BIZ

Tschilp! Kiwitt! Alle mal herhören!

| Lesedauer: 14 Minuten
Uta Keseling

Vögel? Och, na ja. Wie es kam, dass die Autorin jetzt weiß: Berlin ist Hauptstadt der Spatzen und hat einen Waldkauz mit eigener Show

Es begann mit dem Hahn. Eigentlich konnte es gar nicht sein, schließlich herrscht in Brandenburg landesweit Stallpflicht, aber dieser Hahn unterbrach neulich morgens laut krähend die winterliche Stille auf unserem Dorf. „Krähäää!“ Wenig später waren Vögel überall in meinem Leben.

Hinter den Kirschbäumen zum Beispiel. Da bewegte sich etwas Braun-Weißes und reckte die Hälse: die drei Laufenten unserer Nachbarn. Zuletzt hatte ich sie im Herbst gesehen, bis die Vogelgrippe übers Land zog. In Berlin wurde das damals vor allem wegen des Leinenzwanges für Hunde und Hausarrestes für Katzen beklagt. Auf dem Land verschwanden stillschweigend die Vögel. Die Weihnachtsgänse wurden geschlachtet, weit vor der Zeit, denn im Stall gehen ausgewachsene Gänse aufeinander los und verletzen sich schwer, wenn man nicht aufpasst. Wohin genau die Zigtausende Produzentinnen der Freilandeier umzogen, die ja nach wie vor verkauft werden, blieb mir persönlich rätselhaft. Die Zugvögel machten das, was sie immer tun: wegziehen. Zurück blieben in unserem Dorf drei Laufenten und der Hahn.

Die Enten hörte ich fröhlich quaken, als ich das Fenster öffnete. Nichts ist schöner als verbotene Freiheit, denn die Stallpflicht gilt ja noch immer. Gleichzeitig scholl vom Himmel vielstimmig ein Echo: „Quak?“ – „Gack!“ Die Wildgänse kehren zurück, und die Kraniche mit ihrem melancholischen I-ah. Sie sperrt niemand ein, der Himmel ist voller Linien und Haken aus Vögeln. Birdwatching ist wieder angesagt. Übrigens auch in Berlin, denn auch auf den Berliner Seen übernachten die Vögel gern . Auf dem Wasser fühlen sie sich vor Feinden beschützt.

Vogeltechnisch also ist der Winter vorbei. Dass dem so ist, entnahm ich übrigens zuerst nicht dem Geschnatter im Garten, sondern Pressemitteilungen. Ein früher Storch richte sich in Brandenburg ein, hieß es da. Und „Ti-ti-tirrrr!“, so tönte es aus den Baumspitzen, meldete der Naturschutzbund (Nabu). Ich mag ja solche lautmalerischen Meldungen. In dieser stand, dass „die Blaumeisenmännchen ihre Stimme erheben, um Konkurrenz und Damenwelt zu beeindrucken“. Ich stellte mir vor, wie die Vogelmännchen ihre flauschigen, gelben Meisenbrüste aufplusterten, um ordentlich anzugeben. Eine Meise wiegt übrigens nur wenige Gramm.

Vögel: Einerseits sind sie einem meistens egal, weil sie irgendwie immer da sind. Sobald man mal näher hinschaut, ist man dann doch beeindruckt. Auch wenn man gar nichts von Vögeln versteht. Ein bisschen Vogelfutter reicht schon, um auf dem Balkon ein ordentliches Vogelgewimmel anzuzetteln. Das ist lustig anzusehen, auch wenn man hinterher den Balkon kehren muss. Danach will man wissen, wer die grünen Wichtigtuer in der Vogelschar sind, die Vögel mit den blauen Punkfrisuren, und woran sich Vogelpaare wiedererkennen. Sehen die nicht alle gleich aus?

In diesen Tagen erschien ein Buch, das auf viele solcher Fragen überraschend lustige und schöne Antworten gibt. „Oh, ein Tier!“ heißt das Tierbestimmungsbuch des Berliner Illustrators Felix Bork. Es ist etwas für Menschen, die Tiere faszinierend schön finden – und die sich über Tiere wie Menschen gern amüsieren. Vom Titel des Buchs grüßt eine freundliche Stockente: „Guten Duck!“ Im Buch selbst werden rund 300 heimische Tierarten vorgestellt, vom Abendpfauenauge bis zur Zwergspitzmaus, systematisch geordnet.

Der Spaß am Buch entsteht aus dem Kontrast: Einerseits zeigen künstlerisch-farbenfrohe Gemälde die Tiere nach den realen Vorbildern, dazu gibt es sachliche Erklärungen – und comicartige Kommentare und kindliche Zeichnungen, die ein bisschen an die Kritzeleien erinnern, die ungezogene Schüler in Biobüchern hinterließen. „Flugunfähig“ steht neben einer Vogelzeichnung, ein vorbeifliegender Vogel ruft: „Fettsack!“ Der Ölkäfer sagt zum Mistkäfer: „Du stinkst krass nach Scheiße!“ – Antwort: „Und du bist voll glipschig.“ Ein bisschen lustig, ein bisschen peinlich, besonders wenn es um die Fortpflanzung geht. Wie früher in Bio eben. Gelernt hat man trotzdem was, und sei es die „vollständige Entwicklung des Käfers“.

Felix Bork ist nicht Biologe, sondern Illustrator, er hat Kommunikationsdesign studiert, seine Tierbeobachtung ist nebenbei auch Menschenbeobachtung. Die Studien in der Natur habe er eigentlich als Ausgleich zur Schreibtischarbeit für sich entdeckt, sagt er. Das will er nun auch mit seinem Buch bezwecken: „Geht raus und schaut euch die Tiere ein wenig genauer an. Die sind unglaublich!“

Und unglaublich lustig. Vögel, sagt Bork, seien im Grunde nicht witziger als andere Arten auch. „Aber um eine Amsel anzuschauen, muss man eben nicht in den ältesten Buchenwald reisen. Also haben wir eine gewisse Beziehung zum Vogel an sich und sind empfänglicher für einen guten Spaß. Mit einer Geburtshelferkröte verhält es sich da schon anders.“ Nur Fische, meint Bork, „die sind immer schlecht gelaunt“.

Am selben Tag, als die fröhliche Tierwelt von Felix Bork bei uns in der Redaktion ankam, entdeckte ich noch ein zweites Tierbuch. Es war in einem Trödelladen in Wedding. Unter einem ramponierten Schnellkochtopf schauten mich bunte Vögel an. Als ich das Buch herauszog, musste ich lachen: „Unsere Vogelwelt – Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost“ stand darauf. „Neu“ ist in diesem Zusammenhang relativ: Der Band ist 1959 erschienen. Jede Woche gab es damals für Abonnenten einen bunten Vogeldruck nach Aquarellen zum Einkleben, von der Amsel bis zur „Zippe“, einer Singdrossel.

Die Texte dazu hatte Katharina Heinroth verfasst, die damalige Zoodirektorin. Sie war Ehefrau eines berühmten Ornithologen, dessen Fachgebiet sie nach seinem Tod weiterführte. Zu jedem Vogel schrieb sie eine liebevolle Beschreibung samt Berlin-Bezug: Wo und wie wohnen die Vögel bei uns? Und was erzählen sie so? Die Nebelkrähe, heißt es im ersten Kapitel, gebe ein „recht raues Gequarre und Gekrächz“ von sich, nur beim Brüten schwatzte sie „leise singend“ vor sich hin. „Und die Männchen haben ein bauchrednerisch klingendes tiefes Gekrächz, aus dem wir Silben wie ‚kolk talk dualk‘ heraushören.“ Man ahnt, dass Vogelwissenschaft Spaß machen kann. Mehr davon lesen Sie auf dieser Seite.

Dass Vögel gute Laune machen, erleben auch heutige Naturschützer. Eine Nebelkrähe, um beim Thema zu bleiben, baute sich 2015 ein Nest aus Kabelbindern an der Philharmonie, berichtet Vogelexperte Jens Scharon vom Nabu Berlin. „Das Material hatte sie wohl auf umliegenden Baustellen gesammelt.“

Vogelschützer bemühen sich oft, Empathie für ihre Schützlinge zu wecken. Der Nabu erzählt humorvoll von „Blitzdiäten“ der Gartenvögel, um zu erklären, wieso sie im Winter morgens so gierig sind: Bei Frost verlieren sie radikal an Gewicht. Zaunkönige, heißt es in einer Mitteilung, kuscheln sich in Gruppen zusammen, um sich vor dem Erfrieren zu retten. Niedlich! Das Werben um Mitgefühl hat aber einen Grund. Viele Vogelarten sind bedroht. In Brandenburg wirbt der Nabu deswegen für den „Sympathieträger Kiebitz“. Im März starten Kiebitze zu ihren spektakulären Balzflügen, „Ki-witt!“, doch man sieht sie immer seltener. Als Bodenbrüter sind sie durch die Landwirtschaft gefährdet. Wer einen Kiebitz sieht, den bittet der Nabu um Meldung. So soll erfasst werden, wo die Vögel heute noch leben.

Wettbrüten der WaldkÄuze: Berlin liegt vorn

Oft geht es auch darum, Verständnis zu wecken, denn Vögel können auch echt nerven. Buntspechte zum Beispiel, die Löcher in Hausfassaden hacken. Oder ungebetene Vogelgäste, die unentwegt vom Dach runterkacken: Frechheit! Statt nach der Vogelpolizei zu rufen, raten Vogelexperten zu Windspielen oder wehenden Plastikstreifen als Abwehr. Und dazu, mehr Toleranz für Vögel zu entwickeln. Spechte seien sehr klug, weswegen man die Windspiele ab und zu umdekorieren müsse. Im Projekt „Lebensraum Haus“ werden Vögel zu Nachbarn und wissenschaftlich erforscht. Neben Spatz, Schwalbe und Grünspecht gehört dazu übrigens auch der Wendehals. Ja, den gibt es wirklich. Einer wohnte angeblich mal im Botanischen Garten.

Berliner mögen Vögel, das steht fest. Allein 1180 Berliner Vogelfreunde zählten bei der „Stunde der Gartenvögel“ im vergangenen Jahr insgesamt mehr als 28.000 Vögel, sagt Jens Scharon. Wie viele Vögel in Berlin insgesamt leben, kann natürlich niemand ganz genau sagen, aber: allein 2016 brüteten in Berlin rund 150.000 Paare des Haussperlings, das ergab eine Studie der Berliner Ornithologischen Gesellschaft, so Scharon. „Berlin ist damit die Hauptstadt der Spatzen“. Selbst die Hunde sind weniger – davon leben „nur“ rund 100.000 in Berlin.

Fast aus der Stadt verschwunden sind dagegen die Dohle, der Schilfrohrsänger oder auch der Wiesenpieper. Umgekehrt kehren aber auch Vogelarten wieder zurück, etwa der Seeadler, der 2000 das erste Mal auf dem Stadtgebiet gesichtet wurde, der Kolkrabe, Sturm-, Silber- und Steppenmöwen oder die Nilgans. Und manche Vogelarten entdecken Berlin als Lebensraum ganz neu für sich, sagt Scharon: „An der Panke beobachten Ornithologen momentan zwei Wasseramseln.“ Man hoffe, dass sie bleiben und brüten. Wasseramseln leben eigentlich an Gebirgsbächen, ebenso wie Gebirgsstelzen, die mittlerweile ebenfalls in Berlin beobachtet werden. Grund für den Zuzug, so der Experte, sei die gute Nachricht, dass die Gewässer in Berlin sauberer geworden seien. Auch das macht gute Laune. Welche Stadt hat schon Gebirgsbäche ganz ohne Gebirge?

Viele Berliner tun mehr als nur Vögel beobachten, sie werden Vogelschützer, Fans oder Paten wie etwa für das verletzte Sperberweibchen, das neulich in Köpenick gegen eine Scheibe geflogen ist. „Der Vogel mit einem Schädel-Hirn-Trauma wird in der Nabu-Wildvogelstation gesund gepflegt und sucht einen Pflegepaten“, schrieb der Nabu Berlin liebevoll, als ginge es um einen nahen Verwandten.

Ein Waldkauzpärchen aus Reinickendorf hat sogar seine eigene Show im Internet. Zwei Webcams in Reinickendorf und in Kempten (Allgäu) zeigen je ein Waldkauzpärchen beim Nestbau und, hoffentlich, bald bei der Familiengründung: blogs.nabu.de/category/vogel-des-jahres/. Der Waldkauz ist nämlich der Vogel des Jahres 2017. Momentan liegen beim Wettbrüten übrigens die Berliner vorn. Noch am Donnerstag gab es das erste Ei.

Andererseits fragt man sich: Brauchen Vögel eigentlich so viel Aufmerksamkeit und Fürsorge? Ist Füttern nicht vielleicht sogar schädlich? Nun ja. Experten warnen, Brot und Kekse machen Vögel krank. Und Vogelfutter sei in der Regel gar nicht nötig. „Vögel sind Outdoorexperten.“ Viel wichtiger sei der Erhalt von natürlichem Lebensraum, etwa Gebüschen und Hecken.

Und noch einen Rat gibt es vom Nabu Brandenburg: Wer Nistkästen aufhängt, sollte darauf achten, dass auch die Vogeljungen Platz brauchen. „Manche Modelle sind viel zu klein, um zehn oder mehr Jungen ausreichend Platz zu bieten.“ Eine Grundfläche von zwölf mal zwölf Zentimetern sollte selbst bei den kleinsten Kästen das Mindestmaß sein. Wichtig ist auch eine zur Kastengröße passende Einfluglochgröße, gewissermaßen passend zum Bauchumfang der jeweiligen Gäste. Und: Das Einflugloch sollte sich im oberen Teil befinden, damit Katzen und andere Räuber die Vogelbabys nicht herausangeln können.

Nur die Zoovögel haben Hausarrest wegen Vogelgrippe

Wer Vögel von Nahem beobachten möchte, kann das in Berlin auch im Zoo tun, insgesamt 1757 Vertreter von 306 Arten gibt es zu bestaunen – zumindest theoretisch. Momentan sind allerdings nur die Gartenvögel in den Bäumen zu sehen. Denn wegen der Vogelgrippe haben die Zoovögel derzeit noch Hausarrest. Die „Welt der Vögel“ wurde erst im vergangenen Sommer umgebaut und neu eröffnet, samt einer 450 Quadratmeter großen Afrika-Freiflughalle. Doch seit dem 16. November gilt die Anordnung für alle Geflügelhalter, Tiere in Ställen unterzubringen.

Die Unterbringung in Stallungen sei für die meisten Vögel nicht ungewöhnlich, heißt es im Zoo, „es entspricht oft dem zeitgemäßen Umzug der Tiere in ihr Winterquartier“. Sorgen müsse man sich nicht machen: „Vögel kennen Zeiten, in denen sie nicht fliegen, auch aus ihrem natürlichen Umfeld, etwa bei schlechtem Wetter.“

Wie lange die Stallpflicht noch andauert, weiß momentan niemand. Gerade wurde in Reinickendorf im Tegeler Hafen wieder ein an H5N8 verendetes Tier gefunden, insgesamt wurden in Berlin in diesem Winter rund 50 an Vogelgrippe verendete Tiere gefunden. Weiterhin gilt in den Sperrbezirken die Leinenpflicht für Hunde,

Auch die Besitzer des Hahns und der Enten auf unserem Dorf sperrten ihre Tiere nachmittags genervt wieder ein. Die Vogelgrippe dauert dieses Jahr ungewöhnlich lange. Umweltschützer kritisieren, dass als Ursache der Verbreitung allein Wildvögel angesehen werden. Möglich sei auch, dass sich das Virus über industrielle Transporte von Geflügel und Geflügelprodukten weltweit verbreite. Eine interessante Frage. Vögel erzählen eben in vielerlei Hinsicht auch immer etwas über uns Menschen.