Literatur

Unerwartete Gefühle

Jörg Aufenanger hat einen der schönsten Liebesromane dieses Sommers geschrieben. Er spielt vor den Toren Berlins – in Caputh.

Geht es um Liebe, muss man sich trauen: Schatten eines Mannes und einer Frau die Händchen halten.

Geht es um Liebe, muss man sich trauen: Schatten eines Mannes und einer Frau die Händchen halten.

Foto: dpa Picture-Alliance / Markus C. Hurek / picture alliance / Markus C. Hur

Geht es um Liebe, muss man sich trauen. Das ist so, wenn zwei Menschen beschließen, ein Paar zu werden, aber auch wenn man einen Roman über dieses heikle Thema schreibt. Denn bei Liebe kann ein Erzähler leicht ins Kitschige abdriften. Erst Herz, dann vielleicht Schmerz, da sollte eine Balance gefunden werden. Jörg Aufenanger hat sich auf das Experiment eingelassen, er hat – nach Biografien über Goethe, Schiller und Wagner – seinen ersten Liebesroman verfasst.

Der Autor trägt leichte verbeulte Jeans, ein schwarzes Hemd und schwarzes Sakko, irgendwie lässig. Er ist jetzt 70 Jahre alt, hat etwas von der Welt erfahren, in Berlin, Paris und Rom hat er gewohnt und gearbeitet. „Wie oft haben Sie in Ihrem Leben geliebt?“ – „Was?“ Er will die Frage erstmal nicht verstehen, meint dann aber nach einigem Zögern knapp: „Zu oft.“

Die eine Ehe war schon nach drei Tagen zu Ende

Zwei Mal war er verheiratet, die eine Ehe dauerte zwei Jahre – die andere drei Tage. „Das war ein Gag. Ich hatte eine Freundin in Paris, sie war 26, ich 30. Ihre Mutter sagte immer: ,Claudine, du musst jetzt heiraten, sonst bist du bald eine alte Jungfer.’ Da hat Claudine zu mir gesagt: ,Komm, wir heiraten einfach, aber nur kirchlich.’ Dann sind wir in das Dorf gefahren, aus dem sie kam, und haben da geheiratet. Es war ein Wochenende, wir hatten ein wundervolles Fest gefeiert. Aber nach drei Tagen sind wir wieder nach Paris zurück – und dann war’s vorbei. Hat sich so ergeben. Man macht ja schon mal Fehler im Leben.“

Nicht diese Geschichte hat er aufgeschrieben. Die Handlung seines Romans, der auch etwas französisch Leichtes und Ungezwungenes hat, spielt dort, wo wir ihn treffen: in Caputh. Hier lebt Aufenanger in den Sommermonaten. Passend dazu auch der Titel seines Romans, den man auf den ersten Blick als eine Hommage an diesen Ort verstehen kann: „Ein Sommer in Caputh“ (KLAK Verlag, 132 S., 12,90 Euro).

Auf der Fähre schenkte sie ihm das erste Lächeln

Auf der Fähre, die vor uns gerade die Havel durchquert, beginnt in seiner Geschichte die Liebe zwischen der ostdeutschen Irmtraud und dem westdeutschen Anton. Dort schenkt sie ihm das erste Lächeln. Dem Fährmann steckt sie einen Zettel zu, und der gibt ihn mit kupplerhaften Zwinkern an Anton weiter – „Sie sind mir ja eener und det uff meener Fähre.“ Die Botschaft auf dem Zettel ist eindeutig, eigentlich klingt das ziemlich ranschmeißerisch, was Irmtraud formuliert: „Morgen neunzehn Uhr auf der Fähre, so wie heute. Sie sind der Richtige, wenn’s einen gibt auf der Erde.“

Damit beginnt in Aufenangers Roman die Liaison – nennen wir sie so, denn es darf ja nicht verraten werden, wie sie ausgeht – zwischen der 49-jährigen Lehrerin Irmtraud und dem Rentner Anton Henze. Ja, es ist eine Altersliebe, da prallen nicht zwei junge Hüpfer aufeinander, sondern zwei Menschen, die einiges vom Leben erfahren haben. Die sicher auch schon mehrfach geliebt haben, die eher abgeklärt als romantisch wirken müssten. Was allerdings nur für Anton Henze gilt, der eigentlich mit der Liebe abgeschlossen haben will und nur die wesentlich jüngere Babette, eine Kellnerin, aus der Entfernung anhimmelt. Aber Irmtraud wuchtet sich in sein Leben hinein. Was ihn anzieht und auch abstößt. Ist sie da, sucht er nach Fluchtmöglichkeiten; ist sie nicht da, vermisst er sie. Das ewige Spiel der Liebe.

„Ich habe mich nie von einer Frau einfangen lassen“

Aufenanger hat das in seinem kleinen Büchlein auf 132 Seiten sehr schön eingefangen. Der Auslöser für den Roman war im Übrigen kein eigenes Liebesabenteuer. Der Autor betont oft, wie weit entfernt Henze und er seien. „Henze ist der absolute Gegenentwurf zu mir. Ich habe mich zum Beispiel nie von einer Frau einfangen lassen.“ Nein, der Auslöser war ein anderes Werk, das er in einer Bahnhofsbuchhandlung zufällig gesehen hatte und kaufte: „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“. Kurt Tucholsky hat es vor mehr als 100 Jahren verfasst. Beim Lesen habe Aufenanger es für „relativ hausbacken und bieder“ befunden. „Nichts gegen Tucholsky, aber ich dachte sowas könnte ich mal ein bisschen frecher über Caputh schreiben.“

Aufenanger, in Wuppertal geboren, studierte an der Freien Universität und der Sorbonne Theaterwissenschaften und Philosophie. Dass er zur Bühne wollte, stand für ihn fest. In Paris trat er am Anfang noch in kleinen Rollen selber auf, er sprach mit Akzent, das war so gewollt. Später arbeitete er als Regisseur – auch am Berliner Ensemble. Ende der 90er-Jahre fühlte er sich mit einem Mal ausgebrannt. „Als Regisseur ist man ja alles für die Schauspieler: Vater, Mutter, Psychiater, Freund, Feind. Irgendwann konnte ich nicht mehr und habe mich nach etwas gesehnt, was ich nur für mich machen konnte.“

Erstmal als Mieter zog er in ein kleines Häuschen an der Havel

Er suchte nach einem Rückzugsort, nicht allzu weit von seiner Wohnung in Charlottenburg entfernt und fand ihn schließlich in Caputh. Erstmal als Mieter zog er in ein kleines Häuschen an der Havel. „Keine Datsche aus Holz oder Plastik, sondern festgemauert in der Erde.“

In den ersten Monaten in Caputh quälte ihn noch Zerrissenheit. Wenn er etwas alleine machte, sehnte er sich nach den anderen. Aber war es nicht vorher umgekehrt?, fragte er sich. Als er mit den anderen gearbeitet hatte, hatte er sich dann nicht nach dem Alleinsein gesehnt?

Dann fand er zum Schreiben. Etwas, das er nur für sich machen konnte, was er ja wollte. Er schrieb die Biografien über Geistergrößen vergangener Zeiten, übersetzte Bücher des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, aber auch zwei Autobiografien über seine Kindheit und Jugend entstanden. „Das Schreiben ist ein besonderer Vorgang“, erzählt er, „weil etwas mit einem passiert, das man vorher nicht vermutet. Bei dem Buch über meine Kindheit erinnerte ich mich plötzlich an Dinge, die völlig verschüttet waren. Nur durch das Schreiben sind sie wieder hoch kommen. Eine unglaubliche Erfahrung.“

Zu einem „Sonntag ohne Ziel“ lud er seine Freunde aus Berlin ein

Es gefiel ihm in Caputh. Das kleine Häuschen kaufte er einem älteren Ehepaar ab. Sie gaben ihm es sogar etwas günstiger, als sie erfuhren, dass er mit Literatur zu tun hat. Neben einem Haufen Geschirr ließen sie auch rund 150 Bücher zurück. Seine Freunde aus Berlin lud er oft in seinen Garten ein. „Sonntag ohne Ziel“ hieß das Motto.

In den vergangenen Jahren konnte er beobachten, dass es immer mehr Berlinern wie ihm ging, die in der Stadt Land, Luft und Natur vermissten und nach Caputh zogen. Die Grundstückspreise stiegen. Und nicht alle Einheimischen waren von den neuen Nachbarn angetan. „Der Caputher ist schon ein bisschen verschlossen gegenüber denen, die hierher kommen“, sagt Aufenanger. Er äußert sich da etwas zurückhaltend, schließlich will er noch einige Jahre hier wohnen bleiben.

Im vergangenen Jahr beim Fährfest sprach er die Bürgermeisterin an. „Wissen Sie was, ich habe einen Roman über Caputh geschrieben.“ Na endlich, habe sie geantwortet. Man könnte denken, die einen warten auf den großen Roman zur Wende und andere auf den über Caputh.

Der Bootewinker und der Fährenkieker

Es kommen komische Typen in Aufenangers Werk vor. Wie der Bootewinker. Den habe er erfunden. Anders der Fährenkieker, den gebe es wirklich, auch wenn er ihn jetzt schon länger nicht mehr gesehen hat. „Er stand neben der Fähre, guckte und kommentierte, wer da kam. Sagte sowas in der Art wie: ,Ach, der schon wieder’ oder ,Der hat ein neues Auto’.“

Die Caputher Fähre, die es seit mehr als 160 Jahre gibt, ist für Jörg Aufenanger trotz Einstein-Haus und Schloss die Attraktion des Orts. Der Fährmann sei eine richtige Institution. „Er ist Caputh.“ In seinem Buch beschreibt er ihn als Mann mit einer elegant geschwungenen Nase, was wir heute leider nicht bestätigen können, da ein anderer den Dienst tut. Der Autor nennt ihn Charon, nach dem gespenstischen Fährmann, der die Toten auf seinem Boot in die Unterwelt geleitet. Auch für Aufenanger ist eine Fahrt auf der Caputher Fähre wie eine Fahrt in eine andere Welt. In seinem Roman gibt der Fährmann auch den Kuppler, der die Fäden des Geschehens in den Händen hält. Er dirigiert Henzes Liebesglück und -unglück.

Proteste bei der Buchpremiere

Aber wenn es bei Anton und Irmtraud mal schief läuft, hat das auch irgendwie mit ihren unterschiedlichen Mentalitäten zu tun. Dass der Autor den Frauen aus dem Osten Deutschlands in seinem Roman attestiert, dass sie viel reden würden, sorgte schon bei der Buchpremiere für Unruhe. Sie fand im „Brel“ am Savignyplatz statt, dort betreut Aufenanger im ersten Stock einen Salon, mit „ImWestenWasNeues“ hat er den Veranstaltungen einen Namen gegeben. Unregelmäßig kommen dort Berliner zu Lesungen und Musikabenden zusammen, das ganze ist ein bisschen französisch angehaucht, zuletzt traf man sich zu einem Françoise-Sagan-Abend. Auf jeden Fall, erinnert sich Aufenanger, stöhnten einige Frauen ostdeutscher Herkunft merklich auf, als er aus seinem Buch vorlas. Später seien sie auf ihn zugestürmt und hätten erklärt: Das stimmt nicht! Wir reden nicht mehr als Wessifrauen! Er erzählt das mit einem kleinen genüsslichen Lächeln auf den Lippen, er provoziert gerne.

Wir sind jetzt einmal mit der Fähre gefahren und schauen nun von der anderen Seite auf den Ort, an dem er große Teile seiner Romanhandlung angesiedelt hat. Das alte Fährhaus mit der weißen Holzveranda, die große Kastanie, die sich direkt an der Fähre über das Haus wölbt. Rechts daneben das Eiscafé, das von einem Kosovo-Albaner betrieben wird. Dann die kleine Seepromenade mit den weißen Bänken, die ihn immer wieder an den Kurpark in Baden-Baden erinnern, wo er einige Jahre einen Zweitwohnsitz hatte.

Eine Biografie über den Bohème-Schriftsteller John Höxter

Er erzählt, dass er, obwohl er eigentlich nicht mehr wollte, nun noch eine Biografie geschrieben hat, die demnächst erscheint. Sie handelt von dem deutschen Bohème-Maler und -Schriftsteller John Höxter. Im November 1938, nachdem die Nazis Synagogen angezündet und jüdische Mitbürger grausam misshandelt hatten, setzte Höxter seinem Leben ein Ende. Und zwar in Caputh, wie Aufenanger herausfand, und das gab letztendlich den Ausschlag dafür, dass er sich entschloss diese eine, noch letzte Biografie zu schreiben.

Der Neffe des Kosovo-Albaners, der das Eiscafé gegenüber hat, fragte Aufenanger eines Tages, was er denn genau mache. Als er es erfuhr, wollte er den Titel eines seiner Bücher wissen. Aufenanger nannte ihn seine Goethe-Biografie. Der junge Mann, der als Kellner im Betrieb seines Onkels arbeitete, las sie und erzählte ihm später, dass er sich nun – inspiriert – auch ein Buch mit deutschen Gedichten gekauft hätte. Der Herausgeber hätte einen merkwürdigen Namen, den er nicht kannte: Marcel Reich-Ranicki. Die Gedichte hätte er alle gelesen und es sei ihm etwas aufgefallen: Warum sind diese deutschen Gedichte alle so traurig?

Die Liebe? „Sie ist nicht mehr so wichtig, wenn man älter wird.“

Vielleicht hat diese Geschichte bei Aufenanger auch ein wenig den Ausschlag gegeben, einen Liebesroman zu schreiben, der so unbefangen daherkommt und mit Schwermut nichts gemein hat.

Aber wie ist es denn nun bei ihm mit der Liebe? Hand aufs Herz, Herr Aufenanger, haben Sie nach all den Jahren eine Caputherin gefunden? Da gibt er sich doch nüchtern: Wie alles im Leben verändere sich auch die Liebe. „Sie ist nicht mehr so wichtig, wenn man älter wird.“ Vielleicht ähnelt er da, auch wenn er es nicht will, dem Anton Henze in seinem Buch.

Mag sein, dass zur Beschreibung der Liebe auch ein bisschen Abstand gehört. Mag sein, dass Aufenanger ihn heute hat. So, dass er sich endlich traute, über die Liebe zu schreiben.

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