Brandenburg

Raus aufs Land in die Uckermark, um was zu Neues beginnen

Warum Berliner in der Uckermark ihre Zukunft sehen: Vier Besuche bei Architekten, Hoteliers, Opern- und Filmemachern

Viele Berliner Familien ziehen fürs Wochenende in die Uckermark, manche bleiben aber schließlich auch ganz

Viele Berliner Familien ziehen fürs Wochenende in die Uckermark, manche bleiben aber schließlich auch ganz

Foto: Reto Klar

Auf der Karte wirkt die Distanz zwischen Berlin und, sagen wir, Templin in der Uckermark lächerlich: rund 80 Kilometer. Selbst rund um Frankfurt am Main reicht der Speckgürtel weiter. Doch das Besondere an Berlin, auch aufgrund seiner Geschichte, ist eben diese Nahzone der Einsamkeit, die Wildnis direkt vor der Tür. Wer Ruhe sucht und Natur, muss von Berlin aus nicht weit fahren. Nur bis in die Uckermark.

Das Fremde suchen und dort zu Hause sein wollen: es klingt wie ein Paradox, nach der vielzitierten "Gemeinschaft von Fremden", die ja dann eigentlich keine mehr sind, wenn sie sich erstmal kennen. So ähnlich ist das bei den "Exil-Berlinern", wie sich manche nennen – oder auch "Buletten", wie der Volksmund sie getauft hat. Die einen wollen nur gärtnern und baden. Manche kommen zum Dichten (beispielsweise Saša Stanišić: "Vor dem Fest"), erstaunlich viele drehen Filme (so auch in Gerswalde) . Und die Maler waren wahrscheinlich als Allererste hier (rund um Thomsdorf und Carwitz an der Feldberger Seenlandschaft). Die meisten Besucher jedoch kommen am Wochenende und fahren dann wieder. Was schade ist.

Zum einen, weil bei uns auch die Montage, Dienstage und Mittwoche schön sind. Und der Herbst, der Winter und das Frühjahr ebenso. Eigentlich ist es manchmal ohne Sonne und Touristenschwärme fast noch schöner. Aber weil die Uckermark eben kein Speckgürtel ist, sondern (noch) ein ziemlich leeres Land, ist man als Besucher immer noch etwas Besonderes. Oder als neuer Nachbar. Auf dieser Seite stellen wir vier Orte vor, an denen Menschen aus Berlin etwas ganz Besonderes auf die Beine gestellt haben.

1. Gerswalde: Eine echte Dorfmitte wie im Film

"Dorfmitte Productions", das Schild hängt neuerdings an einem alten Wohnhaus an der Hauptstraße von Gerswalde. Es fällt auf, denn es hängt an einem dieser typischen grauen Häuschen, von denen man nie weiß: Lebt dort noch jemand oder sind das nur künstliche Blumen hinter den Fenstern? Von der Typografie her könnte es ein altes Schild sein, so wie es früher Gemüsehändler oder Bäcker hatten. Aber das "Gemüseeck" gegenüber hat geschlossen. Und an der ehemaligen Bäckerei steht neuerdings in pinkfarbenen Lettern: "Kosmetiksalon Pretty Woman".

Was ist hier los? Ist das jetzt Kino oder echt? Wer Gerswalde ein bisschen kennt, könnte vermuten: Hier wird schon wieder gedreht. Spätestens seit der Berliner Filmemacher Volker Koepp 2001 die Uckermark als Deutschlands melancholischsten Landstrich fürs Kino porträtierte, mit wunderbar einsamen Landschaften und knorrigen Menschen aus Gerswalde, seitdem weiß man: Dieser Ort ist mehr als nur ein Dorf. Gerswalde ist immer auch eine Idee, wie ein Dorf eines Tages wieder werden könnte. In Koepps Film damals ging es um den Exodus aus dem Osten nach der Wende. Vor allem aber um jene, die trotzdem dort blieben. Oder wieder zurückkamen. Als Künstler, mit neuen, großen Ideen.

Koepp drehte mittlerweile einen weiteren Film, kritischer als den vorigen, aber genauso schön. Bei den Dreharbeiten, wieder in Gerswalde, lief sein Team einem weiteren Filmteam über den Weg, das ebenfalls Landgeschichten verfilmt. "Landschwärmer" heißt die Serie der jungen Regisseurin Lola Randl, die in zwei Staffeln von Neu-Uckermärkern erzählt. Von jungen Berlinern, die aufs Land ziehen, zum Beispiel in den alten Bahnhof des Dörfchens Wilmersdorf, um den es in Koepps "Uckermark" 2001 auch schon ging. Damals ging es um den Kampf, den Bahnhaltepunkt zu erhalten. Diesmal bleibt die junge Familie gleich da.

Regisseurin Lola Randl und ihr Mann Philipp Pfeiffer leben inzwischen mit ihren Kindern selbst in Gerswalde. Dort betreiben sie seit zwei Jahren das Café zum Löwen. Der schöne Altbau, in dem auch schon ein Kino war, ein Hotel und ein Varieté, ist gerade saniert worden. Es liegt am Platz an der Kirche gegenüber der "Dorfmitte Productions". Dort wiederum wohnt und arbeitet seit vergangenem Jahr Filmproduzent Bernd Fraunholz, der die zweite Staffel der "Landschwärmer" mitproduziert hat. Wie er ziehen immer mehr Filmschaffende her. In den Nachbardörfern trifft man "Tatort"-Kommissare beim Baden am See. Oder Filmteams, die die authentische Atmosphäre auf dem Land aufzeichnen.

Insofern stimmt der erste Eindruck: Alles dreht sich hier um die "Dorfmitte" – im Film wie im richtigen Leben. Die Filmmenschen sind selbst längst aktiver Teil. Im Café zum Löwen zum Beispiel gibt es in diesem Sommer neben Cheesecake vor allem japanisches Essen. Die Japanerin Ayumi Saito hat als Köchin in Berlin unter anderem schon im "Agora Collective" in Neukölln gearbeitet, sozusagen im angesagtesten Herzen der Hipster-Hauptstadt. Aus Japan zog sie nach der Atomreaktor-Katastrophe nach Europa, 2013 nach Berlin und nun temporär auch in die Uckermark.

Japanische Reisbällchen und Curry für die Uckermark: Geht das? Ja. Zu den Gästen gehören Ausflügler, Berliner, aber auch neugierige Nachbarn. Am vergangenen Wochenende feierten alle gemeinsam das traditionelle "Stoppelfest". Schauplatz: die Dorfmitte von Gerswalde. Ayumi und Kollegin Sayuri waren für das Café zum Löwen dabei, außerdem stand ein weiterer Neu-Gerswalder auf dem Platz – Michael Wickert mit seiner Räucherei "Glut & Späne", der bisher in der Kreuzberger "Markthalle Neun" verkaufte. Er hat sich auf geräucherten Fisch, Käse und fermentiertes Gemüse spezialisiert. Zurzeit richtet er seine "Landräucherei" in der alten Schlossgärtnerei in Gerswalde ein. Ein Argument: die fischreichen Seen in der Umgebung. Es sei ein wunderbares "Event" gewesen, fanden die Berliner hinterher. Oder wie es die Jungs sagen, die am nächsten Tag den verwaisten Platz aufräumen: "War jut jewesen."

Café zum Löwen, japanische Küche (kein Sushi), Cheesecake und mehr, Sommersaison Sa. 10– 20 Uhr, So. 10–18 Uhr, Dorfmitte 7, 17268 Gerswalde, www.ayumisaito.com/zumlowen

2. Boitzenburg: Neues Leben im Grünen Baum

Das wird nichts mehr: Über viele Jahre war dies wohl der meistgesagte Satz über die malerische Ruine zu Füßen der Kirche in Boitzenburg, Uckermark. Während nach der Wende im Tal das von Arnimsche Schloss zu einem weißen Mädchentraum saniert wurde und oben die Kirche in frischem Altrosa erstrahlte, rottete Boitzenburgs 250 Jahre alter Dorfkrug weiter vor sich hin. Wunderschön, zugegeben. Allein der Name schien Programm für die Natur, die sich längst nicht nur rundherum, sondern auch im Gebäude selbst breitgemacht hatte: "Grüner Baum".

Umso größer die Überraschung heute: Von Weitem sieht die Ruine zwar immer noch aus wie eine Ruine. Vielleicht genau deshalb guckt man zweimal hin und stellt fest: Dahinter, im Hof, gibt es einen wunderbaren Biergarten. Der alte Pferdestall ist zum Restaurant geworden. An den Wänden sind noch die alten Merksprüche der Pferdehändler erhalten, das Ambiente ist eine Mischung aus Alt und Neu. Auf der Karte stehen regionale und saisonale Gerichte wie etwa Pfifferlinge oder Wildschnitzel. Klassiker ist der "Boitzenburger" aus selbst durchgedrehtem Angusrind oder auch vegetarisch. Es gibt die ersten Neu-Uckermärker, die die Adresse des "Grünen Baums" nicht mehr so gern herausrücken: Zu gut und zu gern sitzt man hier, als dass man riskieren möchte, eines Tages selbst keinen Platz mehr zu bekommen.

Eine unbegründete Sorge, denn der "Grüne Baum" wächst sozusagen mit seiner Kundschaft – nicht nur der Biergarten kann bei Bedarf erweitert werden. Inhaber Carsten Frerich ist Architekt, seine Frau Ulrike Hesse Grafikdesignerin, der "Grüne Baum" ist ganz offenbar das Lebensprojekt der beiden Berliner. Eigentlich, sagt Frerich, seien sie 2006 als Wochenend-Berliner hergezogen, sie leben heute in einem Nachbardorf. "Auf unseren Radtouren kamen wir immer wieder am 'Grünen Baum' vorbei, der uns irgendwie anzog, so verwachsen und verwunschen, wie er war." So entstand zunächst die Idee, den Gasthof wiederzubeleben.

Doch dieses erste Vorhaben scheiterte am Schwamm im Gebälk, berichtet Frerich, es klingt bedauernd. Dabei, um ehrlich zu sein, hat ja gerade die Ruine etwas Anziehendes, auch wenn die Fenster hinter den blassgrünen Holzläden fehlen und der Putz bröckelt. Man kann den Anblick als Einladung verstehen, den Traum der Inhaber mitzuträumen: Wie war es mal? Wie wird es sein?

Rundherum wachsen derweil um so kräftiger die Verästelungen der Grüne-Baum-Idee. Das Restaurant eröffnete Pfingsten 2014. Aus dem ehemaligen Dorfkonsum an der Seite des Hofes wurde ein Eventraum, in dem auch Einheimische gern feiern. Alltags hat darin ein kleiner Laden mit regionalen Produkten Platz, von Naturseifen aus Buchenhain über Keramik aus Jakobshagen bis zum Kräuterschnaps aus Altkünkendorf. Nebenan im alten Feuerwehrschuppen gibt es Infos zu Rad- und Wandertouren und den Attraktionen von Boitzenburg: das Schloss, die alte Wassermühle, das Erbbegräbnis der von Arnims und natürlich zu den Badeseen. Inzwischen gibt es im "Grünen Baum" auch fünf liebevoll eingerichtete Hotelzimmer im Stall.

Im Restaurant erzählt eine Sammlung aus Postkarten und Fotos von dem Abenteuer, eine Ruine wieder auferstehen zu lassen. Architekt Frerich berichtet, dass es Alteingesessene bedauern, dass nicht alles wieder so wird wie zu DDR-Zeiten. Seine Ursprünge hatte der Dorfkrug als Pferde-"Ausspanne". Als es noch den Viehauftrieb gab, verprassten die Bauern hier den Erlös aus dem Verkauf ihrer Tiere. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Wozu auch? Wer heute Tiere will, hat die Wahl zwischen einem Reiterhof um die Ecke, den Streichelziegen am Schloss und an der Mühle grasenden Lamas. Am Himmel ziehen schon wieder die Kraniche.

Und wer wirklich Ruhe und Natur sucht, kommt im Herbst oder Winter wieder. Der "Grüne Baum" ist ganzjährig geöffnet, auch wenn die zwei vergangenen Winter wirtschaftlich hart waren, sagt Frerich. Unterm Dach des Pferdestalls wird es dann Gesang und Kultur geben, im Restaurant wie immer warmes Essen. Nur eins ist anders: Der Architekt steht dann nicht mehr selbst hinterm Tresen. Sondern wieder auf Baustellen. Nicht weil er muss. "Ich brauche das einfach, da fühle ich mich wohler." Einen Lebenstraum zu verwirklichen bedeutet eben auch, herauszufinden, wo man selbst hingehört.

Gasthof zum Grünen Baum, Templiner Straße 4, 17268 Boitzenburger Land, Tel. 039889- 56999, boitzenburger.de, tgl. 12 bis 21 Uhr, DZ inkl. Frühstück ab 80 Euro

3. Bröllin: Große Oper für Landmenschen

Das Theater ist eine felsichte Gegend, hie und da mit Bäumen überwachsen; auf beyden Seiten sind gangbare Berge, nebst einem runden Tempel." So beginnt das Libretto der "Zauberflöte". Die Bühnenbeschreibung passt eigentlich sehr gut auf den Ort, wo Mozarts berühmteste Oper in der kommenden Woche aufgeführt wird – auf Schloss Bröllin. Einem verwunschenen Gutshof bei Pasewalk nahe der polnischen Grenze.

Wer von Berlin kommt, den schickt das Navi über einen holprigen Plattenweg durch Feld und Wald zu einer grasbewachsenen Toreinfahrt zwischen gewaltigen Feldsteinscheunen. Man schaut auf einen Bagger, einen weiten Hof, allerlei rostiges Gerät, eine große Feuerstelle, ganz hinten ein schneeweißer, zinnenbewehrter Turm. Also doch ein Schloss. Von irgendwoher klingt Gesang, zauberhaft schön. Mozart? Ja.

Arien, so sauber und schön gesungen, das kann einfach nicht sein, nicht hier. Nach Bröllin kommt niemand aus Versehen. Genau deshalb sind sie hier: rund 25 Sängerinnen und Sänger, die unter der Leitung von Opernregisseurin Henriette Sehmsdorf die "Zauberflöte" in einer besonderen Bearbeitung einstudieren – als Oper fürs Land, auf dem Land und sogar in der Sprache der Menschen vom Land, auf Platt. "De Zauberfläut" heißt das Projekt deshalb auch. Ausgesprochen mit typisch norddeutschem Schwung.

Henriette Sehmsdorf sitzt zwischen ihren Sängerinnen und Sänger am großen Tisch auf der Wiese inmitten von einstigen Ställen, Scheunen und Speichern. Zum einen gehe es darum, "die Oper aufs Land zu bringen, also eine Aufführungsform, die eigentlich viel zu aufwendig und anspruchsvoll ist", sagt Sehmsdorf, die in Berlin Opernregie studiert hat. Umgekehrt solle die "Zauberfläut" aufmerksam machen auf die Orte, an denen sie aufgeführt wird. Neben der Gutsscheune in Bröllin ist dies das Barockschloss Griebenow bei Greifswald (beides Mecklenburg-Vorpommern).

Die Wurzeln des Gutes Bröllin reichen bis in die Ritterzeit. Zuletzt nutzen zu DDR-Zeiten zwei LPGs die Gebäude. Dass hier seit den 90ern Künstler und Theaterprojekte proben und arbeiten, "Menschen, die auch mal Lärm machen, die Raum brauchen", wie die Macher sagen: eine Erfolgsstory der ersten Neu-Uckermärker nach der Wende. Die Neusiedler auf Schloss Bröllin waren Mitglieder des RA.M.M.-Theaters aus Berlin. Es war bekannt für seine wilden und lauten Performances. Aus dem Theater ging der heutige Verein hervor, der das gigantische Areal 2000 kaufte und seitdem in jahrelanger Arbeit saniert und betreibt. Neben drei professionellen Probebühnen gibt es Tagungsräume und Gästezimmer.

Henriette Sehmsdorf wiederum, 43 Jahre alt, ist Gründerin des "Opernale"-Festivals, mit dem sie seit fünf Jahren Oper in ungewöhnlichen Einspielungen "unters Volk" bringt. Es gab Open-Air-Oper, Wohnzimmer-Opernkonzerte, dieses Jahr nun Bröllin, wo das Ensemble in nur dreieinhalb Wochen die "Zauberfläut" einstudiert. Das Orchester wird ersetzt durch ganze sechs Musiker. Geht denn das? Henriette Sehmsdorf lacht. "Anstrengend ist es schon – aber es macht sehr viel Spaß."

Spaß werden auch die Zuschauer haben. Den plattdeutschen Part hat Sehmsdorf mit der Volksschauspielerin Petra Schwaan-Nandke eigens dazu erfunden: Sie spielt die Reinigungskraft "Fieken Dunnerwedder", die buchstäblich durch die Szenen stolpert und die fantastische Geschichte um Tamino und Papageno, gute und böse Mächte, Liebe und Ehrlichkeit auf Plattdeutsch hinterfragt. Die "Zauberflöte", eigentlich ein Singspiel, war ja ursprünglich selbst eine Geschichte fürs Volk. Wenn "Fieken" im Platt der Region um Greifswald ihre Kommentare abgibt, löst das Lachanfälle aus. "Durchatmen! Weitermachen!", feuert die Regisseurin dann ihr junges Ensemble an. Die Sängerinnen und Sänger sind ausgebildet an den Hochschulen in Berlin oder Stettin. Auch für sie ist der Ort Bröllin neu, auf dem es sonst eher um modernere Künste geht. Vom Jugendtheater über Zirkus bis hin zu Skulpturen.

Wahrscheinlich brauchte man die Umgebung der alten Gemäuer nicht – den Duft nach Heu, Staub und Maschinenöl, das Tuckern von Traktoren in der Ferne – , um das Wunder zu spüren, das Operngesang auslösen kann. Aber die Umgebung wirkt wie ein Verstärker. Die raue Natur ist die schönste Bühne, auch eine Scheune kann ein Tempel sein. Und es ist Erntezeit draußen.

De Zauberfläut, Fr., 26. August, u. Sa., 27. August, 19 Uhr (Stückeinführung 18.15 Uhr), Schloss Bröllin, Bröllin 3, 17309 Fahrenwalde; 1./2./3./4./9./10.11. September zu je unterschiedlichen Zeiten: Barockschloss Griebenow, Schlossweg 3, 18585 Süderholz. Karten: 10 bis 35 Euro, Tel. 038333 – 887768, www.opernale.de

4. Lychen: Wo der Luxushotelier in sein neues Zuhause einlädt

Manchmal ist es ja so: die besten Ideen kommen beim Nichtstun. Wobei Paddeln zwar nicht "nichts" ist, aber an sich ja eher Zerstreuung als Konzentration. "Es war an Pfingsten 2014", erinnert sich Friedrich Niemann. "Ich war auf Paddeltour im Norden Brandenburgs, als ich das Schild sah: 'Zu verkaufen' ". Das Haus stand in Lychen hinter einer zugewucherten Wiese unter hohen Bäumen direkt am Wasser. "Da wusste ich, das ist es." Niemann lehnt sich zurück in einem der Retrosessel im "Jagdzimmer" des Gebäudes, das er damals entdeckte. 2014 hat er das Haus gemeinsam mit seinem Bruder gekauft und zum Bed & Breakfast mit sechs besonderen Gästezimmern umgebaut. In diesem Juli haben sie es eröffnet.

Was an sich nichts Besonderes wäre, wüsste man nicht, wer die Brüder sind: Friedrich W. Niemann leitete 30 Jahre lang als Manager Luxushotels weltweit, in Berlin führte er zwischenzeitlich das Waldorf Astoria am Zoo. Sein Bruder Konrad reiste als Bankier ebenfalls um die Welt. Die beiden stammen ursprünglich aus Siegen. Wieso Lychen? Die 3000-Einwohner-Stadt liegt zwar idyllisch zwischen Seen und Wäldern in der Uckermark, allerdings so weit weg von Berlin, dass sie von Touristen oft schlicht übersehen wird. Es gibt keine protzigen Yachthäfen wie an der Ostsee, keinen Flugplatz, selbst die Bahn fährt hier nicht mehr. Es war wohl genau diese Einsamkeit, die den Entdeckergeist der Brüder weckte.

"Mein Lychen", so hat Friedrich Niemann sein Projekt genannt. Eine Art erweitertes Zuhause, so muss man es verstehen. Ein Bed & Breakfast für "tendenziell verwöhnte Reisende", wie er sagt. Und mit sehr persönlicher Geschichte. Der 54-Jährige ist der Macher und hauptsächliche Gastgeber im Projekt, Bruder Konrad führt die Geschäfte. "Ich habe immer von einer Art Landhaus geträumt", sagt Niemann – ein unerfüllbarer Traum für jemanden mit seinem Beruf. Stationen seiner Karriere waren Sofia, Bukarest, München, Leipzig, Dresden, die Umzüge kann er kaum aufzählen. Nach rund 30 Jahren in diesem Geschäft, sagt er, habe er irgendwann gespürt, "dass es nicht mehr spannender werden kann. Ich wollte einmal wirklich selbst entscheiden, was und wie ich es mache." Sein größtes Hotel in München hatte fast 500 Zimmer, die meisten sahen identisch aus. In Lychen sind es sechs, und jeder Raum ist nach einem der Länder eingerichtet, in denen die Brüder gelebt haben.

Eigentlich würde er die Zimmer gern zeigen. Aber "Mein Lychen" ist ausgebucht, schon sechs Wochen nach der Eröffnung. Sein Haus bekannt zu machen, ist für jemanden wie Friedrich Niemann natürlich kein Problem. Und Lychen? Sicher, der kleine Ort liegt "jwd", aber für Touristen überwiegen die Vorteile. "Direkt von unserem Haus aus können Sie auf dem Wasser starten, es gibt viele Rad- und Wanderwege, in Fußnähe viele Geschäfte und im Umkreis weniger Kilometer mehrere gehobene Restaurants."

Aber wer hier eincheckt, will zunächst auch die Geschichte des Hauses und seiner Gastgeber kennenlernen. Das Haus stammt von 1926, sagt Niemann, die Keller seien noch älter. "In dem ganz ursprünglichen Gebäude wurden wohl einst Lastkähne für die Lychener Getreidemühle gebaut", sagt Niemann. Das "Jagdzimmer" erinnert an den früheren Besitzer, Niemann deutet auf die holzvertäfelten Wände und die Deckenlampe aus einem Hirschgeweih. "Wir fanden sie kitschig, aber irgendwie gehört sie dazu." Er selbst jagt nicht, betont er. "Ich paddele lieber." Die Zimmer sind jedoch mit Boxspringbetten und modernen Bädern auf gehobenem Niveau möbliert. Statt Fernsehern gibt es Wlan und Tablets mit hunderterlei Kanälen und Zeitungen.

Aus dem Haus der Eltern haben die Brüder einen Teil des Mobiliars mitgebracht. Am großen Mangeltisch der Urgroßmutter frühstücken heute die Gäste, im Jagdzimmer steht die Soldatenkiste des Vaters. "Niemann" steht auf dem Deckel – wie die Überschrift zu einer Familiensaga. Andererseits könnte man den Schiftzug auch für ein Marken-Branding halten, was insofern passen würde, als Friedrich Niemanns zweites Standbein genau das ist: Er berät große Firmen und Institutionen als Teilhaber der Schweizer Consulting-Firma Milani. Sein Sitz ist Berlin, wo er auch hauptsächlich lebt, ebenso wie sein Bruder. Für Reisende ist ein Zuhause eben meist nicht da, wo man sich aufhält.

Mein Lychen, 17279 Lychen, Berliner Str. 43, Tel. 039888 522188, www.meinlychen.de, DZ inkl. Frühstück u. Sauna ab 85 Euro

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