Beruf

Magier mit Managerqualitäten

| Lesedauer: 14 Minuten
Uta Keseling
Christian de la Motte war ein gutbezahlter Manager, bevor er  herausfand , dass er als Magier glücklicher ist

Christian de la Motte war ein gutbezahlter Manager, bevor er herausfand , dass er als Magier glücklicher ist

Foto: Nicolas Wanek / BM

Christian de la Motte war Wirtschaftsingenieur, heute ist er als Magier. Warum er mit 40 sein Leben umkrempelte

Es war an einem heißen Sommerabend im Mauerpark, als das erste Leben von Christian de la Motte und sein neues ziemlich unsanft aufeinander- prallten. „Ich verkaufte damals gerade Caipirinha aus einer Art Bauchladen,“, sagt Christian de la Motte, „stilvoll, mit Eis und in echten Gläsern.“ Er lächelt. „Ich hatte da eine Marktlücke entdeckt.“ Eines Abends blieb ein Mann bei ihm stehen und schaute ihn verwundert an. „Herr de la Motte, sind Sie das?“ – „Er kannte mich noch als Geschäftspartner, als Manager im Anzug, mit dem er über sechsstellige Summen verhandelte.“ Jetzt stand er als Straßenverkäufer vor ihm.

Die Begegnung ist ungefähr zwölf Jahre her. Genau weiß Christian de la Motte es nicht mehr, er lebt nicht in der Vergangenheit. Seine Bühne ist der Moment. War ihm das damals peinlich? Er überlegt. „Erst ja. Es gab erst eine Art Schockstarre. Aber dann merkte ich, dass ich mich eigentlich gar nicht schämte, sondern mein Gegenüber. Ich selbst war einfach froh, all das losgelassen zu haben, wofür dieser Manager stand.“

Der Sommer als Straßenverkäufer blieb eine Episode, der Anzug gehört seit etwa zehn Jahren wieder zu seiner Berufskleidung. Seitdem lautet seine Berufsbezeichnung: Magier. Auf Wunsch reicht Christian de la Motte (50) zum Thema Visitenkarten, er hat eine Homepage, einen vollen Terminkalender. Nach wie vor sind viele seiner Kunden Geschäftsleute. Neben seinen öffentlichen Auftritten buchen ihn Firmen für Managerseminare oder Gesellschafterversammlungen. Manche laden ihn nach dem Auftritt ein zweites Mal ein. Um zu erfahren, wie es zu dem Wandel kam.

Wie findet man heraus, was einen glücklich macht?

Dass jemand eine gute Position aufgibt, um sich als Unterhalter selbstständig zu machen, ist ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher: Dass er darüber öffentlich spricht. Christian de la Motte arbeitete im mittleren Management bei großen Firmen wie der Telekom, zuletzt war er Geschäftsführer eines Software-Unternehmens. „Heute bitten mich Personalabteilungen, auf Seminaren zu erzählen, warum ich mich anders entschied.“ Bei den ersten Terminen schilderte er seine Biografie. Heute spricht er oft direkt aus, was hinter der Frage steht: Wie findet man heraus, was einen glücklich macht?

Was macht ihn glücklich? An einem Winterabend steht Christian de la Motte auf der Kellerbühne im Umspannwerk Ost in Friedrichshain. Klinkerwände, gedämmtes Licht, gedeckte Tische, es ist warm im Saal, die Show ist ausverkauft. Auf dem Programm stehen „Comedy Magic“ mit Christian de la Motte und Gänsekeule mit Rotkohl.

Während an den Tischen die Getränke bestellt werden, stellt de la Motte auf der Bühne sich selbst vor: „Sie glauben nicht an Wunder? Sie lassen sich nicht täuschen? Lassen Sie sich verzaubern!“ Die Männer schauen in die Speisekarten, die Frauen neugierig hin. Der Mann auf der Bühne, blauer Anzug, weißes Hemd, Brille, sieht er nicht aus wie jemand, der selbst nicht an Zauberei glaubt? Kein Glitzer, kein spitzer Hut. Kein Zauberstab. Der Magier fixiert jetzt die Zuschauer an den vorderen Tischen. Zögert den Moment noch ein bisschen hinaus, als den Gästen dämmert, dass Weggucken an diesem Abend keine Alternative ist. „Wie heißen Sie? Ja, Sie da hinten, mit dem … Gesicht?“ Gelächter. „Aha, Dieter. Also, Dieter, wir machen es jetzt wie jedes Jahr in Las Vegas, okay?“ Schon steht der erste Gast auf der Bühne. Auch an den hinteren Tischen erwacht das Interesse.

Hessen sind das Lachen eher gewohnt als Mecklenburger

Auf der Bühne geht es um rätselhafte Spielkarten, Tücher und Ringe, die ineinandergeschweißt sind und sich doch plötzlich trennen – oder auch nicht. „Wenn es klappt, ist es Magie, wenn es schiefgeht, Comedy“, kommentiert de la Motte ein vermeintliches Missgeschick auf der Bühne.

Die Zuschauer, wird de la Motte später sagen, „sollen sich mit mir einen Moment lang einfach gut fühlen. Sie sollen nicht an ihr überzogenes Konto denken, nicht an die Schwiegermutter, an die schreckliche Krankheit oder was uns eben so Angst macht.“ Das sei das ein Motiv, auf die Bühne zu treten. Und das andere? „Ganz ehrlich: Ich finde es toll, wenn die Leute klatschen.“

Dafür tut er einiges. Lässt Tricks gelingen oder auch nicht, macht sich selbst lächerlich oder auch, ein bisschen, Dieter aus der ersten Reihe, den der Magier schnell als Menschen mit ausreichend Humor identifiziert hat. Fragt man de la Motte nach seinen Zuschauern, kann er sie erstaunlich präzise beschreiben, zumindest vom Typ her. Hessen sind das Lachen eher gewohnt als Mecklenburger. Vertriebsleute sind spontan weniger spaßbereit als Menschen, die sich den Zauberer als Höhepunkt für das Familientreffen gebucht haben.

In der zweiten Hälfte der Show geht es um ein Glaskugel-Experiment. Der Magier bittet einen Gast um einen Zehn-Euro-Schein, den er nach allerlei Kunststückchen in einer Glaskugel umschlossen zurückbringt. Es ist zweifelsfrei das Geld des Gastes. Die Kugel hat zweifelsfrei kein Loch. Wie geht das? Der Gast soll entscheiden, ob er sein Geld zurück will, auch wenn er dafür die zauberhafte Kugel zerstören muss. Oder möchte er sie als Erinnerung geschenkt haben? „Frauen nehmen die Kugel immer mit“, sagt de la Motte. „Von sieben Männern lässt sich einer den Hammer geben.“

Verkaufen, was mit Geld allein nicht zu bezahlen ist

Während die Gänse serviert werden, macht die mysteriöse Kugel an den Tischen die Runde. Die Gäste betasten sie, halten sie ins Licht, wundern sich. De la Motte ist zufrieden. Es ist sein Lieblingstrick. „Weil er uns sagt, dass man Geld nicht immer diese Bedeutung beimessen muss. Manchmal zählt auch einfach der schöne Moment.“ Für ihn selbst ist der Glaskugel-Moment erreicht, wenn es ihm gelingt, den Zuschauern etwas zu „verkaufen“, das mit Geld allein nicht zu kaufen ist: Freude.

Im Grunde ist die Message der Glaskugel dieselbe wie jene, die de la Motte auch auf Motivationsseminaren weitergibt. Obwohl er als Manager ein Vielfaches seiner heutigen Gagen verdient habe, sagt er, sei er heute glücklicher. „Ich gehe meinen Weg, das ist das Entscheidende.“ Wie findet man nun diesen Weg?

Christian de la Motte ist in Kiel aufgewachsen, hatte eine typische Mittelstandskindheit, so klingt es. Viel Geborgenheit, wenig Magie. Der Vater ist Kaufmann und hat ein Reisebüro, die Mutter ist Hausfrau, er hat zwei Geschwister. Der französische Name ist kein Künstlername, sondern Familienerbe. Als Kind interessierte de la Motte sich für Technik und Umweltthemen, in der Schule spielt er manchmal den Klassenclown, „ich mochte es damals schon, wenn alle lachen“. Als Teenager probierte er sich in Trenchcoat und Schlapphut aus, nach dem Abitur meldete er sich zum Wehrdienst bei der Marine. „Ich war kein Rebell.“

Mit 40 stand er vor der Frage, was erwirklich wollte

Als er in Berlin Wirtschaftsingenieurwesen studiert, stellt er fest, dass er zu jener Sorte Mensch gehörte, „die nur Sachen machen können, die sie wirklich interessieren“. Mathematik gehört eher nicht dazu. Den Ingenieursteil des Studiums schafft er, weil ihn ein Prüfer durchwinkt, „obwohl ich das Fach definitiv nicht verstanden hatte“. Warum? „Ich hatte einfach Glück.“ Überhaupt habe er oft im Leben Glück, sagt er . Und dann, eher nebenbei: „Ich habe das Vertrauen, dass das Schicksal auf meiner Seite ist.“ Möglich, dass dies seine Zauberformel ist.

Möglich auch, dass der Prüfer schon damals sah, was de la Motte selbst erst später an sich entdeckte: Sein Talent, etwas darzustellen. Noch während des Studiums wird er Nachwuchs-Führungskraft bei der Telekom. Als Trainee darf er nach London reisen, um dort den Bankern von Goldman Sachs zuzuschauen. Es ist das große Kino des Geldes. Er ist fasziniert. „Da gab es ein texanisches Unternehmen, das machte aus seinem Börsengang eine echte Roadshow, um die Investoren zu beeindrucken. Es wurde eine Suite in einem Londoner Fünf-Sterne-Hotel gebucht und der CEO trat im gut sitzenden Maßanzug und in Cowboystiefeln vor die Investoren, die zig Millionen investierten. Er war eben Texaner.“

Er selbst begann nach einem Jahr als Trainee in Hamburg bei der Telekom im mittleren Management. „Aber der Job war leider todlangweilig.“ Er wechselte zu einer Tochter der Treuhand-Nachfolge-Gesellschaft TLG, sollte eine Software zur Immobilienverwaltung des Unternehmens einführen. Diesmal war sein Job ein „Riesenprojekt mit riesigem Anspruch, das mich wiederum inhaltlich total überforderte“. Am Ende wechselte er zu einem Software-Unternehmen, dann kam die Dotcom-Krise. „Ich musste mich sozusagen selbst wegrationalisieren.“ Mit 40 stand er vor der Frage, was er eigentlich wirklich wollte.

Es war wie eine Rolltreppe, die einfach immer nach oben fährt

Ein paar Jahre zuvor, erinnert er sich, hatte er noch mit einem Kollegen in einem Café in Mitte gesessen, „wir klopften uns gegenseitig auf die Schulter, wie viel Glück wir doch hatten mit unseren Jobs, in denen es einfach immer nur aufwärts ging und man immer noch mehr Geld verdiente und noch mehr Erfolg hatte. Es war wie eine Rolltreppe, die einfach immer nach oben fährt. Das dachten wir wirklich.“ Die Dotcom-Krise, die innerhalb von wenigen Monaten viele Jobs und viel Geld an der Börse vernichtete, wurde dann auch zu seiner eigenen. Aber auch zu seiner Chance.

In der Zeit nach der Kündigung, sagt de la Motte, habe er viel gelesen. „Viel über Buddhismus, über Glück und Achtsamkeit.“ Das habe ihn sehr in seinem Weg bestimmt, bis heute. Achtsamkeit sowohl sich selbst als auch und anderen Menschen gegenüber. Das Glück nicht in Geld oder Besitz zu sehen, sondern in schönen Momenten, „die man sozusagen inhalieren und eine Weile mit sich herumtragen kann.“

Den Lebensunterhalt musste er trotzdem bestreiten. Als er arbeitslos wurde, war sein erster Sohn sechs Jahre alt, heute ist er Vater von vier Kindern. Er arbeitete zunächst als Barmann wie schon als Student, und versuchte sich als Kinderzauberer. Die Idee kam ihm bei Kindergeburtstagen. „Ein paar Tricks kannte ich noch aus meiner Kindheit, ich hatte ab und zu auf unseren Familienfeiern für die Erwachsenen gezaubert.“ Ihm gefällt das Publikum. „Kinder sind immer bereit, sich auf Späße einzulassen.“ Doch leben konnte er davon nicht.

Der einzige Zauberer mit Markteintrittsstrategie und Businessplan

Die Idee, vor Erwachsenen als Zauberer aufzutreten, entstand im Urlaub nach einem anstrengenden Sommer. Zuletzt hatte er als Geschäftsführer auf dem Badeschiff in Kreuzberg angeheuert, „das war ein Job fast ohne Freizeit“. Er erholte sich in einem Robinson-Club – und trat in einer Gästeshow auf, vor 800 Gästen. „Ich habe acht Minuten gezaubert, es war die einzige Erwachsenen-Nummer, die ich damals drauf hatte. Es war toll.“ Die Zuschauer fanden das offenbar auch. „Ich hatte das Gefühl, es floss eine Art Energie.“

Wieder zu Hause, kündigte er beim Badeschiff – und vollzog die Verwandlung zum Magier so, wie er es als Manager gelernt hatte: professionell. „Wahrscheinlich war ich der einzige Zauberer mit Markteintrittsstrategie und Businessplan.“ Er untersuchte, welche Kunden infrage kommen. Und bildete sich weiter, las Fachbücher, besuchte Seminare und Workshops. „Es gibt ja heute eine regelrechte Zauber-Industrie, da kann ich immer noch viel lernen.“ Ab und zu fliegt er dafür bis nach Las Vegas, wo die berühmtesten Magier der Welt auftreten. „Die Amerikaner sind ja die Erfinder des Showbiz, sie können einfach inszenieren.“ Auch das Publikum sei ganz anders, hat er erfahren. „Amerikaner begeistern sich, Deutsche fragen: Wie geht das?“

Ja, wie? Wer dem Magier länger zuhört, begreift: Zauberei ist vor allem Psychologie. „Wir nehmen eben oft nur die Dinge wahr, die wir wahrnehmen wollen.“ Das gilt, im übertragenen Sinne, natürlich auch für ihn selbst. Im Grunde musste er sich nicht sehr verändern auf dem Weg vom Manager zum Magier, selbst der Anzug blieb ja. Nur den Blick hat er in eine andere Richtung gelenkt. Ganz ähnlich wie bei den Tricks mit den Karten, Tüchern und Ringen.

Die nächste öffentliche Show in Berlin: 17. März, 19 Uhr, Ballsaal Queens 45BC, Königin-Elisabeth-Straße 45, 14059 Berlin-Charlottenburg