Todesfahrt

Lkw rast in Berliner Weihnachtsmarkt: Was wir wissen

Ein Lkw ist in einen Weihnachtsmarkt in Berlin gerast. Dabei starben zwölf Menschen, es gab viele Verletzte. Was wir bislang wissen.

Der Morgen danach: Polizisten sichern den Ort des Anschlags, der Lkw, der am Abend zuvor zwölf Menschen erfasst und getötet wurde, wird zum Abtransport vorbereitet.

Der Morgen danach: Polizisten sichern den Ort des Anschlags, der Lkw, der am Abend zuvor zwölf Menschen erfasst und getötet wurde, wird zum Abtransport vorbereitet.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin.  Ein Lastwagen ist am Montagabend auf einen Berliner Weihnachtsmarkt gerast. Dabei sind zwölf Menschen getötet und mindestens 48 verletzt worden, darunter mehrere schwer. Die Hintergründe sind noch unklar. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist passiert?

Ein Lkw ist gegen 20 Uhr in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche im Westen Berlins gerast. Lange berichteten Polizei und Feuerwehr von neun Toten und Dutzenden Verletzten, in der Nacht musste die Zahl der Getöteten auf zwölf nach oben korrigiert werden. Der Laster kam aus der Kantstraße, fuhr etwa 50 bis 80 Meter über den Weihnachtsmarkt, zerstörte dabei mehrere Buden, ehe er zum Stehen kam. Der Fahrer konnte flüchten.

Was sind die Hintergründe?

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Berlin für sich in Anspruch genommen. Das IS-Sprachrohr Amak meldete am Dienstag im Internet, ein IS-Kämpfer sei für den Angriff verantwortlich gewesen.

Die Echtheit der Nachricht ließ sich zunächst nicht verifizieren. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle im Internet verbreitet. Auch die Form der Erklärung entspricht früheren Bekenntnissen der Extremisten. Die Operation sei eine Reaktion auf Aufrufe, die Bürger der Staaten der internationalen Koalition anzugreifen.

Die Sicherheitsbehörden hatte zuvor die Vermutung geäußert, dass der Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt einen islamistischen Hintergrund hat. Die Vorgehensweise des Täters und die Tatsache, dass dieser einen Weihnachtsmarkt als Ziel ausgewählt habe, ließen auf ein islamistisches Motiv schließen, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank. Dabei handle sich aber um keine unumstößliche Annahme. Man müsse weiter in alle Richtungen ermitteln.

Wer sind die Opfer?

Von den elf toten Weihnachtsmarktbesuchern waren am Dienstagnachmittag sechs identifiziert. Sie waren nach Angaben von BKA-Präsident Holger Münch deutsche Staatsbürger. Bei dem zwölften Opfer handelt es sich um den ursprünglichen Speditionsfahrer aus Polen. Seine Leiche wurde auf dem Beifahrersitz gefunden – getötet wurde er offenbar von einer Schussverletzung. Der Speditions-Eigentümer identifizierte den Fahrer – seinen Cousin – auf einem Polizeifoto.

Laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière ringen 14 Menschen noch mit dem Tod. Unter den Toten seien möglicherweise Jugendliche und auch Ausländer. 24 der Verletzten konnten das Krankenhaus am Dienstag wieder verlassen.

Wer fuhr den Lkw und was ist über ihn bekannt?

Offenbar waren zwei Männer in dem Lastwagen mit polnischem Kennzeichen. Der Beifahrer, der tot auf dem Beifahrersitz aufgefunden wurde, war zuvor mir dem Lkw aus Polen nach Berlin gekommen, wo er auf das Löschen seiner Ladung wartete. Das letzte Lebenszeichen soll sein Cousin, der Inhaber der Spedition, gegen 16 Uhr erhalten haben.

Der Täter, der den Lkw in die Menschenmenge steuerte, war Zeugenangaben zufolge nach dem Anschlag zunächst ausgestiegen und geflüchtet. Noch am Abend wurde in etwa einem Kilometer Entfernung zum Breitscheidplatz ein Verdächtiger festgenommen. Er konnte gestellt werden, weil ein Augenzeuge den flüchtenden Mann verfolgte und die Polizei per Handy über dessen Standort informierte.

Der von den deutschen Sicherheitsbehörden unter dem Namen Naved B. als mutmaßlicher Flüchtling identifizierte 23-jährige Verdächtige streitet die Tat ab. In Polizei- und Sicherheitskreisen bestanden schon am Dienstagnachmittag Zweifel an seiner Täterschaft. Am Abend teilte die Generalbundesanwaltschaft mit, dass kein dringender Tatverdacht besteht und der Mann wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.

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Gibt es derzeit eine heiße Spur?

Nach allem, was die Behörden bislang bekanntgegeben haben: nein. Der tatsächliche Fahrer scheint also weiterhin flüchtig und womöglich in der Stadt unterwegs zu sein.

Denkbar erscheint auch, dass er bewaffnet ist. Denn die Schusswaffe, mit der der Fahrer der polnischen Spedition mutmaßlich vor der Todesfahrt erschossen wurde, wurde nach Auskunft der Sicherheitsbehörden noch nicht gefunden. "Wir sind alarmiert", kommentierte BKA-Chef Holger Münch dieses Szenario am Dienstagnachmittag.

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Wem gehört der Lkw?

Der Lastwagen gehört einer polnischen Spedition. Der Spediteur, der Cousin des ursprünglichen Fahrers, verlor den Kontakt gegen 16 Uhr. Polnische Medien berichten, GPS-Daten hätten gezeigt, dass der Wagen ab etwa 16 Uhr mehrmals gestartet worden sei. Dabei könnte es sich um Versuche eines mutmaßlichen Entführers gehandelt haben, den LKW zu steuern, vermuteten polnische Medien.

Gegen 19.45 Uhr habe der Wagen seinen Standort in Berlin endgültig verlassen, hieß es. Demnach hatte der LKW seit etwa Montagmittag vor einer Berliner Firma geparkt. Es sei geplant gewesen, aus Italien transportierte Stahlkonstruktionen Dienstagfrüh dort auszuladen, sagte der Spediteur. Am Abend zuvor hatte die Polizei getwittert, der Lkw sei möglicherweise bereits in Polen gestohlen worden.

Was sagen die Behörden?

Der Generalbundesanwalt hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das BKA und die Berliner Polizei sind mit den Ermittlungen betraut. Innenminister Thomas de Maizière legte den Weihnachtsmärkten der Region nahe, am Dienstag auf die Öffnung zu verzichten, betonte aber auch, dass es wichtig sei, sich in den folgenden Tagen nicht vom Terror verängstigen und einschränken zu lassen.

Die Polizei hat außerdem dazu aufgerufen, keine Videos vom Anschlag zu teilen: "Bitte verbreiten Sie keine Videos vom Ereignisort im Netz. So schützen Sie die Privatsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen", hieß es im Twitter-Aufruf der Polizei.

Die Polizei erklärte auch, dass es keine Hinweise auf eine akute Gefahr an anderen Orten gibt. Sie hat ein Portal eingerichtet, auf dem Zeugen Fotos und Videos hochladen können. (dpa/law/les/moi/ba)

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