Berlin

Berliner Schüler bleiben zurück

Studie: Struktur in der Hauptstadt vorbildhaft, dennoch schneiden Kinder im bundesweiten Vergleich schlecht ab

Berlin. Trotz zahlreicher Reformen im Berliner Schulsystem sind die Bildungschancen der Kinder im Vergleich zu anderen Bundesländern immer noch am stärksten vom Elternhaus abhängig. Das ist das Ergebnis der Bertelsmann-Studie "Chancenspiegel 2017", die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

In dem Monitoring haben die Autoren die Schulstrukturen und die Leistungen der Schüler der einzelnen Bundesländer verglichen. So ist Berlin beim Ausbau der Ganztagsschulen und bei der Inklusion im Bundesvergleich Spitze, jedoch spiegeln sich diese Anstrengungen nicht in den Leistungen der Mädchen und Jungen wider. Unabhängig von Alter und Schulfach würden die Berliner Schüler häufig mit "niedrigen mittleren Testleistungen" abschneiden. Zudem gebe es große Leistungsunterschiede zwischen Schülern verschiedener Herkunftsgruppen. Die Daten der aktuellen Studie basieren auf amtlichen Statistiken des Schuljahres 2014/15. Demnach bleiben die Neuntklässler aus Berlin in ihren Lesekompetenzen im Durchschnitt mehr als zwei Jahre hinter Brandenburger Schülern zurück. Fast jeder zehnte Jugendliche verlässt die Schule ohne einen Abschluss. Bundesweit habe der Wert bei lediglich 5,8 Prozent gelegen, heißt es. Auch wenn man nur den Anteil von ausländischen Schulabgängern ohne einen Hauptschulabschluss vergleicht, ist die Quote in der Hauptstadt mit 16,9 Prozent höher als der bundesweite Durchschnitt von 12,9 Prozent.

Dabei ist die Schulstruktur in Berlin vorbildhaft: Laut Bertelsmann-Studie waren zuletzt 84,9 Prozent aller Berliner Bildungseinrichtungen Ganztagsschulen, während der Bundesdurchschnitt bei 59,4 Prozent lag. Doch der positive Effekt bleibt offenbar aus.

Ähnlich sieht es bei der Inklusion, dem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Schülern, aus. Von den Mädchen und Jungen mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchten in Berlin 57,4 Prozent eine allgemeine Schule, im bundesweiten Vergleich waren es laut Studie nur 34,1 Prozent.

Positiv bewerten die Autoren auch, dass die Quote derjenigen, die in Berlin mit der allgemeinen Hochschulreife abschließen, in den vergangenen Jahren konsequent gestiegen ist. Während der Anteil der Schulabgänger mit Abitur im Jahr 2002 noch 30,9 Prozent betrug, lag er 2014 schon bei 44,5 Prozent aller Schüler. Zählt man das Fachabitur dazu, dann sind es sogar 56,8 Prozent.

Die Brandenburger Schulen sind beim Thema Chancengerechtigkeit laut Studie nur Mittelmaß. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Bildungschancen ist in der Mark als einzigem Bundesland in Deutschland sogar gewachsen. Vor allem bei Ganztagsschulen und der Inklusion erreichte Brandenburg nur mittlere Werte. So waren dort zuletzt 54,8 Prozent aller Bildungseinrichtungen Ganztagsschulen. Von den Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchten 45,2 Prozent eine allgemeine Schule (bundesweit: 34,1 Prozent). Und auch im Land Brandenburg hat sich der Anteil der Kinder am Gymnasium erhöht. Wechselte 2002 nur rund jeder dritte Grundschüler auf ein Gymnasium, waren es 2014 fast 45 Prozent. Der Anteil der Schulabbrecher ohne Abschluss dagegen lag auch hier mit 7,7 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt (5,8).

Katrin Schultze-Berndt, Bildungsexpertin der Berliner CDU, macht für das schlechte Abschneiden bei der Bildungsgerechtigkeit in Berlin die fehlende Leistungsorientierung an vielen Schulen verantwortlich: "Dadurch schaden wir den Kindern, die aus Elterhäu­sern kommen, die wenig von den Kindern fordern." Die Studie zur Chancengleichheit wird von der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dortmund und der Friedrich-Schiller-Universität Jena veröffentlicht.Seiten 2, 4 und 11

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