in die Schlange derer, die einen Terminzettel bekommen haben, und hoffen, dass Sie bis zum Abend drankommen.“

„Gut, gehen wir mal davon aus, ich komme dran – dann haben die eine Wohnung für meine Familie?“

Sie lachte wieder, ich musste unglaublich komisch sein. „Nee, die haben auch keine Wohnungen. Die werden Ihnen vermutlich sagen, dass die Familie eine Wohnung haben dürfte, man aber keine hat und vermutlich auch keinen Platz in einer Gemeinschaftsunterkunft, weshalb sie bei Ihnen bleibt.“ Aha.

„Gut“, alle Eventualitäten waren abzuklopfen, „gehen wir mal davon aus, ich bekomme den Termin nicht – was mache ich dann?“

„Dann gehen Sie nach Hause, die Familie bekommt eine Mahnung, dass sie ihren Termin nicht wahrgenommen hat, Sie bekommen eine erneute Vorladung zu mir, ich gebe Ihnen wieder zwei Wochen Aufschub, und zwei Wochen später stehen Sie wieder um sechs Uhr an Haus J, um sich einen Terminzettel zu holen, und dann spielen wir das ganze Spiel von vorne.“

Zwei Buchkapitel später findet die Flüchtlingsfamilie eine Wohnung. Es sind diese kleinen Siege gegen das Chaos, die Michel weitermachen lassen. Im Buch gibt es einige davon. Und Michel mausert sich in der Unterkunft von einem Freiwilligen mit einem, wie er schreibt, „sportlichen Trotteljob“, zum Sprecher der Freiwilligen, zum Mann mit den Kontakten, der Journalisten Informationen zuspielt, den Senat zum Einschreiten bewegt, etwa wenn das Lageso zum Opferfest die Gebetsräume in der Unterkunft schließen möchte.

Nach dieser Nacht bekam die Zusammenarbeit mit den Behörden ein eigenes Motto: „Kooperation oder Pressemitteilung“, eine sehr selten eingesetzte, aber effektive Waffe gegen die Willkür hinter den Kulissen.

Man fragt sich, warum Michel das Buch geschrieben hat. Um sich als Organisationstalent und schlagfertigen, strategischen Kommunikator zu präsentieren? Will er sich selbst in Szene setzen? Holger Michel sagt: „Damit die Leute nicht vergessen, was hier passiert ist, was die Geflüchteten und was die Freiwilligen geleistet haben.“

Die Fahrt im Smart und zwei Stunden in der Flüchtlingsunterkunft reichen, um Holger Michel zu glauben, dass es hier nicht um ihn geht. Nicht nur. Natürlich müssten Freiwillige auch Spaß an ihrer Arbeit haben, etwas zurückbekommen, sonst gingen sie daran kaputt. Holger Michel sagt, er sei hier vom Nörgler zum Optimisten geworden. „Wie oft sagen wir: Ich kann nicht mehr? In Wahrheit geht noch so viel mehr.“

Es ist 14.10 Uhr, als Michel die PR-Arbeit hinter sich gelassen hat, ins Helferbüro stürmt. Er umarmt Hussein, ein Kurde mit geschwollenen, roten Flecken am Hals. Michel organisiert einen Arzt, der kurdisch spricht. Er umarmt Katja, eine Freiwillige, er umarmt Amir, einen bärtigen Syrer. Der grinst, zeigt ihm einen Brief. Ein Modellvertrag. Und noch zwei. Angebote für Ausbildungsstellen. Jubel. Noch mehr Umarmungen.

In Michels Jahr in der Notunterkunft für Geflüchtete ist vieles falsch gelaufen. Im Buch schreibt er von Gewalt gegen Frauen, einem Fall von sexuellem Missbrauch, ruinierten Gemeinschaftstoiletten.

Unglücklicherweise kamen unsere Bewohner vor allem aus Plumpskloregionen und fanden den Gedanken, sich auf eine bequeme Toilettenbrille zu setzen, alles andere als lustig. Ich weiß nicht genau, was in den Toiletten passierte, aber immer wieder waren Klobrillen kaputt, weil Menschen sich offenbar auf die Brille gestellt statt gesetzt hatten.

In Michels Jahr in der Notunterkunft wurden islamistische Attentate in Paris, Brüssel, Nizza und Würzburg verübt, in Köln wurden in der Silvesternacht Hunderte Frauen Opfer sexueller Übergriffe durch Nordafrikaner, erfand ein Flüchtlingshelfer den Tod eine s Syrers im Lageso-Chaos.

In Michels Jahr kippte die Stimmung im Rathaus Wilmersdorf von Euphorie zu Ernüchterung, wurden die Hassmails immer bedrohlicher, kehrten viele Freunde ihm den Rücken, rückten die Helfer näher zusammen.

Irgendjemand hat gesagt: „Wir schaffen das.“ Noch immer wissen wir nicht genau, was „schaffen“ bedeutet. Aber wir wissen heute, wer „wir“ ist. Wir haben uns gefunden, haben uns zusammengeschlossen, haben gelernt, uns motiviert und mitgezogen. Wir machten es einfach. Und machen weiter.

Am 30. Juni soll die Notunterkunft im Rathaus Wilmersdorf schließen. Michel und die anderen Freiwilligen kämpfen jetzt für zwei Monate mehr. Damit die 170 Schulkinder in der Unterkunft nicht im Schuljahr den Bezirk wechseln müssen.

Wird ihm die Notunterkunft fehlen? Ja. Aber die Arbeit mit den Geflüchteten wird bleiben, die Gemeinschaft der Helfer, da ist sich Michel sicher.

Gegen 17 Uhr kehrt Holger Michel in sein erstes Leben zurück. Trinkt noch drei Kaffee. Die letzte E-Mail des Tages schreibt er um 00.53, es geht um den Efficiency Hack. Am Morgen darauf ist Pressekonferenz. Michel schickt einen Mitarbeiter. Er selbst begleitet einen Afghanen nach Spandau. Wohnungsvertrag unterzeichnen. Erst dort wird klar, dass auch seine Frau unterzeichnen muss. Michel zahlt das Taxi von Wilmersdorf nach Spandau. Die Familie kann einziehen.