Sonderthemen

Das Budapest von Franz Liszt

Der Komponist hat in der Donau-Metropole Spuren interlassen

Franz Liszt war Europas erster Superstar. Der ungarisch-österreichische Komponist (1811-1886), eine schillernde Persönlichkeit unter den klassischen Musikgiganten, hatte uneheliche Kinder und lebte in wilder Ehe mit einer Hochadeligen. Und Liszt war ein Lebemann. Darum macht es heute noch Spaß, seinen Budapester Spuren zu folgen. Der ihm gewidmete Platz, der „Liszt Ferenc tér“, ist ein Publikumsmagnet. Was wohl weniger an der Skulptur des Komponisten, als an den vielen Kneipen und Restaurants drumherum liegt. Zu Füßen des lebenslustigen Musikgenies trifft sich gern „tout Budapest“ zum Aperitif.

Ein Höhepunkt sind die

Barocknächte im Januar

Um die Ecke befindet sich die von Liszt gegründete Musikakademie. Die Hochschule, eines der wichtigsten Musikkonservatorien der Welt, hat Komponisten wie Béla Bartók und die Dirigenten Georg Solti und Ádám Fischer hervorgebracht. Wenn die Fenster offen stehen, kann man den Fingerübungen der Musikstudenten lauschen. In den Kammermusik- und Konzertsälen der Liszt-Akademie spielen immer wieder internationale Größen. Ein Höhepunkt sind die Barocknächte am 22./23. Januar.

Liszt hat zu seiner Budapester Zeit nicht hochherrschaftlich, aber immerhin gutbürgerlich gelebt. In seiner Wohnung an der Vörösmarty utca 35 ist heute das „Ferenc Liszt Memorial Museum“ untergebracht. Zu sehen sind Möbel und Bücher, Noten und persönliche Gegenstände.

Bemerkenswert sind die zahlreichen Originalinstrumente, darunter ein kurioses Pianino mit integriertem Harmonium. Und – als Sonderanfertigung des Hauses Bösendorfer – der Komponier-Tisch des Meisters. Dazu finden Besucher Hintergründe zu einzelnen Werken wie zu der Krönungsmesse, die Liszt für Franz Josef I. und Sissi schrieb und die am 8. Juni 1867 in der Stephanskirche auf dem Budaer Burgberg uraufgeführt wurde.

Von der Kaiserin weiß man, dass sie Mehlspeisen liebte. Mächtige Torten, wie sie noch heute im Café „Gerbeaud“ am Vörösmarty tér in den Vitrinen stehen. Das Café bietet feines, ausgesprochen nostalgisches k.-u.-k.-Ambiente: Holztäfelung, Marmortische und mehr als hundert Kuchensorten, inklusive Schokoschnittchen mit Sissi-Porträt.

Aber wäre das Tortenparadies nach Liszt’ Geschmack gewesen? Andy Vajna hat da seine Zweifel. „Würde er noch leben, wäre er bei uns Stammgast“, behauptet der Hollywood-Produzent („Terminator“, „Basic Instinct“) und Chef des „Nobu“. Schließlich umgab sich Liszt gern mit Prominenz wie Frederic Chopin, Victor Hugo oder Heinrich Heine. Die Budapester Filiale der Nobel-Restaurantkette im Kempinski Hotel Corvinius, weltweit die günstigste, kann mit Gästen wie Jeremy Irons, Brad Pitt und Angela Jolie aufwarten.

„Aber Liszt war auch ein Verführer“, sagt Musikfreund und Szenekenner George Páldi. Der Präsident der Budapester Sektion von „Skal International“, einem elitären Club für Führungskräfte aus der Reisebranche, würde den lebenshungrigen Virtuosen heute eher im „Comme chez soi“ sehen. Das winzige Lokal in einer Parallelstraße neben Budapests Einkaufsmeile Váci utca wirkt aus der Zeit gefallen. Nur sechs Tische, Kerzenlicht. Die Küche ist irgendwo zwischen französisch und italienisch angesiedelt, für besondere Gäste gibt es Gänseleber mit Äpfeln. „Das Leibgericht von Franz Liszt“, schwört Restaurantbesitzer Robert Singer. Und weil ihm da eine perfekte Sinfonie der Aromen gelungen ist, glauben wir ihm das jetzt einfach mal.

Üppig wie zu Liszt’ Zeiten speist man im „Szegedi Halászcsárda“ an der Donau gegenüber vom Gellértberg. Wels, Karpfen, Zander vom Grill oder Karpfenfiletstreifen in Bierteig – und zum Dessert einen Mohnpalatschinken mit Sauerkirschsauce. Günstig auch das „Stex Ház“, József körút 55-57, nette Atmosphäre, viele Einheimische, täglich von 8 Uhr morgens bis
2 Uhr nachts geöffnet.

Opulent wie im 19. Jahrhundert präsentiert sich das „Book-Café“ (Andrássy út). Man geht durch eine Buchhandlung namens Alexandra die Rolltreppe hoch und befindet sich unvermittelt in einem riesigen, gediegenen Saal mit hohen Spiegeln, Blattgold an den Wänden und artig huschenden Kellnern.

Höfe von Gozsdu udvar sind Meisterwerk der Architektur

Das Ausgehen in Budapest hat sich seit Liszt stark verändert. In der Kazinczy utca und den benachbarte Gassen reihen sich die „Runien-Bars“. Manche Clubs sind voll mit Sperrmüllmöbeln, was als extrem cool gilt. Besonders angesagt ist das „Szimpla kert“, Kazinczy utca 14. Das weitläufige Gebäude war eines der ersten, die in der Straße errichtet wurden – als Ofenfabrik.

Die Höfe von Gozsdu udvar am Rande des jüdischen Viertels sind ein architektonisches Meisterwerk aus Liszts Jahrhundert. Sie reichen von der Király utca 13 bis zur Dob utca. In den sieben Häusern und sechs verbundenen Innenhöfen finden sich hübsche Restaurants, Cafés und Galerien.

Wer lieber den Klängen des Meisters ausgiebig lauschen möchte, sollte sich das Budapester Frühlingsfestival vom 8. bis 24. April nicht entgehen lassen. Dann wird mit Konzerten auch des 130. Todestages des sinnenfrohen Komponisten gedacht.

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