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Experten für schöne Dinge

Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid zählen zu den besten Kunstkennern Deutschlands. Seit eineinhalb Jahren betreiben sie an der Kaisereiche in Friedenau ihr faszinierendes Kunst- und Design-Geschäft „Elf Schaufenster“

In diesem 250 Quadratmeter großen Ladengeschäft an der Kaisereiche hatten in den letzten zwei Jahrzehnten unter anderem ein Kinderwarengeschäft und ein Matratzendiscounter ihr Glück versucht. Im Sommer 2015 bezogen den Raum schließlich die Kunst- und Designliebhaber Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid mit dem Laden "Elf Schaufenster". Das Paar gibt seit 1996 die "Kunstzeitung" heraus, sie gilt als anerkanntestes und verbreitetstes Printmedium in Sachen Bildende Kunst in Deutschland. "Zum 25-jährigen Jubiläum unseres Verlages haben wir uns vergangenes Jahr dieses Geschäft geschenkt", sagt Karlheinz Schmid. Ganz in existenzialistisches Schwarz gekleidet ist der 63 Jahre alte Journalist. Das gilt auch für seine Partnerin, die allerdings mit strelizien-orangenem Kurzhaarschnitt und rötlichen Augenbrauen kräftige Farbakzente setzt.

Das Außergewöhnliche, Besondere an dem LED-weiß-durchfluteten dreieckigen Raum ist die Präsentation von Design, Mode und Kunst in thematischen Ensembles. So werden unterschiedliche Produkte unter dem Thema "Die Farbe Grau" präsentiert: Hocker der Star-Designer Frank Gehry und Philippe Starck, eine Fotoarbeit des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss, ein dreiteiliger, variabler Tisch der französischen Designfirma Matière Grise oder Bestecke von Diesel Creative, die als Griff einen 15er-Schraubenschlüssel haben. Ein weiteres Ensemble zeigt Design-Möbel aus Holz, zum Beispiel röhrenartige Sitzmöbel aus Eiche von Naoto Fukasawa, stapelbare Sperrholzcontainer des Finnen Harri Koskinen und den Drei-Beinhocker "Griffbereit" von Marcel Kabisch. "Der hat unter anderem den sächsischen Staatspreis für Design erhalten. Einer der besten Holzdesigner im Land", erläutert Gabriele Lindinger.

Fast zu jedem Stück gibt es eine kleine Geschichte

Wenn Karlheinz Schmid und seine Frau die einzelnen Exponate erklären, kann man sich vorstellen, dass sie einige der Stücke gerne selbst in der Wohnung hätten. "Aber die ist schon voll mit so vielen Designerstücken." Und so wird klar, nach welchen Kriterien der Verkaufsraum bestückt wird. "Was wir hier machen, ist eine Art kuratiertes Verkaufen", scherzt Gabriele Lindinger. Fast zu jedem Stück gibt es eine kleine Geschichte. "Diese rot-weiße Hängelampe des dänischen Designer Verner Panton wollte ich schon immer haben. Er gilt als einer der einflussreichsten Möbeldesigner des 20. Jahrhunderts. Und hier hängt sie nun", freut sich Schmid. 2600 Euro kostet das Leuchtmöbel, "ein Schnäppchen", meint der Ladenbesitzer. Insgesamt ist die Preisspanne der Stücke sehr groß. Die Sperrholz-Container von Koskinen sind ab 190 Euro zu haben, das vierteilige Sitzensemble von Fukasawa hingegen kostet 3200 Euro.

Noch teurer ist das berühmte Marshmallow-Sofa des amerikanischen Designers und Architekten George Nelson. Es schlägt mit 4800 Euro zu Buche. Es gibt aber auch preiswerte Dinge wie ein Schneidebrett in Form einer Vinylschallplatte von Joseph und Joseph für 28 Euro. Im Pop-Art-Ensemble, in dem das Marshmallow-Sofa steht, finden sich auch Ulmer-Hocker von Max Bill, ein Cocktail-Tisch von Gerrit Rietveld und ein "De Stijl"-Liegestuhl von Copry und Wildenberg. Hinter dem knallbunten runden Blumenmotiv-Teppich von Marcel Wanders steht eine kuriose Gießkannen-Installation von Christian Terstegge, "Kunst kommt vom Gießen". Je länger man sich im "Elf Schaufenster" aufhält, desto mehr stilvolle und außergewöhnliche Designs gibt es zu entdecken.

Etwa den Schraubzwingen-Stuhl von Wasa Marjanov. Der in Düsseldorf lebende Bildhauer beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Architektur, Mensch und urbanen Gegebenheiten. Der Stuhl des aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Designers ist eine Konstruktion aus Schraubzwingen, Stahl und einer Sicherheitsglasplatte. Bequem sieht er nicht aus.

"Dieses Geschäft ist sozusagen eine zwangsläufig Konsequenz aus unserer Tätigkeit als Kunst-Kritiker und Design-Sammler", erklärt Gabriele Lindinger. Vor drei Jahren ist sie mit Schmid nach Berlin gekommen. "Es war nach so vielen Jahren in Regensburg einfach an der Zeit", sagt sie. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre hatte sie mit dem "Spiegel"- und "Art"-Journalisten Schmid neben dem Verlag Lindinger + Schmid und der gratis verteilten "Kunstzeitung" eine Agentur für Kunst und Öffentlichkeitsarbeit gegründet.

Eine Tasse Kaffee auf George Nelsons Marshmallow-Sofa

Die Entscheidung für Berlin als neuen Standort sei zwar erst mit 60 Jahren bei ihnen gefallen. "Aber es war ein guter Zeitpunkt, zum Beginn des dritten Lebensabschnitts noch einmal durchzustarten", sagt Schmid und lächelt seine Partnerin an. Der Verlag der "Kunstzeitung" und des "Informationsdienst Kunst" residiert keine 500 Meter entfernt, am René-Sintenis-Platz. "Die Nähe von Verlag und Geschäft war uns sehr wichtig", ergänzt Gabriele Lindinger. Wenn sie eine kreative Pause brauchen, kommen sie in ihr Geschäft und trinken eine Tasse Kaffee. Durchaus auch einmal auf Nelsons Marshmallow-Sofa.

Elf Schaufenster Saarstraße 1, Friedenau, Tel. 86 31 43 82, Di- Sbd 12-18 Uhr,
www.elf-schaufenster.de

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