BIZ

Charlottengrad heute

Durch die Revolution 1917 fanden viele Russen hier ein neues Zuhause. Nach dem Fall der Sowjetunion kommen wieder Emigranten. Ihr Lebensgefühl prägt Berlin

Vielleicht macht der Fisch ja den Unterschied. Was für den Deutschen Fleisch ist, ist für den Russen Fisch. Bei ihnen komme er in der Woche drei- bis viermal auf den Tisch, erklärt Elena Breit. Die Frau mit dem russischen Vornamen und dem sehr deutschen Nachnamen betreibt ein Fischgeschäft in der Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Straße. Ihre Kunden? „Zu 70 bis 80 Prozent Russen, aber es kommen auch Deutsche, Israelis und Türken.“

Mehr aus praktischen Gründen hat Elena Breit ihr Geschäft in Charlottenburg eröffnet. Erst machte sie einen Fischladen in Moabit auf, nach einiger Zeit merkte sie aber, dass viele ihrer Kunden aus Charlottenburg kamen, und so schaute sie sich dort nach einem neuen Standort um. „Charlottenburg ist bei den Russen sehr beliebt“, sagt sie.

Erstaunlicherweise ist für Russen 100 Jahre nach der Februar- und Oktoberrevolution Charlottenburg immer noch ein Magnet – obwohl es so viele historische Brüche gab. Damals gaben die Emi­granten dem von ihnen bevorzugten Berliner Stadtteil den Namen Charlottengrad. Was zieht die Russen bis heute hierher, wenn es doch eigentlich auf den ersten Blick keine Kontinuität gibt?

Elena Breits Vorfahren waren Ende des 18. Jahrhunderts aus Schwaben und Ostpreußen in das Russland Katharinas der Großen ausgewandert. Die in Stettin geborene Herrscherin hatte vor allem deutsche Bauern mit Versprechungen wie Religions- und Steuerfreiheit angelockt. Viele siedelten sich an der Wolga an. Zwei Jahrhunderte später ist Elena Breit mit ihrer Mutter den Weg ihrer Ahnen wieder zurückgegangen und in Berlin gelandet. „Meine Oma wollte in Russland unbedingt, dass ich Deutsch spreche. Ich fand das damals lästig. Ich dachte: Deutsch brauche ich doch nicht. Aber jetzt bin ich meiner Großmutter sehr dankbar dafür.“

Dass ihr Vater ein Koreaner ist, hat auch mit dem schrecklichen Wirken Stalins im Zweiten Weltkrieg zu tun. Der sah in den Wolgadeutschen Kollaborateure der Nazis und deportierte sie tief in den Osten der Sowjetunion. In Kasachstan lebten zur gleichen Zeit Koreaner, die durch den Russisch-Japanischen Krieg vertrieben worden waren. Die Mutter aus dem Westen und der Vater aus dem Osten lernten sich kennen und lieben. Tochter Elena wurde geboren. Doch die Ehe hielt nur 13 Jahre. Als die Sowjetunion zusammenbrach und aus dem fernen Deutschland die Nachricht kam, dass man dort Russlanddeutsche aufnehmen würde, besann sich die Mutter ihrer Wurzeln. 1993 zog sie mit ihrer Tochter nach Berlin. Bis heute stößt Elena Breit in Charlottenburg auf Spuren des berlinerisch-russischen Charlottengrad aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Vor einiger Zeit entdeckte sie in der Bismarckstraße 69 eine Büste des Filmregisseurs Oleksandr Dowschenko und las, dass er von 1922 bis 1923 dort lebte.

Für Fréderic Verrycken weisen allerdings viel zu wenige Punkte auf die Historie hin. Und auch die Russen, die heute in Berlin leben, seien in den vergangenen Jahren nicht wahrgenommen worden. Der SPD-Politiker im Berliner Abgeordnetenhaus, ein gebürtiger Belgier, ist durch russischsprachige Mitarbeiter „auf das Thema gebracht worden“. Er hat dabei sicher auch ein mögliches Wählerpotenzial für seine Partei entdeckt. Etwa 220.000 russischsprachige Menschen leben in Berlin, davon 15.000 bis 17.000 in Charlottenburg.

Berlin als Emigrationsort für russische Intellektuelle, das habe sich bis heute eigentlich beibehalten, glaubt er. Gleichzeitig gebe es auch den Angestellten, den Arbeiter, gerade im Pflegebereich finde man viele russischsprachige Firmen.

Dass sich Februar- und Oktoberrevolution nun zum 100. Mal jähren, ist ein wichtiger Markstein, sagt Verrycken. „Die gemeinsame Erinnerung der Berliner und der Berliner Russen an das, was wir an russischem Leben schon vor 100 Jahren hier gehabt haben und wovon wir bis heute profitieren“, sie müsse genutzt werden. Doch wie? Bisher, so Verrycken, gebe es in Charlottenburg außer vielleicht zwei, drei Gedenkplaketten eigentlich nichts. „Ich will, dass das mehr wird. Wichtig ist mir zu zeigen, dass es auf der einen Seite die politische, aber auf der anderen auch die persönliche Ebene gibt.“

Vor einem Jahr im Sommer hatte er zu einer Veranstaltung im russischen Restaurant „Samowar“ neben dem Schloss Charlottenburg eingeladen. Eigentlich habe man gedacht, wenn fünf Leute kämen, sei das schon okay. Schließlich fanden an dem Tag bei 35 Grad fast 150 russischsprachige Menschen den Weg in das Lokal. „Der Saal war knüppeldickevoll, draußen haben noch Menschen gestanden.“ Seitdem bekommt Verrycken jede Woche Mails mit Anfragen, in denen es unter anderem um Wohnungssuche oder ehrenamtliches Engagement geht.

Er lebt seit 1989 in Charlottenburg. Das Schiller-Gymnasium, das er besuchte, hatte bereits 1991 einen Austausch mit Schülern aus Russland angeregt. Verrycken besuchte zwei Wochen lang eine russische Familie in Sankt Petersburg. Er sah auch eine Welt im Umbruch. „Eltern, die plötzlich arbeitslos wurden. Das Leben, das vorher geplant war, lag in Trümmern. Überall herrschte Unsicherheit. Alles wurde teurer.“

Möglicherweise hat er durch die Erfahrung auch ein Gefühl dafür, was viele der Russen, die heute hier leben, bewegt. „Wenn man in dieser Umbruchsituation die Heimat verlassen hat, schweißt das zusammen.“ Es sei aber schwierig, den Russen oder die Russin auszumachen. „Häufig sprechen sie sehr gut Deutsch. In bestimmten Bereichen hat man eigene Lebenserfahrungen, in anderen ist man auch durch und durch Berliner.“

Das merkt man auch Denis Svetikov an. In das sehr gute Deutsch des 36-Jährigen fallen immer wieder Berliner Redewendungen. Dabei hat er nicht mal die deutsche, sondern die russische Staatsangehörigkeit. Und das ganz bewusst: „Ich bin ein Russe, ich denke russisch.“ Svetikovs Vater war Offizier bei der sowjetischen Armee. Als sein Heimatland zerfiel, ging er in Rente. Aber er hatte noch eine Geschäftsidee: russische Bücher. Erst versorgte er Militärangehörige in Berlin mit Literatur, später wurde der Bedarf breiter. Bibliotheken zeigten Interesse, dann auch Nachkommen von Emigranten aus der Oktoberrevolution. Sogar eine Bestellung aus dem Hause Romanow, dem Adelsgeschlecht des letzten Zaren, flatterte aus dem Exil in Italien auf den Tisch.

Svetikovs Vater starb 2006, seitdem führt sein Sohn die Buchhandlung Gelikon in der Kantstraße. Er zählt Shakespeares „Macbeth“ und Gogols „Die toten Seelen“ als seine Lieblingsbücher auf. Mittlerweile sind neben Russen auch Deutsche unter den Kunden. „Viele junge Leute, aber auch Rentner kommen hierher, weil sie Russisch lernen.“ Charlottengrad – das habe schon eine Rolle gespielt, sagt Svetikov, als sie sich für Charlottenburg als Standort der Buchhandlung entschieden. „Alle kennen die Geschichte.“ Er nimmt am Kulturleben in der Stadt teil, sowohl am russischen als auch am deutschen. Er besucht Konzerte, Veranstaltungen im Russischen Haus an der Friedrichstraße und Aufführungen des Russischen Theaters.

Letzteres liegt etwas versteckt im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses an der Kurfürstenstraße. Hatte „Die russische Bühne“ vor ein paar Jahren noch einen Standort in Charlottenburg, am Steinplatz, ist man danach nach Schöneberg gezogen. Statt Charlottengrad nun Schönegrad. Gerade wird das Stück „Balzaminovs Träume“ des russischen Dramatikers Alexander Ostrowski geprobt. Auf der kleinen Bühne sind bunte Zaunpfähle, ein Steuerrad, Hocker und eine Wäscheleine zu sehen. Erzählt wird die Geschichte eines Beamten in der Provinz, der von einer reichen Braut träumt.

Xenia Kochler ist eine der Schauspielerinnen des Ensembles. Sie ist 30, kam zur Jahrtausendwende als 13-Jährige aus Sibirien nach Berlin. „Weil wir deutsche Wurzeln haben.“ Sie hat hier eine Schauspielschule besucht. Die Karriere? „Ich bin noch sehr weit davon entfernt“, bekennt sie freimütig. Erst mal wolle sie am Theater schauspielen lernen. Für ihren Lebensunterhalt muss sie allerdings noch als Verkäuferin arbeiten.

Ilja Gordon und seine Frau Inna leiten das Theater, das zumindest in der Anzahl der Stücke, die hier aufgeführt werden, den großen Bühnen in nichts nachsteht. „Hier wird tagtäglich geprobt“, erklärt er – und mit Seitenblick auf seine Frau: „Inna verbringt hier mehr Zeit als zu Hause. Meine Frau leitet das Ganze. Sie ist ausgebildete Theaterregisseurin.“ Er kümmere sich um das Organisatorische. „Ich muss alles machen, was die anderen sich nicht trauen.“ Das heißt, auch dem Journalisten an einem kleinen, runden Tisch Tee und Kaffee zu servieren und für seine Frau zu übersetzen.

50 Zuschauer passen in das Theater. Bei Kindervorstellungen können es auch mal 80 Besucher werden. Gespielt wird einmal in der Woche, oft freitags. Die meisten Aufführungen sind in russischer Sprache, einige Stücke, von Brecht beispielsweise, führe man auch auf Deutsch auf. Nur, finanziell falle gar nichts ab, klagt Gordon. „Wir werden von keiner Institution unterstützt.“

Er selbst kam mit 26 Jahren nach Deutschland, in der Tasche ein Diplom für Angewandte Mathematik. „Ich dachte, ich finde einen Job und dann wird es schon laufen.“ Ein paar Jahre arbeitete er in der IT-Branche, zuletzt war er in der Vertretung eines russischen Paketdienstes tätig. Wenn der 51-Jährige davon erzählt, wirkt er überhaupt nicht desillusioniert, sondern eher wie jemand, der sein Leben von außen betrachtet und darüber immer noch staunen kann. Das macht vielleicht auch den Charme aus, mit dem er das kleine Theater anpreist, auf die Auszeichnungen von Festivals an den Wänden zeigt und die Arbeit des Ensembles in den höchsten Tönen lobt.

Er erzählt von seinem Großvater, einem Friseur, der in der russischen Revolution sein Geschäft verlor. Anfang der 20er-Jahre, als die von Lenin ausgerufene Neue Ökonomische Politik eine Liberalisierung der Wirtschaft versprach, machte der Großvater im Zentrum von Baku wieder zwei Friseursalons auf. Doch das Tauwetter war nur von kurzer Zeit, wieder verlor er seine Geschäfte. Die russische Geschichte ist auch eine, die von vielen persönlichen Niederlagen geprägt ist.

Ilja Gordon, der Emigrant, der mit einem Diplom für Angewandte Mathematik nach Deutschland kam und heute den Betrieb der „Russischen Bühne“ in Berlin organisiert, hat sich ein ganz eigenes Lebensmotto zurechtgelegt: „Tu, was du am besten kannst, und wenn du es machst, dann bitte richtig.“

Wieder zurück nach Charlottenburg. Dort tritt Dinu Tamazlacaru auf großer Bühne auf. In der Deutschen Oper. Er ist Erster Solotänzer beim Staatsballett. Als er 2002 das Engagement bekam, erinnerte sich seine Mutter an Vladimir, Tamazlacarus Urgroßvater, der in der 20er-Jahren in Berlin weilte. Leider wusste sie nicht viel mehr von dem einmonatigen Aufenthalt des Arztes, auch wenn ihr Sohn immer wieder nachfragte.

Tamazlacaru ist in Moldawien geboren. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig. Er spricht die Sprache seiner Heimat, aber natürlich auch sehr gut russisch. In Berlin trifft er Freunde aus Armenien, Russland, der Ukraine und Georgien. „Wir sprechen alle russisch und verstehen einander.“

Damals, eine Woche nach seiner Ankunft, nahm er sich an einem freien Tag vor, Charlottenburg zu entdecken. Er fand ein russisches Restaurant, in dem er Pelmeni aß. Seit 2010 lebt er unweit des Schlosses. Er sagt, er spüre in Charlottenburg eine spezielle Aura. „Der Park hinter dem Schloss, das viele Wasser, die kleinen Straßen, die Leute – ich fühle mich einfach gut hier.“

Manchmal, wenn er spazieren geht, stellt er sich vor, wie es war, dieses Charlottengrad in den 20er-Jahren, als die russischen Emigranten hier gelebt haben. Möglicherweise verharrt er an der einen oder anderen Stelle und denkt: Hier könnte auch schon mein Urgroßvater gestanden haben.