Kolumne

Regionales Produkt, perfekte Startup-Kampagne

Ab und zu sieht man die Spuren der alten „Bolle“-Schilder noch. Der Milchhändler war ein Startup der ersten Generation – vor gut 100 Jahren

Bolle-Milchwagen um 1927 bei der morgendlichen Lieferfahrt durch Berlin

Bolle-Milchwagen um 1927 bei der morgendlichen Lieferfahrt durch Berlin

Foto: akg-images / picture-alliance / akg-images

Im Vorbeifahren habe ich am Bayerischen Platz neulich ein Gespenst gesehen. Schemenhaft huschte es durch mein Unterbewusstsein, bevor ich dachte: Moment mal, kann das sein? Dann machte ich kehrt, um mich zu überzeugen, und tatsächlich: etwas angegraut gräulich und schlierenhaft, aber dennoch unübersehbar zeichneten sich an einer Hausfassade die rundlichen Buchstaben ab, die einst die Straßenzüge von halb West-Berlin beherrschten: BOLLE. Die Buchstaben müssen lange dort gehangen haben, so schwarz sind die Umrandungen. Daneben muss auch das Logo gewesen sein, ein hampelndes Milchmännchen, das aus dem Buchstaben gebildet wurde. Es ist nicht mehr da, das Geschäft gehört heute zu Edeka.

Bolle war einst eine Berliner Supermarktkette, die sich an sich wenig von anderen unterschied bis auf ein Detail: Die Milchpackungen. Ich erinnere mich noch an meine ersten Besuche in West-Berlin, wo auf keinem WG-Frühstückstisch diese überdimensionierten, karierten Kartons fehlten, auf deren Rückseite die Geschichte vom Milchmann Bolle erzählt wurde. Die Zweiliterkartons erschienen mir damals eine Berliner Besonderheit, möglicherweise gab es sie aber nur in der Kleinstadt nicht, aus der ich kam. Gibt es sie noch? Keine Ahnung. Die Marke Bolle ist jedenfalls verschwunden.

An den genauen Text auf den Packungen erinnere ich mich nicht, nur an die Fragen , die diese Geschichte damals bei mir aufwarf: Woher kam in der Mauerstadt eigentlich die Milch? Gab es irgendwo tatsächlich Kühe? Wurde sie aus der DDR angekauft oder über die "Transit" Hunderte Kilometer durch die Gegend kutschiert? Warum wurde sie dabei nicht sauer? Dazu betrachtete ich die Abbildung des Pferdefuhrwerks, mit dem olle Bolle dazumal seine Milch ausgefahren hatte. Angeblich. Wie ging das, angesichts der Größe der Stadt und ihres Milchdursts, der Milch-Zweiliterpackungen möglich machte?Damals überlegte ich, ob "Bolle" nur eine kitschig erfundene Werbestory war, um einer an sich profanen Sache – industriell verpackter, pasteurisierter Milch – einen Touch von "Handmade" und Landleben zu geben. Dafür sprach aus meiner Sicht auch der Name, der verdächtig nach Berliner Spitznamen wie Hotte oder Kutte klang.

Das traute ich mich allerdings nicht laut zu fragen, denn ich hatte schon Erfahrung mit der Ungeduld der echten Berliner, wenn man sie nach den Eigenheiten ihrer Stadt ausfragte. Was bedeuten Kürzel wie BVG oder BSR? Warum fuhr man als West-Berliner aus Prinzip nicht S-Bahn? Solches Unwissen wurde uns "Wessis", wie die Zugezogenen damals in West-Berlin hießen, als Respektlosigkeit ausgelegt. Institutionen wie Bolle zu hinterfragen, bedeutete, West-Berlin de n Status abzuerkennen, als Bollwerk des freien Westens oder was auch immer. Heute kann man bei Wikipedia nachlesen, was es mit "Bolle" auf sich hatte. Den Milchkutscher gab es tatsächlich. Der Ur-Bolle hatte seinen Standort zentral am Lützowufer in Tiergarten, zog später nach Moabit. Die Meierei C.Bolle, gegründet 1879, war ein typisches Start-up der ersten Gründerzeit. Erste Vermarktungsidee, typisch Berlin: eine Milchbar. Ausgetragen wurde die Milch von Milchjungen und, angeblich, auch von Milchmädchen, sozusagen Lieferando in sexy. Und wohl auch mit dem typischen Berliner Humor, den heutige Werbekampagnen gern bemühen, wenn es um Berlin geht.

Bolle wurde zum größten und bekanntesten Milchunternehmen seiner Zeit, mit über 250 Wagen und Tausenden Angestellten. Es nahm dann ein typisches Start-up-Ende. Von 1969 an produzierte man keine Milchprodukten mehr, sondern Pizza und Tiefkühlkost. Seit 2000 gehört die Marke zur Campina GmbH. Nur ab und zu scheint Bolle in der Erinnerung noch auf. An Hauswänden, wie ein Gespenst. Oder in Redensarten, wenn sich jemand "freut wie Bolle".

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