Ich war noch mal kurz einkaufen in der DDR

Haushaltswaren geben einen besseren Einblick in fremde Kulturen als manche Reiseführer. Und fremd war die DDR für uns. Ein Kurzbesuch.

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Foto: Uta Keseling / BM

Neulich bin ich zurückgereist in die DDR. Ich war noch mal kurz "drüben" einkaufen. Wer weiß, dachte ich mir, wie lange es all die typischen DDR-Waren noch gibt. So ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich neulich bei einer Recherche zufällig in einen verlassenen Keller geriet und vor Regalen mit vergessenem DDR-Hausrat stand.

Neben allerlei verrosteten Telefonen und Kabeln standen da Flaschen mit trübem Inhalt, palettenweise Saftgläser der Marke Jena Superfest, es gab einen Satz stapelbare Salatschüsseln aus Plastik, Unmengen Zuckerdosen und Eierbecher und auch diese blauweißen Sechser-Tragegestelle für Flaschen, deren Nutzen meine jüngeren Begleiter erst gar nicht einschätzen konnten. Es dauerte eine Weile, bis sie mir glaubten, dass es in der DDR keine Sixpacks gab, keine Plastiktüten, überhaupt keinen Verpackungswahn, wie man ihn heute kennt (und den es im übrigen auch im Westen vor 26 Jahren so nicht gab).

Das Regal erinnerte mich an meine Besuche in Ost-Berlin, als ich ratlos zwischen den halb leeren Regalen der Kaufhalle an der Jannowitzbrücke oder im Kaufhaus am Alex stand und mich fragte: Was soll ich bloß kaufen? 25 D-Mark musste man pro Tag umtauschen, wenn man die DDR besuchte. Viel Geld für eine Studentin, weswegen ich fand, dass ich dafür auch etwas Reelles haben wollte. Ohnehin war es verboten, das umgetauschte Geld mit in den Westen zu nehmen und zu sparen für den nächsten Besuch.

Shopping im Osten war schwierig. Zwar gab es gerade in Ost-Berlin viel mehr Waren als auf dem Land, trotzdem bekam man , zumindest nach Vorstellung der verwöhnten West-Jugend, nie das , was man gern haben wollte. Stattdessen reiste ich regelmäßig mit allerlei sinnlosem Zeugs über die Grenze zurück , etwa Schreibhefte mit porösem Papier, auf dem die Tinte verschwamm, oder Pfannen , in denen alles anbrannte. Manche Dinge besitze ich dagegen heute noch. Einen Satz bunte Plastik-Eierbecher in Hühnerform zum Beispiel.

Lange stand ich mit denselben gemischten Gefühlen vor den Regalen wie damals in der Kaufhalle. Bis heute finde ich, dass Haushaltswaren einen viel besseren Einblick in den Alltag fremder Kulturen geben als manche Reiseführer. Und eine fremde Kultur war die DDR damals für uns. Auch wenn wir lange so taten, als sei für uns nichts selbstverständlicher als das Zusammenwachsen: Wir kannten uns eben nicht zwischen Ost und West. Und das wenige, was wir dennoch voneinander zu wissen glaubten, war geprägt von Vorurteilen und der Polemik der Politik.

In dem staubigen Keller entschied ich mich schließlich für eine Flasche Weichspüler, noch ungeöffnet, der mir besonders merkwürdig schien. Bis zu diesem Fund hätte ich behauptet, dass es in der DDR gar keinen Weichspüler gab. Weichspüler, hätte ich argumentiert, galt doch dort sicher als typisches Produkt des verkommenen Westens. Selbst im Westen wurde Weichspüler ja zeitweise schlechtgeredet als Symbol eines rückständigen Frauenbildes vom Heimchen am Herd. Der real existierende Sozialismus hatte das doch längst überholt. Oder?

Was sagt es mir, dass es Weichspüler in der DDR doch gab – wenn auch in winzigen Portionen, die Flasche fasst kaum einen halben Liter? Ich packte sie als Beweismittel ein: Nichts war so, wie wir glaubten. Außerdem nahm ich zwei Flaschenöffner aus Blech mit – der Kronkorken als ebenso system- wie epochenübergreifende Erfindung – und einen weiteren Eierbecher für meine Serie. Als ich ans Tageslicht kam, war ich zufrieden. Fast so wie damals, wenn es mir gelungen war, die 25 Mark komplett loszuwerden für Dinge, die praktisch waren oder mir halfen, eine fremde Welt besser zu verstehen. Nur geöffnet habe ich die Weichspülerflasche noch nicht.

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