Bühnen

Boulevardhexe von allererstem Schrot und Korn

Ich shoppe, also bin ich. Mit ihrem neuen Kabarettprogramm „I feel betta with Lametta“ im Theater am Kurfürstendamm sorgt Désirée Nick mit Glanz und Glamour für weihnachtliche Stimmung bei all jenen, die es eher selten in die Heilige Messe treibt.

Désirée Nick ist für ihre spitze Zunge bekannt. Sie ist laut, frivol, vulgär - und gilt als Lästerzunge der Nation. Die Nick ist für ihre knallharten Sprüche berühmt wie berüchtigt. Wo sie auftritt, kommt am Ende eine fette Schlagzeile heraus. Das ist ein Versprechen und eine Garantie zugleich. Wie ehrlich die Berlinerin das meint, konnte man unlängst wieder bei „Der Klügere kippt nach“ auf Tele 5 bewundern. „Jedes Mal, wenn ich Dieter Bohlen im Fernsehen sehe, da frage ich mich, wie müssen wohl inzwischen seine Eier aussehen.“ Als Gast in Sendungen wie „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, „Das perfekte Promi-Dinner“ oder „Promi Big Brother“ ist Désirée Nick deutschlandweit bekannt geworden. Nebenbei hat die Charlottenburgerin mehrere Bestseller geschrieben. Im Dezember feiert nun im Theater am Kurfürstendamm ihr neues Kabarettprogramm „I feel betta with Lametta“ seine Premiere.


Provokation, Spektakel und
Gesellschaftkritik

Das ausklingende Jahr nutzt auch die Schauspielerin, um zurückzuschauen. Aber, das gibt sie im Interview gleich zu bedenken: „Die meisten wissen ja gar nicht mehr, was sie da eigentlich feiern.“ Weihnachten appelliere schließlich an die Kindlichkeit in uns allen. Man möchte berührt werden, sich über die kleine Dinge freuen und letztlich zurück blicken auf diese gefühlsbildenden Momente und Strukturen. Ihr gehe es darum, Weihnachten als traditionelles Fest zu erklären. „Natürlich zeitgemäß interpretiert und analysiert, aus Sicht einer Urberlinerin und Künstlerin.“

Diesen Ansatz übersetzt sie in ein kulturkritisches Programm, mit der nötigen Respektlosigkeit, für die Désirée Nick schließlich bekannt ist. Was das bedeutet, kann man sich leicht ausmalen. Die Shows der Entertainerin sind eine Mischung aus gezielter Provokation, Gesellschaftskritik und autobiografischem Spektakel. Oder wie Désirée Nick es formuliert: „Es werden Abende des Frohsinns, die den ganzen Ballast da draußen vergessen machen. Ganz ohne Belehrung.“ Ein lautes Lachen durchdringt den Raum, als sie das sagt. Auf diese Art der Exegese kann man wohl gespannt sein, denn Nick weiß sehr genau, wovon sie spricht: Die Frau ist schließlich studierte Theologin und hat einige Jahre selbst unterrichtet.

Was dennoch im medialen Wirbel um ihre Person oft unter zu gehen droht, ist die Faszination und die Hingabe, die Désirée Nick seit jeher für die Bühne empfindet. „Theater ist für mich so etwas wie Luxus.“ Sie sagt das nicht ohne eine bittere Note. „Allein vom Schauspiel kann man nicht leben.“ Nick geht darum seit jeher einen eigenen, durchaus pragmatischen Weg, auch deshalb ist so präsent in den Reality-Formaten. Was sind schon 700 Plätze in einem Berliner Theater gegen zwölf Millionen Zuschauer vor dem Fernseher?


Das Dschungel-Camp ist ein
Spiegel der Gesellschaft“

Sie nutzt die öffentliche Wahrnehmung, um ein großes Publikum für ihre Kunst zu gewinnen. Trotzdem bringt sie der mediale Umgang mit diesem Thema, „dieser abfällige Ton für alles, was Trash ist“, bis heute in Rage. „Big Brother und das Dschungel-Camp sind reinste Popkultur. Das sind Sendungen, die in 16 Ländern auf fünf Kontinenten laufen. Da muss man das Wort Erfolg wohl nicht mehr buchstabieren,“ sagt sie. Da können dann noch so viele Leute kommen und sich abschätzig äußern. Für Nick ist diese Haltung ein Beleg der Verachtung für etwas, das unstrittig erfolgreich ist.

Aber warum sind Reality-Konzepte wie Big Brother bis heute erfolgreich? „Ich kann das in einem Satz zusammenfassen: Die Leute, die da eingesperrt sind, das ist unsere Gesellschaft. Gehen sie mal durch ihren Wohnblock“, erklärt sie in feurigem Ton. Da gibt es den Alkoholiker. Einen Kokser. Die Intellektuelle. Die mit den gemachten Brüsten. Das abgehalfterte Playboy-Bunny. „Diese Menschen sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es sind eben nicht die Idioten, bei denen nichts mehr läuft, sondern es wird die ganze Bandbreite der Kinder Gottes eingeladen. Und zwar die Kinder Gottes mit all ihren Verzerrungen.“ Es ist genau diese Haltung, die Desiree Nick für Fans und Kritiker gleichermaßen faszinierend und schwer fassbar macht.

La Nick, wie sie sich gern selbst bezeichnet, weiß sehr genau, wie man auf verschiedenen Partys tanzt. Für sie kann es darum keine Schublade geben. Sie ist ihre eigene Kunstfigur, in der sich Übertreibung, Hingabe und Profession miteinander vermengen. Damit ist sie, Kritik hin oder her, eine große Ausnahme im Theatergeschäft. „Das größte Talent, das ich besitze, ist das Boulevardtheater. Ich bin eine Boulevardhexe von allererstem Schrot und Korn.“