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Ein aufstrebenderOrtsteil

Der Süden Berlins boomt. Innerhalb weniger Jahre hat sich Rudow fastverdoppelt. Davon zeugt auch ein funktionierendes Zentrum

Wenn es noch einen funktionierenden Kiez gibt, dann ist es Alt-Rudow. Im Süden Berlins gelegen, kurz vor der Grenze zu Brandenburg, erfährt der Neuköllner Ortsteil seit Jahren einen ungebremsten Aufschwung. Während es in den 60er-Jahren noch rund 25.000 Einwohner waren, ist die Zahl inzwischen auf fast 42.000 gestiegen.

Auch die Infrastruktur hat sich entsprechend der Einwohnerzahl entwickelt. So gibt es rund um den früheren Dorfkern alles, was der Mensch im Alltag benötigt. Mehrere große Supermärkte, seit Neuestem auch einen Bio-Markt, ein kleines Kaufhaus, Apotheken, Ärzte, Boutiquen und und und. Die meisten Geschäfte reihen sich im Bereich Alt-Rudow, Krokusstraße, Prierosser Straße und Köpenicker Straße aneinander. Um dieses Zentrum herum sind mehr und mehr Siedlungen entstanden, größtenteils Einfamilienhäuser. Doch auch viel Natur gibt es und sogar zwei "Berge": die 70 Meter hohe Rudower Höhe, im Winter ein beliebter Rodelberg, und der 85 Meter hohe Dörferblick am südlichsten Zipfel Rudows. Dazwischen, mitten im Zentrum, befindet sich der kleine Dorfteich mit Grünanlage und einem Bouleplatz. Ein weiteres Plus ist die gute Verkehrsanbindung. Die U-Bahn endet direkt im Ortszentrum und die Autobahn ist quasi um die Ecke.

Melanie Frank ist in Rudow aufgewachsen und hat die Entwicklung hautnah mitbekommen. Jetzt hat sie gemeinsam mit ihrer Mutter Liane ein Maklerbüro an der Krokusstraße eröffnet. Die Immobilienfachwirtin findet es toll, dass es immer mehr junge Familien nach Rudow zieht. Ein Grund sei das gute Preis-Leistungs-Verhältnis. "Rudow hat Tradition und ist gemütlich, hat aber trotzdem viel zu bieten", sagt die Wilmersdorferin, die es mit ihrer Familie wieder nach Rudow zieht.

Für Benjamin Telschow, der diesen Schritt bereits gegangen ist und seit drei Jahren wieder in Rudow wohnt, ist die Mischung "eigentlich perfekt". Sein Geschäft, das gleichnamige Sanitätshaus, gehört schon seit Jahrzehnten zum Ortsbild dazu. 1967 haben es Großvater und Vater dort eröffnet und er führt es nun in dritter Generation gemeinsam mit seiner Schwester Katrin weiter. "Wir haben hier noch einen wirklich dörflichen Charakter mit kleinen Geschäften, die es anderswo kaum noch gibt. Die Rudower schätzen das und unterstützen die Geschäfte", erzählt der Orthopädietechniker. Er stellt fest, dass Rudow immer jünger wird. Auch in seinem Geschäft mache sich das bemerkbar. So verkauft er neben selbst angefertigten Einlagen und Kompressionsstrümpfen bereits verstärkt Artikel aus dem präventiven Sportbereich, beispielsweise Kompressionssocken für Läufer.

Ein alter Hase in Rudow ist Frank Exner. Der gebürtige Neuköllner lebt seit 1985 in Rudow. Die ersten anderthalb Jahre als Glasermeister hat er sein Handwerk noch von der heimischen Garage aus betrieben - als rollende Glaserei. 1997 hat er dann mit seinem Kompagnon Wilfried Hürdler das Haus an der Groß-Ziethener-Chaussee bezogen. In diesem Jahr feierte die Glaserei ihr 20-jähriges Bestehen. Auch er bestätigt, dass sich Rudow ganz schön gewandelt habe. Als Abteilungsleiter Fußball beim TSV Rudow hat Exner einen guten Überblick über die Bevölkerungsentwicklung im Ort.

Dafür, dass es auch ein kleines kulturelles Angebot gibt, sorgt unter anderem Heinz Jürgen Ostermann. Der Besitzer der Buchhandlung Leporello hat beispielsweise einen Leseclub für 12- bis 16-Jährige ins Leben gerufen. Die Mitglieder können bei ihm kostenlos die neuesten Bücher leihen und müssen nur eine Rezension darüber schreiben. Außerdem gibt es seit fünf Jahren die Initiative "Rudow liest", bei der Anfang März zehn bis 15 Lesungen im Gemeindehaus und in unterschiedlichen Geschäften stattfinden. "Ich sorge aber immer dafür, dass die Lesung zum jeweiligen Geschäft passt", betont er. In seiner 2007 eröffneten Buchhandlung veranstaltet er zudem monatliche Lesungen. Und wer Bücher lieber elektronisch liest, für den gibt es auf seiner Internetseite diverse e-books.

Wer zu Bärbel Thasler kommt, sucht etwas anderes, nämlich Mode - und wird ganz nebenbei noch ein bisschen verwöhnt mit Sekt, Kaffee, Keks und kleinem Plausch. "Dieses Persönliche macht Rudow für mich aus. Hier kennt man sich und nimmt sich Zeit", erzählt die Geschäftsfrau, die nur fünf Minuten von ihrem Laden entfernt wohnt. Die Kürschnerin und Modeschneiderin verkauft nicht nur Mode von hochwertigen Firmen, sondern entwirft und schneidert auch selber. Das unverwechselbare Unikat für den nächsten Ball ist somit gesichert... Im November feiert sie mit ihrem Geschäft für Mode und Accessoires ihr 20-jähriges Firmenjubiläum. Wer da bei ihr einkauft, bekommt ein kleines Geschenk.

Wer passend zum neuen Outfit noch ein bisschen Schmuck benötigt, wird sicherlich ein paar Häuser weiter bei Juwelier Klimach fündig. Klaus Klimach betreibt das einzige Fachgeschäft im gesamten Bezirk Neukölln, das eine eigene Uhrmacherwerkstatt hat. Unter anderem Schauspieler Götz George oder der Publizist Sebastian Haffner gehörten schon zu seinen Kunden. Auch die Uhren im Schloss Britz hat er repariert. In diesem Jahr feierte er sein 50-jähriges Meisterjubiläum. Im kommenden Jahr steht neben seinem 75. Geburtstag noch das 125-jährige Geschäftsjubiläum an. "So lange stehe ich auf jeden Fall noch selbst in meinem Laden", sagt der 73-Jährige, der das Geschäft bereits in vierter Generation betreibt.

Wer nach all dem Shoppen eine Stärkung benötigt, kann dies beispielsweise bei einem leckeren Crêpes oder einem guten Frühstück im Café & Creperia tun. Die Lokalität gibt es immerhin auch schon zehn Jahre.

Oder es zieht ihn ins Vecchia Cantina, ein italienisches Restaurant nebst Feinkostgeschäft - mit täglich wechselnder, handgeschriebener Speisekarte und urigem Ambiete im Scheunenflair. "Die alten Balken haben wir extra aus Tirol hergeschafft und selbst abgeschliffen", erzählt Inhaber Emidio Lepore.

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