Gesundheit

Crystal Meth – der gefährliche Höhenrausch

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Laura Réthy, Kai Wiedermann
Crystal Meth

Crystal Meth

Foto: iStock

Crystal Meth gilt als Horror-Droge. Seit einigen Jahren verbreitet sie sich auch in Deutschland. Abhängigen droht der Verfall.

Berlin.  Noch ist nichts bewiesen, die Aufregung ist dennoch groß: Der Grünen-Politiker Volker Beck, 55, ist von allen politischen Ämtern zurückgetreten. Medienberichten zufolge ist er mit 0,6 Gramm Crystal Meth erwischt worden. Mit jener Droge also, von der es heißt, sie sei die gefährlichste der Welt. In den 1990er-Jahren war sie in den USA weit verbreitet, seit etwa acht Jahren taucht sie vermehrt auch in Deutschland auf. 2014 registrierte das Bundeskriminalamt 3905 Funde, zehnmal mehr als im Jahr 2008.

Die Droge

Crystal Meth, auch „Ice“ oder „Tina“ genannt, ist ein sogenanntes Methamphetamin und gehört zu der Gruppe der Psychostimulanzien, wirkt also aktivierend auf das Gehirn. Es wird synthetisch hergestellt, also nicht auf Basis pflanzlicher Inhaltsstoffe, wie es etwa bei Heroin oder Kokain der Fall ist. Chemisch eng verwandt ist es mit dem Amphetamin, zu dem etwa die Droge Speed gehört – Crystal Meth ist in seiner Wirkung jedoch wesentlich stärker. Methamphetamin gehört zu der Stoffgruppe der Phenylethylamine.

Grundlage von Crystal Meth sind meist frei verkäufliche Erkältungsmedikamente, die chemisch verändert werden. Die Droge kann geraucht, geschnupft, gespritzt, in Form von Tabletten geschluckt oder rektal konsumiert werden. Optisch erinnert Crystal an Eiskristalle. Ein Gramm – rund zehn Einzeldosen – kostet etwa 80 bis 120 Euro.

Die Wirkung

Crystal Meth wirkt auf das zentrale Nervensystem, indem es in den Hirnstoffwechsel eingreift. Es sorgt für eine vermehrte Ausschüttung von Dopamin, umgangssprachlich auch „Glückshormon“ genannt, und von Noradrenalin, das das Herz-Kreislauf-System anregt. „Der Körper wird künstlich in einen Alarmzustand versetzt, auf Kampf und Auseinandersetzung vorbereitet“, sagt Torsten Binscheck-Domaß, Leiter der Klinischen Toxikologie und Pharmakologie des Labors Berlin, das Patientenproben auf Drogen untersucht. Die Konsumenten fühlten sich euphorisiert, hätten eine extrem übersteigerte Risikobereitschaft, dafür kein Gefühl von Hunger, Durst oder gar das Bedürfnis zu schlafen. „Es ist wie ein Zaubertrank, der es einem erlaubt, 16 Stunden durchzuarbeiten“, sagt Binscheck-Domaß. „Die Menschen fühlen sich unbesiegbar. Auch die vermeintlich Vernünftigen, die meinen, den Konsum kontrollieren zu können, lassen sich davon mitreißen.“

Auch beim sogenannten Islamischen Staat (IS) vermuten Experten einen Konsum von Crystal Meth. „Das würde auch die enorme Brutalität erklären“, sagt Torsten Binscheck-Domaß.

Die Verbreitung

Crystal Meth ist nach Einschätzung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung kein flächendeckendes Phänomen. Seit zwei Jahren aber gebe es eine Ausweitung. Die Droge dränge aus den deutsch-tschechischen Grenzgebieten vermehrt auch in deutsche Großstädte. Suchtexperten gehen davon aus, dass sich Crystal Meth bundesweit in den Drogenszenen etablieren könnte – vor allem bei Mitgliedern risikofreudiger Subkulturen, sagt Sascha Milin, Experte am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (ZIS).

Bisher kamen die Konsumenten vornehmlich aus Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Bayern. Entscheidend dabei: die Nähe zu den Laboren in Tschechien, in denen Crystal Meth illegal hergestellt wird. Eine vom Bundesgesundheitsministerium geförderte ZIS-Studie mit fast 400 befragten Amphetamin- und Methamphetaminkonsumenten ergab, dass fast 30 Prozent die Droge direkt im grenznahen Ausland einkauften. Fünf Prozent stellten Crystal sogar selber her. 60 Prozent der Abhängigen kamen aus Groß- oder Millionenstädten, 40 Prozent aus Kleinstädten in der Provinz. Das Durchschnittsalter beim Erstkonsum lag bei 20 Jahren, 76 Prozent der Abhängigen hatten zuvor andere illegale Drogen konsumiert.

Ein großer Teil der Befragten gab laut ZIS eine große Zahl von Motiven für den Crystal-Meth-Konsum an: Neben der „angenehmen Wirkung“ (94,7 Prozent) waren das Genießen der Freizeit (59,9), Ausgehen trotz Ermüdung (58,3) und besserer Sex (52,9) wichtige Konsummotive. Crystal wurde auch häufig genommen, um die Stimmung aufzuhellen (59,4). „Viele Konsumenten hatten eine psychische Vorerkrankung, Traumataerfahrungen oder eine schwierige Kindheitsentwicklung“, sagt Sascha Milin. „Ein spezifischer Wirkaspekt kann als emotionale Abschottung bezeichnet werden.“ Es gehe darum, Distanz zu schaffen zu nicht oder nur schwer zu bewältigenden inneren Zuständen wie Angst, Wut, Scham oder Trauer.

Über die Hälfte der Befragten gab zudem an, die Droge im Job zu nehmen, um beruflichen Herausforderungen besser gerecht zu werden. Berufsgruppen werden nicht genannt, besonders beliebt aber sei Methamphetamin laut den Studienautoren bei Menschen, die schwer körperlich arbeiten. Doch auch für Leistungsorientierte, Menschen mit viel Verantwortung, die auch in der Öffentlichkeit stehen, sei die Droge reizvoll, sagt Torsten Binschek-Domaß. Sie mache kreativer und extrovertierter. „Und das wird in der Arbeitswelt ja auch zunächst positiv beantwortet.“ Zudem im Fokus der Suchtexperten: risikofreudige Schwulenszenen. Denn Crystal Meth führt auch zu sexueller Enthemmung.

Die Langzeitfolgen

Wer Crystal Meth konsumiert, braucht sehr schnell immer höhere Dosen der Substanz. Das Gehirn gewöhnt sich an die euphorisierende Wirkung. „Wie schnell der Konsum zu einem Verfall führt, hat auch mit der Persönlichkeit des Konsumenten zu tun, aber auch mit seinem psycho-sozialen Umfeld“, sagt Binscheck-Domaß. Um Crystal Meth über eine lange Zeit hinweg konsumieren zu können ohne körperlich zu verfallen, müsse man sogenannte drug holidays einlegen, Kopf und Körper also einige Tage Ruhe gönnen.

Doch ewig geht das wegen der starken Wirkung der Droge nicht gut. Irgendwann geht der Konsum in eine paranoide Grundhaltung über, die Menschen wirken getrieben und im Extremfall entwickelt sich eine toxische Psychose. „Die Betroffenen trauen niemandem mehr, weder Familie noch Freunden. Sie schließen sich in ihrer Wohnung ein und auch der körperliche Verfall ist irgendwann nicht mehr zu übersehen“, sagt Binscheck-Domaß. „Am Ende kommt der Tod. Oder die Konsumenten verlieren schlichtweg den Verstand.“

Abhängige sterben am Ende daran, dass sie ihre körperlichen Bedürfnisse wie Nahrungsaufnahme oder Schlaf komplett vernachlässigen. Sie sterben an Mangelernährung, Abwehrschwächen, nicht selten kommen Krankheiten wie Aids hinzu. Oder sie richten ihre Aggressionen gegen sich selbst.

Die historische Entwicklung

Der Wirkstoff Ephedrin, aus dem Crystal Meth unter anderem synthetisiert wird, ist in Deutschland bereits seit den 1920er-Jahren bekannt. In den 1930er-Jahren fügten Chemiker dem Amphetamin eine zusätzliche Methylgruppe hinzu und verkauften den neuen Wirkstoff in Tablettenform. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Tabletten als „Pervitin“ in millionenfachen Dosen an deutsche Soldaten verteilt, um Leistungsfähigkeit und Konzentration zu erhöhen. Erst 1988 ist „Pervitin“ wegen der dramatischen Nebenwirkungen vom Markt genommen worden.