Immobilien

Neues Leben in alten Industriebauten

Schöneweide im Wandel. Denkmalgeschützte Gebäude auf riesigen Arealen werden Heimat für Kultur und Wirtschaft

TOBIAS VON HEYMANN

Vor etwas mehr als hundert Jahre schmückte sich Berlin gerne mit dem klangvollen Beinamen „Elektropolis“. Fortschritt durch Strom war damals das große Thema. Der Ortsteil Schöneweide im heutigen Treptow-Köpenick ist mit dieser Ära der Technikgeschichte so eng verbunden wie kein anderer Teil der Hauptstadt. Von hier aus entwickelte sich die Metropole zu einem der europaweit führenden Standorte der Elektroindustrie. An kaum einem Ort sind daher heute noch so viele Fabrikbauten erhalten, die dank ihrer Architektur oft zu Recht als Kathedralen und Schlösser des Industriezeitalters gelten.

Noch zu DDR-Zeiten arbeiteten hier etwa 30.000 Menschen. Der jahrelange Niedergang nach der Wende brachte jedoch schließlich das Aus. Große Werke schlossen für immer ihre Tore, Bauten verfielen zu Ruinen. Doch seit wenigen Jahren gehen die Lichter wieder an – Schöneweide hat den Schalter umgelegt und geht neu ans Netz.

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) gilt dabei als Triebfeder. Seit sie sich 2006 in Oberschöneweide ansiedelte, bewegt sich so viel wie seit Elektropolis-Zeiten nicht mehr. Seit 2011 ist zudem das Regionalmanagement Berlin Schöneweide dabei, die großen Areale in Zukunftsorte für Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft umzuwandeln.

Das Regionalmanagement ist ein Projekt des Bezirksamtes Treptow-Köpenick und der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung und soll mit Bundes- und Landesmitteln die regionale Wirtschaftsstruktur verbessern. „Seit etwa zwei Jahren erleben wir einen regelrechten Wettlauf der Investoren“, freut sich Thomas Niemeyer, Leiter des Regionalmanagements. Mehrere Faktoren wirken sich dabei positiv aus: Zum einen wächst die Berliner Wirtschaft seit Jahren, zum anderen begünstigen niedrige Zinsen die Investitionen und dann zieht es auch immer mehr Betriebe aus den Innenstadtbezirken in den Südosten der Stadt. Die Nähe zum künftigen Hauptstadtflughafen und zum Wissenschaftsstandort Adlershof spielen ebenfalls eine Rolle. Für Investoren bietet Schöneweide genug Flächen in riesigem Maßstab. „Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen zwei Arten von Bauwerken auf dem Areal“, sagt Niemeyer. „Zum einen sind das Geschossfabriken, die sich leicht neu nutzen lassen. Zum anderen haben wir große Hallen, für die ganz andere Konzepte nötig sind.“

Da ist zunächst das frühere Werk für Fernsehelektronik im Peter Behrens Bau, dessen hundertster Geburtstag dieses Jahr ansteht. „Baurechtlich ist hier das Errichten eines Gewerbeparks mit stadtverträglicher Produktion, Büros, Laboren oder ähnlichem möglich“, sagt Niemeyer. Rund 60.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche im denkmalgeschützten Behrens-Bau sowie weitere 100.000 Quadratmeter für Neubauten umfasst allein dieses Gebiet.

Investieren will auch die BAE Batterien GmbH: Das Unternehmen wächst und will seinen Standort daher modernisieren. Eine gigantische Gebäudefläche bietet auch das ehemalige Kabelwerk Oberspree: Zwar nutzen Firmen das 160.000 Quadratmeter große Areal nach wie vor zur Kabelproduktion oder zum Fertigen von Energietechnik. „Da ein Drittel der Gesamtfläche aber nicht betriebsnotwendig sind, verhandelt der Eigentümer über alternative Nutzungen“, sagt Niemeyer. Bereits angesiedelt haben sich dort Start-Ups wie PbRecommerce, Software-Schmieden oder die Skulpturengießerei Knaak. „Dazu gehört mit dem früheren Drehstromkraftwerk die wohl schönste Halle von Schöneweide, die sich als Multifunktionshalle eignet“, sagt Niemeyer.

Auf dem sogenannten Schauhallenareal entsteht ein Kunst- und Kulturcampus. Auch ein neues Studentenwohnheim entstand dort bereits 2012: Mit insgesamt acht solcher Heime ballt sich jetzt in Schöneweide das studentische Leben. Zu einem Kunstzentrum ausgebaut werden seit 2015 bereits die Reinbeckhallen. „Hier entstehen 17 Ateliers, ein Coworking-Space, eine Werkstatt, ein Artlab für die Produktion großer Kunstwerke sowie zwei Veranstaltungshallen“, sagt Niemeyer. Ende April soll das Zentrum eröffnen. Und in den Rathenauhallen des früheren Transformatorenwerks TRO haben sich bereits etwa 70 Unternehmen vom Handwerksbetrieb bis zum Künstlerhaus angesiedelt.

Erst vor wenigen Monaten wurde zudem die alte Bärenquellbrauerei mit 40.000 Quadratmetern Nutzfläche verkauft – in den markanten Bau soll Gewerbe einziehen. „Von wenigen Ausnahmen abgesehen, stehen die meisten Industriegebäude unter Denkmalschutz“, sagt Niemeyer. „Hier haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Denn auch viele der Investoren schätzen den industriellen Charme und bemühen sich, die alte Bausubstanz zu erhalten.“ So ist es möglich, dass eine digital ausgerichtete Industrie 4.0 in den alten Mauern direkt an die legendäre Technologie-Geschichte des Standorts anknüpfen und sie mit neuer Energie weiter betreibt.

Auf einen Masterplan für das Areal haben die Strategen bewusst verzichtet. „Vielmehr wollen wir die innere Mechanik der Zukunftsorte auch hier in Gang setzen“, sagt Niemeyer. „Diese besteht immer aus einem wissenschaftlichen Kern, Technologie- und Gründerzentren zum Fördern junger innovativer Unternehmen sowie größeren Flächen für deren Wachstum.“ Mindestens 10.000 neue Arbeitsplätze könnten bis 2035 in Schöneweide neu entstehen.

Auch für die HTW Berlin als Magnet und Dynamo der neu entdeckten Elektropolis hat sich mittlerweile schon wieder vieles geändert. „Die HTW würde gerne ihre aktuell zwei Standorte auf dem Campus Wilhelminenhof zusammenführen und dafür den Campus Treskowallee in Karlshorst aufgeben“, sagt Gisela Hüttinger, Sprecherin der HTW. „Es würde der interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb der Hochschule einen echten Schub verleihen, wenn Lehre Forschung auf einem Campus vereint sind.“ Die langfristige Vision der Hochschule ist es, in Oberschöneweide die urbane Koexistenz von Forschen, Produzieren und Wohnen auszubauen und gemeinsam mit der ansässigen Kulturszene zu einer „creative city“ zu machen. So schnell wie sich die Dinge aktuell entwickeln, spricht vieles dafür, dass schon in wenigen Jahren in Berlin erneut eine „Elektropolis 4.0 – reloaded“ als Leuchtturm über die Grenzen Berlins hinaus ausstrahlt.