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Als Berlin wild und frei war

| Lesedauer: 7 Minuten
von Felix Müller

Hochkultur, Massenvergnügen und Lebenslust: Ein Bildband widmet sich der Stadt in den Zwanziger Jahren

Wenn es einen Sehnsuchtsort gibt in der Berliner Stadtgeschichte, dann kommen einem zuerst die 20er-Jahre in den Sinn. Sie stimmen nostalgisch, sie machen ein bisschen wehmütig. Denn sie stehen für eine Epoche, in der so vieles noch offen und möglich schien, bevor Deutschland und mit ihm die Hauptstadt den gänzlich falschen Weg einschlug. Unser Blick auf sie ist verdüstert von dem Wissen, was danach kam. Die Zwanziger stehen für eine Zeit, in der es die 1918 gegründete Weimarer Republik in eine Phase relativer Stabilität schaffte. Vor allem aber waren sie ein Abschnitt, in dem das Leben oft schön und lebenswert schien und überall in Berlin gefeiert wurde – in Strandbädern und auf Theaterbühnen, in Nachtclubs und Restaurants.

Die Zwanziger sind deshalb immer wieder beschworen worden - in Filmen, Romanen und Dokumentationen. Zuletzt lief auf Sat.1 der sehr sehenswerte Spielfilm „Mordkommission Berlin 1“, der die Stadt vor allem als die Lasterhöhle zeigte, die sie damals auch war. Der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch hat nun einen Bildband herausgegeben, der alle Lebensbereiche im damaligen Berlin zusammenbringt. Wir sehen spielende Kinder auf der Straße, Pfeife rauchende Männer beim Kartenspiel, Floßkapitäne auf der Spree, Ausflügler im Grunewald . Wir sehen die Neonreklamen der Varietés, der Konditorei Kranzler, des sagenumwobenen Romanischen Cafés, dem zentralen Treffpunkt für Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle. Es ist eine Hommage an eine versunkene Ära.

Deutschland hatte lange an den Folgen des Ersten Weltkriegs zu leiden – vor allem aber auch an den Reparationszahlungen, die die Siegermächte in Versailles diktiert hatten. „Das kommende Jahrzehnt“, schreibt Boris von Brauchitsch in seinem Vorwort, „beherrschte eine vibrierende Nervosität, wie Klaus Mann es empfand, ‘jene verzweifelte Unruhe, die wohl ein Altes, Mürbes zerstören konnte, aber nicht fähig war, aus ihrer Zerrissenheit ein Neues zu gebären.’“ Und weiter: „Die Jahre zwischen dem Ende der Inflation 1923 und der Weltwirtschaftskrise 1929 waren außerdem geprägt durch spürbares Wirtschaftswachstum, das allerdings mit der Aufnahme von hohen Auslandskrediten Hand in Hand ging. Die fälligen Reparationszahlungen und Schulden wurden dabei durch neue Kredite finanziert, politische Mehrheiten blieben dabei instabil, Extremisten gewannen an Einfluss. Wuchs der Zustrom bei den Kommunisten und erstarkte die nationalistische und militaristische Rechte, so wuchs parallel auch der Überdruss weiter Bevölkerungsschichten an der Politik im Allgemeinen. Was jedoch alle Lager vereinte und alle politischen Umbrüche überdauerte, war das Bedürfnis nach Vergnügen.“ Und dieses Vergnügen ist auf den Fotos mit Händen zu greifen. Nehmen wir einmal das große Bild unter diesem Text: Es zeigt eine Freizügigkeit und einen Hedonismus, den das nationalsozialistische Regime nur wenige Jahre später gänzlich von der Bildfläche tilgen sollte. Es zeigt barbusige Frauen beim Nachstellen der Quadriga. Sie traten im Rahmen der sogenannten „Haller-Revuen“ auf: Mit der Theaterspielzeit 1923/24 führte der neue Pächter des Theaters am Admiralspalast, Hermann Haller, dort jährlich die beliebten Revuen auf, die vor mehr als 2000 Zuschauern stattfanden. Man darf den Mangel an Bekleidung übrigens nicht mit einem allzu hohen Anspruch an Erotik begründen: Viel eher stand er in der Tradition des Freikörperkultes jener Zeit. „Etwas Gutes fällt mir noch ein“, schrieb ein zeitgenössischer Kritiker, „für manche vielleicht eine Enttäuschung. Es wird nicht gezotet. Man sieht ein bisschen Nacktkultur, aber keine Schweinerei.“

Wesentlich dicker bekleidet war man in einer großen Attraktion, die die damalige Zeit zu bieten hatte. Wir sehen sie auf dem großen Bild oben rechts. Der Berliner Schneepalast am Kaiserdamm lockte die Berliner mit der ersten Kunstschneebahn der Welt – fröhlich konnte man mitten in der Stadt auf Skiern die Pisten hinuntersegeln.

Es war ein ungeheuer vielfältiges, pulsierendes Berlin. Die ganze Welt wurde magnetisch angezogen. „1925 übersprang Berlin die Vier-Millionen-Grenze“, schreibt Boris von Brauchitsch, besaß seit 1923 den nach Duisburg-Ruhrort größten Binnenhafen des Reichs, wurde 1928 mit über zwanzigtausend Starts und Landungen in Tempelhof Drehkreuz des Flugverkehrs und mit acht Güterbahnhöfen zum wichtigsten Umschlagplatz des Warenverkehrs. Bei so viel Arbeit und Bewegung sollte sich die neu errungene Freiheit zumindest in ausgelassener Freizeit niederschlagen.“

In wie vielen Spielarten man sich dieser Freizeit hingab, macht der Band immer wieder begreiflich. Die beste Jahreszeit dafür war natürlich der Sommer. Das Strandbad Wannsee, 1907 eröffnet, wurde zur großen Badewanne der Berliner. Auch hier schossen die Zahlen in die Höhe: Nachdem im Jahr 1912 über eine halbe Million Badende zum Wannsee fuhren, waren es 1927 schon 900.000. Und damit war m an noch nicht am Ende angelangt: 1930 waren es 1,3 Millionen. Man muss sich das Strandbad Wannsee in der damaligen Zeit wie einen gut gepackten Teutonengrill an der Adria vorstellen.

Und am Abend? Neben den beliebten Revuen war es natürlich auch die Hochkultur, die weit über die Grenzen Berlins hinaus von sich reden machte. Carl Zuckmayer, Ödön von Horváth und Bertolt Brecht inszenierten im „Theater am Schiffbauerdamm“ ihre Stücke. Brecht war 1924 nach Berlin übergesiedelt und feierte dort die Premiere der „Dreigroschenoper“. Schriftsteller wie W.H. Auden oder Christopher Isherwood zogen durch das Nachtleben, und Berlin schwang sich zu einer Weltmetropole des Films auf. „Bereits im Jahr 1919 wurden fünfhundert Filme gedreht und ein Jahrzehnt später gab es 5000 Kinos in Deutschland, die von täglich zwei Millionen Filmfans besucht wurden“, heißt es in dem Vorwort. „In den Babelsberger Filmstudios entstanden neben unsäglicher Massenware auch Filme wie ‘Das Cabinet des Dr. Caligari (1920), ‘Der letzte Mann’ (1924), ‘Metropolis’ (1927) oder ‘Der lebende Leichnam’ (1929), die im ‘Marmorhaus’, im ‘Ufa-Palast’ oder im ‘Capitol’ Premiere feierten und zum Weltruhm des deutschen Kinos beitrugen.“

Die Nazis machten nach der Machtergreifung dann schnell Schluss mit dieser Vielfalt. An die Stelle von Kreativität und Lebenslust traten Ausgrenzung, Rassismus und Obrigkeitsstaat. Das Nachtleben hielt sich noch ein wenig am Leben, verlor aber nach und nach seinen Schwung. Komponisten, Sänger, Architekten, Dichter: Wer als „nicht-arisch“ galt, wurde mit Berufsverbot belegt. Was damit verloren ging, belegt das Buch auf eine eindrucksvolle Weise.