BIZ

Im Streit vereint

Willy Brandt und Helmut Schmidt prägten die Politik der Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnte. Und sie schrieben sich Briefe. Erstmals werden sie jetzt dokumentiert

Da hat Helmut Schmidt zum Schluss noch einmal kräftig zugelangt. „Ich weiß, aus der langen Geschichte seit 1971, dass Du in diesen Fragen immer anders gedacht hast als ich. Das gilt insbesondere für das Gewährenlassen jungsozialistischer Arroganz, quasi-theologischer Besserwisserei in der Außen- und Sicherheitspolitik, und für das Hinnehmen eines Makler-Beschlusses (die SPD wollte den Maklerberuf verbieten, Anm. d. Red.) und anderen ökonomischen Unfugs.“

So schrieb der gerade von der eigenen Partei gestürzte, weil im Stich gelassene Schmidt an seinen Vorgänger und Parteivorsitzenden Willy Brandt sechs Wochen nach seiner Abwahl als Kanzler am 1. Oktober 1982, für die er den Chef der SPD mitverantwortlich machte.

Es ist ja kein Geheimnis, dass sich die beiden – um es zurückhaltend auszudrücken – nicht besonders mochten. Es war nicht mehr als eine Parteifreundschaft, die alles andere als eine Männerfreundschaft ist. Willy Brandt und Helmut Schmidt, die beiden Bundeskanzler der SPD, die Deutschland zwischen 1969 und 1982 regiert haben, waren Weggefährten, Partner und Rivalen zugleich – bis hin zu offener Konfrontation darüber, wie eine Partei und ein Land zu führen seien.

Angesichts beider Biographien ist das kaum verwunderlich. Der eine war in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen und später vor den Nazis emigriert, der andere, durch ein kleinbürgerliches Elternhaus geprägt, diente als Offizier in Hitlers Wehrmacht. Auch dem Charakter nach hätten die beiden kaum unterschiedlicher sein können. Nachdenklich, zur Melancholie neigend und von einer besseren Welt träumend der eine; der andere ein vor Selbstbewusstsein strotzender Pragmatiker, der Menschen mit Visionen empfahl, zum Arzt zu gehen. Diese persönlichen Widersprüche zwischen Brandt und Schmidt wurden zu politischen, je höher sie die Karriereleiter erklommen, bis hinein ins Kanzleramt. Dass die beiden einen regen Briefwechsel pflegten, der vom (partei-) freundschaftlichen Verhältnis über erbetene und unerbetene Ratschläge bis hin zu persönlichen Anschuldigungen nach dem politischen Scheitern kündet, ist angesichts einer heutigen SMS-versessenen Kanzlerin kaum noch vorstellbar. Dabei zeigt sich Schmidt insgesamt als der fordernde Schreiber, Brandt als der zurückhaltend antwortende.

Diese Briefe schlummern nicht länger im Archiv, sind jetzt für jedermann nachzulesen und geben einen tiefen Einblick in das politische Geschäft auf höchster Ebene mit dem Schwerpunkt SPD-Kanzlerjahre zwischen 1969 und 1982 und den Umständen beider Rücktritte. Meik Woyke, Leiter des Referats „Public History“ im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich- Ebert-Stiftung, hat 717 Briefe seit 1958 in den Archiven gefunden und in einem 1104 Seite um fassenden Band herausgegeben. Ein dicker roter Wälzer, der nicht allein die komplizierte persönliche Beziehungen zwischen den beiden Männern widerspiegelt, sondern auch die politischen Phänomene jener Zeit; vom Umgang mit der Friedensbewegung, dem Entstehen einer neuen Partei namens „Die Grünen“, von den Flügelkämpfen innerhalb der SPD bis hin zur Nachrüstung, an der letztlich die sozialliberale Koalition aus SPD und FDP zerbrach.

Aber bei allen Differenzen und Schuldzuweisungen belegen die Briefe auch immer wieder den gegenseitigen Respekt vor der jeweiligen Lebens- und Regierungsleistung des anderen. Wobei – was allerdings in den Briefen nicht thematisiert wird – Schmidt bis heute damit hadert, dass Willy Brandt mit seiner Ostpolitik in die Geschichtsbücher eingehen wird, er dagegen in einer Zeit regierte, die keinen historischen Eintrag möglich machte.

Die Kandidatenfrage

Nach zwei Wahlniederlagen (1961 gegen Konrad Adenauer und 1965 gegen Ludwig Erhard) will Willy Brandt kein drittes Mal Kanzlerkandidat der SPD werden. Als potenzieller Nachfolger gilt Helmut Schmidt. Die von ihm gestrickte Legende, er habe eigentlich nie Kanzler werden wollen, wird schon sehr früh fragwürdig, wie aus einem Brief, geschrieben am 8. Oktober mit Fortsetzung am 11. Oktober 1965, anklingt; zu werten als indirektes Bewerbungsschreiben, verbunden mit Dank an den im Amt bleibenden SPD-Vorsitzenden und Berliner Regierenden Bürgermeister.

New York/Hamburg, 8. und 11. Oktober 1965

Lieber Willy,

(...) Ich habe in den letzten 14 Tagen vielfach gesagt, Du seiest der beste Mann, den unsere Partei zur Verfügung hat. Das meine ich auch so, und ich habe von Deiner großen menschlichen und politischen Autorität über den ganzen Kreis der uns zugehörigen Menschen gesprochen. (...) Ich weiß auch wirklich nicht, auf wen Deine bisherige dritte Rolle (Kanzlerkandidat, Anm. d. Red.) im Laufe der nächsten Jahre nun tatsächlich fallen wird. Wer es immer sein wird: er wird diese Rolle nicht leichter finden, als sie für Dich war. Und er wird wissen müssen, dass er seine Ausgangsposition weitgehend Dir verdankt – und dass sein Wahlergebnis genauso ungewiss ist, wie es das Deinige stets war. (...)

Stets Dein

Helmut Schmidt

Berlin, 25. Oktober 1965

Lieber Helmut,

(…) Für Dich wird es sehr darauf ankommen, dass Du Dich nicht übernimmst und vor wichtigen Entscheidungen den Rat guter Freunde hörst. (...) Über die Schlachtordnung für 1969 sollten wir nicht zu früh entscheiden. Ich habe gewisse Vorstellungen über das Verfahren, und darüber werden wir wohl auch im Vorstand sprechen müssen.

Mit nochmaligem Dank und guten Grüßen

Dein

Willy Brandt

Die Rolle im Kabinett

Nach Bruch der CDU/CSU/FDP-Koalition 1966 und einer großen Koalition mit Brandt als Außenminister gewinnt die SPD die Wahl 1969, Brandt wird Kanzler und bildet mit der FDP die erste sozialliberale Koalition. Vor seinem Kabinettseintritt verlangt Schmidt von Brandt im Oktober 1969 eine herausgehobene Rolle.

Bonn, 8. Oktober 1969

Lieber Willy,

(…) Der Fraktionsvorsitzende der SPD wird der bei weitem wichtigste Minister der neuen Koalition sein – nach innen wie nach außen. Ich würde diese Aufgabe gerne behalten. Ich bin bereit, diese Aufgabe an Herbert (Wehner, Anm. d. Red.) abzugeben, weil ihr das Verteidigungsressort für anderweitig nicht besetzbar haltet. (… ) Ein Bundesminister, der zugleich stellvertretender Parteivorsitzender ist (und es nunmehr allerdings zu bleiben wünscht, damit er überhaupt eine Chance behält, sich außerhalb seiner Ressortzuständigkeit auch öffentlich zur Politik zu äußern!) wird auf andere Weise innerhalb von Kabinett und Koalition an den zentralen politischen Entscheidungen beteiligt werden müssen.

Mit freundlichem Gruß

Sch

Verbunden mit guten Wünschen zum Neuen Jahr mahnt Schmidt im Dezember 1970 bereits einen klareren Führungsstil bei Brandt an.

Lacco Ameno/Ischia, 30. Dezember 1970

Lieber Willy,

(...) Meine Besorgnis gilt übrigens nicht nur unserem Verhalten gegenüber sich selbst für links haltenden Wortradikalismus, sondern auch für unsere Berlin-Politik, bei der mich manche Berliner Äußerungen der letzten Wochen ein wenig beunruhigt haben. (Anlass sind die Vier-Mächte- Verhandlungen über den Status von Berlin, Anm.d. Red.) (... )Laß’ uns aufpassen, dass wir ernste politische Meinungsverschiedenheiten nicht durch Zudecken oder Überpinseln (vorübergehend) aus der Welt zu schaffen meinen. (…)

Mit allen meinen guten Wünschen – und herzlichen Gruß an Rut –

stets Dein

H.S.

Das zweite Kabinett

Nach der klar gewonnenen Wahl 1972 verbindet Helmut Schmidt, jetzt Wirtschafts- und Finanzminister, Überlegungen zum erneuten SPD/FDP Kabinett im Dezember mit dieser Aufforderung:

Ohne Ort, 5. Dezember 1972

Lieber Willy,

(...) Du weißt, wie ich in den Verteidigungsministerjahren mehrfach um häufigeren offenen Meinungsaustausch gebeten habe. Ich meine damit auch: Deutlichkeit. Man muss nicht auf bloße Ahnung darüber angewiesen sein, was der Willy oder was der Herbert oder was der Helmut denkt. Und wenn Dir jemand mal etwas zutragen sollte, was angeblich der Helmut über Dich gesagt hätte: bitte frage ihn selbst oder stelle ihn zur Rede – aber jedenfalls: rede offen darüber. Ich möchte es auch so gerne tun!

Ich bin sehr herzlich

Dein H.S.

Nach der Guillaume-Affäre

Nach seinem Rücktritt am 6. Mai 1974 im Zusammenhang mit dem DDR-Spion Günter Guillaume und Sticheleien von Herbert Wehner schreibt Brandt an seinen Nachfolger Helmut Schmidt.

Bonn, 16. Mai 1974

Lieber Helmut,

meine guten Wünsche, die ich hier schriftlich wiederhole, begleiten Dich ohne Wenn und Aber. Ich werde mich auf die Parteiarbeit konzentrieren, gehe allerdings davon aus, dass ich über wichtige Inhalte der Regierungsarbeit unterrichtet werde – sei es direkt oder sei es im Rahmen des Präsidiums. (...)

Herzliche Grüße

Dein

Willy Brandt

Im Vorfeld der Bundestagswahl 1976 beklagt Helmut Schmidt die mangelnde Geschlossenheit der SPD. Darauf antwortet der SPD Vorsitzende Brandt.

Bonn, 22. März 1976

Lieber Helmut,

(…) Wenn es so ist, dass in Deinem Verständnis „die Partei“ von allem Wesentlichen nichts begreift bzw. dass „die Partei“ gegenüber allem Wesentlichen versagt, dann ergibt sich die Frage, ob Du als derjenige, der an der Spitze des Wahlkampfes zu stehen hat, nicht einen Beauftragten ins Parteihaus entsenden willst, der für den Verlauf des Wahlkampfes mitteilt, was zu geschehen hat und was nicht. (...) Dass ich in den zurückliegenden Jahren nicht nur am Verlieren von Wahlen beteiligt war, dürfte im Bewusstsein der Partei noch lebendig sein. Vielleicht sollten wir uns beide jenes Vormittags im September 1972 erinnern – es war der Tag des Anschlags auf die israelische Mannschaft in München –, an dem Du mir auf dem Venusberg auseinandergesetzt hast, was ich alles falsch mache (bei der Wahl zwei Monate später feiert Brandt einen grandiosen Sieg, Anm.d.Red.). (...) Für die Rolle des Sündenbocks stehe ich nicht zur Verfügung.

Mit besten Grüßen

Dein

Willy Brandt

1981 spitzt sich der Streit um den Nato- Doppelbeschluss zu. Es geht um die Nachrüstung mit Pershing-II Raketen, wenn sich Moskau seine Europa bedrohenden SS-20 Raketen nicht abverhandeln lässt. Im Gegensatz zu ihrem Kanzler lehnen große Teile der SPD die Aufstellung neuer westlicher Raketen grundsätzlich ab. Angesichts der großen Friedens-Demo in Bonn am 10. Oktober 1981 schreibt Schmidt im September an Brandt.

Bonn, 16. September 1981

Lieber Willy,

(…) Der besondere Anlass dieses Briefes ist die Ankündigung einer großen Protestversammlung in Bonn. (...) Es ist eine Reihe von Rednern angekündigt. Der prominenteste Redner von ihnen ist Erhard Eppler, wenn die Zeitungsberichte in diesem Punkt nicht falsch sein sollten. Die mit der Sicherheit befassten Behörden rechnen mit mehreren zehntausend Demonstrationsteilnehmern, die zu diesem Zweck nach Bonn gekarrt werden. (...) Dabei ist nicht auszuschließen, dass Gruppen von Teilnehmern, die Emotionalisierung ausnutzend, u.a. einen „Sturm auf die Hardthöhe“ (Verteidigungsministerium, Anm.d. Red.) beabsichtigen. Es ist ausgeschlossen, für diesen Tag etwa den Posten, welche das Gelände der Hardthöhe sichern, die Waffen oder die Munition zu nehmen, damit Blutvergießen vermieden werde. (...) Ich schreibe Dir diesen Brief mit der dringlichen Bitte, Erhard Eppler zu ersuchen, sich von der Veranstaltung fernzuhalten und zu verhindern, dass sein Name mit ihr in Verbindung gebracht wird. Das sollte auch für andere Sozialdemokraten gelten. (...)

Mit besten Grüßen

Dein Helmut

Fünf Tage später antwortet Brandt kühl.

Bonn, 21. September 1981

Lieber Helmut,

(…) Schon jetzt möchte ich betonen, dass unsere Aufgabe meiner Meinung nach darin bestehen sollte, einerseits zu differenzieren zwischen friedlichen Meinungsäußerungen (auch solchen, die man für einseitig, übertrieben oder abwegig hält), gewaltsamen Ausschreitungen und Mordanschlägen, wie wir sie wieder erleben, sowie andererseits uns nicht zu isolieren von dem, was viele, vor allem junge Menschen, in unserem Land umtreibt. (...) Zur Nichtteilnahme aufzurufen, erscheint mir wenig erfolgversprechend. (...)

Mit freundlichen Grüßen

gez. Willy Brandt

Das Ende einer Ära

Die schwere Niederlage bei der Landtagswahl in Niedersachsen im März 1982 (absolute Mehrheit für die CDU) beschleunigt die Flügelkämpfe in der SPD und schwächt Schmidts Regierung weiter. Am Ende des Monats schreibt Brandt an Schmidt.

Bonn, 30. März 1982

Lieber Helmut,

(...) In dieser Lage sollten die in Partei und Regierung Verantwortlichen ihr Verhalten so aufeinander abstimmen, dass stabilisierende und ermutigende Wirkungen erzielt werden können. Einer Reihe von Äußerungen der letzten Tage entnehme ich, dass die Neigung besteht, „die“ Partei im allgemeinen und besonderen mit Schuldzuweisungen zu überziehen. Ich halte dies in der Verallgemeinerung weder für gerechtfertigt noch für hilfreich. Im Gegenteil halte ich es für meine Pflicht, „die“ Partei vor globalen Schuldzuweisungen in Schutz zu nehmen. (...) Für wichtig halte ich es auch, dass wir erneut miteinander prüfen, wie wir wieder größere Teile der jungen Generation überzeugen können. Unsere Partei, wie andere, hat kaum noch junge Mitglieder, und für uns ist dies besonders schwerwiegend. Der Anteil der jungen an den Wählern neuer Listen liegt sehr hoch . (...)

Mit herzlichen Grüßen

gez. Willy Brandt

Die SPD und ihr Kanzler Schmidt driften, maßgeblich wegen des Nato-Doppelbeschlusses, weiter auseinander, was letztlich zum Bruch der Koalition mit der FDP, dem konstruktiven Misstrauensvotum und damit zur Abwahl Helmut Schmidts am 1. Oktober 1982 führt.

Bonn, 11. Oktober 1982

Lieber Helmut,

ich kann mir nichts davon versprechen, mich in diesem Augenblick – oder überhaupt – zu dem Unmut mir gegenüber zu äußern, dem Du gegenüber Deinen Gesprächspartnern dieser Tage ziemlich freien Lauf gibst. Für nicht akzeptabel halte ich jedenfalls die These von tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten, die mich daran gehindert haben könnten, Dich hinreichend zu unterstützen. Ich empfinde es im Gegenteil so, dass mich auch erhebliche Bedenken in dieser oder jener Frage nicht daran gehindert haben, dem Bundeskanzler zur möglichst breiten Unterstützung seiner Partei zu verhelfen. (...)

Mit freundlichen Grüßen

gez. Willy Brandt

Einen knappen Monat später legt Brandt nach.

Bonn, 2. November 1982

Lieber Helmut,

(…) Meine eigene Bilanz sieht so aus, dass ich mich (...) um den Zusammenhalt unserer Partei bemüht und mich zugleich dafür eingesetzt habe, dass der Bundeskanzler und die Arbeit seiner Regierung angemessen unterstützt wurden. Und zwar auch in Situationen, die mir einiges abverlangten, und gelegentlich unter Bedingungen, die bis hart an die Grenze meiner Selbstachtung gingen. (...) In Wirklichkeit musst Du selbst wissen, dass Du ohne mich kaum länger, sondern wohl eher kürzer und vielleicht mit weniger Erfolg im Amt gewesen wärst. (... )

Mit freundlichen Grüßen

Dein Willy

Schmidt antwortet 9 Tage später.

Bonn, 11. November 1982

Lieber Willy,

(...) Unsere beiderseitigen Meinungsverschiedenheiten über die Führung der Partei reichen bis in das Frühjahr 1972 zurück. (...) Die politische Disziplin unserer Partei begann sich nach außen aufzulösen, und ihr Profil begann, diffus zu werden. (...) In Münstereifel habe ich mich in meinem Zorn über Deine Rücktrittsabsicht (6. Mai 1974, d. Red.) Dir gegenüber gehen lassen, was ich nachträglich oft bedauert habe. Der Grund für meinen Ausbruch war – rückschauend betrachtet – wahrscheinlich ein zweifacher: zum einen hatte meine Kritik an Deiner Parteiführung nie auf eine Ablösung hingezielt – weder im Staatsamt noch im Parteiamt; ich fand die von Dir beabsichtigte Konsequenz in Ansehnung des auslösenden Anlasses, aber auch aller Gesamtumstände völlig außer Verhältnis. Zum anderen hatte ich wahrscheinlich Angst vor der mir damals zugeschobenen Nachfolge. (...) Seit dem Wahltage 1980 haben viele Genossen an vielen Stellen der Partei, sogar ganze Organisationsteile, ihre (intellektuellen) Sonderinteressen, aber auch ihre Unzufriedenheit über die sich objektiv verschlechternde ökonomische Lage an der Bundesregierung und an mir abreagiert. Wer so handelte, konnte immer mindestens mit dem stillschweigenden Verständnis der Parteiführung rechnen. (...) Teile der SPD wollen ganz etwas anderes als der Bundeskanzler.

Im übrigen aber: ich möchte im Frieden mit Dir leben – für eine über diesen Brief hinausgehende Streitigkeit bin ich nicht gestimmt – dafür ist mir Deine politische Lebensleistung zu wichtig und mein Respekt gegenüber Deinen Leistungen im Schöneberger Rathaus, in der Verwirklichung unserer Regierungsfähigkeit in Bonn und im Abschnitt der deutschen Ostpolitik zu groß. Dass ich in Sachen Parteiführung nicht zustimmen kann, müssen wir wohl beide ertragen.

Mit freundlichen Grüßen

Dein Helmut

Bonn, 3. Dezember 1982

Lieber Helmut,

(…) Insofern bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als uns auf das angelsächsische „agree to disagree“ zu verständigen. (...)

Mit freundlichen Grüßen

gez. Willy Brandt

Das Ende

Den letzten Brief schreibt Helmut Schmidt im Frühsommer 1992.

Hamburg, 17. Juni 1992

Lieber Willy,

von Ferne nehme ich Anteil an den mehrfachen gesundheitlichen Bedrängnissen, die Dich kürzlich befallen haben. Was auch immer in den letzten zwanzig Jahren uns bisweilen etwas voneinander entfernt hat, ich habe nie an Deiner überragenden Gesamtleistung für unser Volk gezweifelt. Deshalb bin ich Dir immer verbunden geblieben – und bin es heute umso mehr.

Ich hätte Dich gerne besucht, um Dir dies zu sagen; aber ich höre heute und gestern in Bonn, dass Du im Augenblick nur ungern Besuche empfängst. Ich verstehe das gut und möchte Dir nicht zur Last fallen. (...)

Von Herzen mit allen guten Wünschen

Dein

Helmut

Kurz vor seinem Tod hat er Helmut Schmidt in seinem Haus in Unkel bei Bonn empfangen. Willy Brandt starb am 8. Oktober 1992 an Krebs . Er wurde auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf begraben.