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Die Stimmung war "ruhig, freundlich, höflich und artig"

Vor 75 Jahren trafen sich 15 Männer zu einer Besprechung in einer Villa in Zehlendorf, der Wannsee-Konferenz. Einziges Thema: die „Endlösung“ und damit die Vernichtung der europäischen Juden. Was für Menschen waren die Teilnehmer, wie wurden sie zu Tätern?

Die Wannsee-Konferenz fand am 20. Januar 1942 mittags in einer schönen Villa im Berliner Süden direkt am Wasser statt. Die Villa diente ab 1941 als Gästeheim der SS. Die Besprechung, die rund zwei Stunden dauerte, hatte 15 Teilnehmer. Ein Protokoll, das 1947 gefunden wurde (den Beginn der ersten Seite haben wir auf dem Titel), berichtet vom Ablauf und von den Redebeiträgen der Konferenz. Alleiniges Thema, so steht es auch in den als Dokument erhaltenen Einladungen: "die Gesamtlösung der Judenfrage". Nach der unmittelbaren Arbeitsbesprechung lud man zum späten Frühstück ein.

Der Tag der Konferenz jährt sich nun zum 75. Mal. Anlass für das "Haus der Wannsee-Konferenz", die heutige Gedenkstätte am Originalschauplatz, einen neuen Band herauszugeben: "Die Teilnehmer". In kurzen Porträts werden in diesem Buch – von teilweise namhaften Historikern wie Christopher Browning – die Teilnehmer einzeln vorgestellt. Viele kriegen zum ersten Mal ein Gesicht, man erfährt, wo sie wohnten, mit wem sie abends verkehrten, wen sie womöglich schon aus Studienzeiten kannten. Alle 15 sind Täter, doch der Hintergrund ist ganz unterschiedlich: "Alte Kämpfer", ehrgeizige Aufsteiger, kühle Verwaltungsleute, es ist alles dabei. Fast alle sind Familienväter. Für viele ist die Wannsee-Konferenz ein Karrierehöhepunkt ihrer Laufbahn.

Denn der systematische Mord an den europäischen Juden ab Kriegsbeginn ist ein Feld, auf dem man sich zu NS-Zeiten profilieren kann. Hier ist die Aufmerksamkeit der Führungsriege – Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und der anderen – gewiss. Die Wannsee-Konferenz gilt als Treffen auf Staatssekretärsebene. Sie markiert nicht den Beginn des Holocaust. Das Massenmorden war längst im Gange, Länder wie Estland wurden im Protokoll vom Januar 1942 schon als "judenfrei" bezeichnet – Folge der furchtbaren Massaker, die im Rücken der Wehrmacht durch deutsche Einsatzgruppen, SS und SD begangen wurden.

Wenn man so will, waren diese Massaker die erste "heiße" Phase der europäischen Judenvernichtung. Bei der Wannsee-Konferenz geht es nun um die Massenvernichtung als Verwaltungsakt. Über die Formen der Tötung wird im Protokoll geschwiegen, die Sprache ist tarnend, man spricht von "Evakuierung der Juden nach dem Osten", von "Endlösung", "Verminderung durch Arbeitseinsätze" und einem "Restbestand", der "entsprechend behandelt" werden müsse. Ein zweiter zentraler Punkt der Konferenz ist der Umgang mit Mischlingen 1. und 2. Grades. Die Wannsee-Konferenz ist eine Besprechungen von mehreren zum Thema Judenvernichtung. Doch keine ist so gut dokumentiert wie diese. Auch deshalb steht sie so im Mittelpunkt. Susanne Leinemann

"Die Teilnehmer. Die Männer der Wannsee-Konferenz", hrsg. von Hans-Christian Jasch und Christoph Kreutzmüller, 336 S., Metropol-Verlag, 24 Euro (bei Kauf in der Gedenkstätte nur 14 Euro)Zum 75. Jahrestag plant das "Haus der Wannsee-Konferenz" verschiedene Veranstaltungen.Programm unter: www.ghwk.de

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