Pierre Boulez Saal

Im Rhythmus der Stadt

RONALD KLEIN

Am Anfang stand Bleistiftgekritzel. Doch was nach dem Produkt von Langeweile aussah, ist mittlerweile Konzeption und Logo des Pierre-Boulez-Saals, der am 4. März eröffnet.

Für die elliptische Bleistiftskizze zeichnet der 1929 geborene Architekt Frank Gehry verantwortlich, der u. a. das Guggenheim Museum in Bilbao oder den Facebook-Campus in Kalifornien entworfen hat. Sein langjähriger Freund Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, suchte vor einigen Jahren nach Räumlichkeiten, die der Barenboim-Said-Akademie Platz boten. Die private Musikhochschule unterrichtet 100 Stipendiaten aus dem Nahen Osten. Mittlerweile kam sie im ehemaligen Magazin der Kulissen der Staatsoper unter.

Damit entstand die Idee, einen Konzertsaal in die Räumlichkeiten zu integrieren. Gehry übernahm die Planung ehrenamtlich und konzipierte nach der ersten Skizze einen konventionellen Saal. Barenboim, der sich an Gehrys Ellipsen erinnerte, bat um einen neuen Entwurf. Gehry knüpfte an einen Gedanken Pierre Boulez' an. Dem großen französischen Komponisten und Dirigenten waren Räume ein Gräuel, in denen das Orchester quasi abgestellt wird. "Schuhschachteln" nannte er diese Säle. So entstand schließlich der ei-förmige Raum, der die strikte Trennung zwischen Publikum und Musiker aufhebt. "Der Saal fügt sich in den Rhythmus der Stadt ein", betont Intendant Ole Baekhoj. "Die Fenster sind zentrales Element, draußen sieht man Menschen vorbeilaufen." Der Däne verortet das Haus als Teil der Berliner Mitte, keinesfalls als elitären Fremdkörper. So schwebt Baekhoj vor, viel zu experimentieren. Dabei sollen Berliner und Touristen gleichermaßen angesprochen werden: "Englisch und Deutsch sind bei uns gleichwertig. Die englischen Texte im Programmheft sind keine Übersetzung, sondern eigenständige Texte. Auch die Lecture-Konzerte finden in beiden Sprachen statt." Trotz der Experimentierfreudigkeit bleibt das Haus aber dem Geist des Humanismus verpflichtet, den der US-amerikanische Literaturwissenschaftler und Namensgeber der Akademie Edward Said als "letzte Verteidigungslinie" bezeichnete. So stehen auf dem Programm Kompositionen der Wiener Klassik, der Moderne wie auch Auftragswerke. Das neugegründete Pierre-Boulez-Ensemble rekrutiert sich aus Mitgliedern der Staatskapelle Berlin, des East-Western Divan Orchestras und Gästen. "Der Fokus liegt auf der Kammermusik", erklärt Baekhoj. "Würde man Orchester auftreten lassen, wäre es ein sehr exklusiver Rahmen, in dem aus Platzgründen dann nur noch 200 Gäste im Publikum Platz finden würden."

Das Eröffnungskonzert führt verschiedene Epochen zusammen, so erklingen unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim Werke von Schubert und Mozart ebenso wie von Berg, Boulez und Widman.

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