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Den Meistern ihres Fachs über die Schulter geschaut

Am Sonnabend präsentieren sich 30 deutsche Manufakturen in Berlin

Ausgerechnet Parchim. Lange Zeit war das kleine Städtchen in Mecklenburg-Vorpommern nur ein verschlafenes Nest ohne besondere touristische Anziehungskraft. Bis Kay Gundlack vor zehn Jahren seine Schuhmanufaktur in der 17.000 Einwohner-Gemeinde eröffnete. Seither ist Parchim sogar in den USA bekannt. Lady Gaga trägt Gundlacks Unikate, ebenso Thomas Gottschalk oder der Star-Geiger David Garrett. Kay Gundlack stellt seine Maßschuhe aber nicht nur für Prominente her. Auch Normalverdiener schwören auf Handarbeit made in Germany. Gundlack hat jedenfalls so viele Aufträge, dass seine Kunden mitunter ein halbes Jahr auf ihre bestellten Stiefel warten müssen. Mit seiner Manufaktur ist Gundlack längst keine Ausnahme. Sein Betrieb steht stellvertretend für einen Trend, der sich seit einigen Jahren abzeichnet: die Renaissance der Manufakturen, die Abkehr von der globalen Massenfertigung.

Übergang vom klassischen Handwerk zur Fabrik

Im 18. Jahrhundert war die Manufaktur (von lateinisch „Hand“ und „machen“) der Prototyp der industriellen Warenproduktion, der Übergang vom klassischen Handwerk zur modernen Fabrik. Heute steht der Begriff für eine neue Form der Exklusivität, für handgefertigte und maßgeschneiderte Produkte, für hohe Wertigkeit und Qualität.

Den Begriff Luxus will Michael T. Schröder aber nicht in einem Atemzug mit Manufakturen nennen. Sicher kann sich 1000 Euro für einen Quadratmeter Tapete nicht jeder leisten. Dem Gründer und Vorsitzenden der Initiative Deutsche Manufakturen, die den deutschen Manufakturen eine Stimme geben und ihre Bedeutung hervorheben will, geht es vielmehr darum, die Arbeit der Handwerksbetriebe positiv von Luxus abzugrenzen: „Luxus ist nicht immer Qualität, nicht immer Handarbeit“, sagt er. Umgekehrt gäbe es Manufakturen, die Produkte für jeden Geldbeutel anböten, etwa Marmeladen-Manufakturen. Exklusivität zeichne sich eher durch die „sensible Auswahl der Rohstoffe“, durch die Qualität der Waren aus. Und selbst Gundlack, dessen Schuhe 1000 Euro kosten können, betont, dass Normalverdiener sein Hauptgeschäft seien.

Die Mittelschicht hat erkannt, dass ein langlebiges Paar Schuhe zu kaufen wesentlich nachhaltiger und auch sozialer ist, als ständig neue Treter anzuschaffen, die wer weiß wo und von wer weiß wem hergestellt wurden. Die Hinwendung zur guten deutschen Handarbeit durch eine immer größere Bevölkerungsschicht führt dazu, dass die Manufakturen gut gefüllte Auftragsbücher haben und immer wieder neue Manufakturen entstehen. Wie viele Manufakturen es genau gibt und welche Wirtschaftskraft sie besitzen, ist allerdings nicht zu beziffern.

Der Begriff Manufaktur ist nicht geschützt, so manches Unternehmen, das den Titel im Namen trägt, hat mit Handarbeit wenig im Sinn. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks bestätigt aber, dass „die Nachfrage nach individuellen Produkten boomt und das den Manufakturen zugute kommt“, sagt ein Pressesprecher. Ein anderer Anhaltspunkt ist diese Zahl: Die 24 in der Initiative Deutsche Manufakturen organisierten Betriebe setzen nach eigenen Angaben etwa 150 Millionen Euro im Jahr um.

Gründerkultur sorgt für Renaissance der Manufakturen

Wie es aussieht, ist die Tendenz steigend. Die Gründerkultur im Land trägt dazu bei, dass Manufakturen aufmachen beziehungsweise alteingesessene nicht untergehen, sagt Michael T. Schröder. Einer dieser Entrepreneure mit einem Faible für Nachhaltigkeit ist Jan Heipcke. Vor drei Jahren hat er das kriselnde Unternehmen Klar Seifen in Heidelberg gekauft, kürzlich hat er zudem den Hersteller von Leinen-, Tisch- und Bettwäsche Strunkmann-Meister in Bielefeld erworben. Beide Unternehmen laufen wieder.

Die Geschichten geretteter Betriebe – und vor allem von den nicht geretteten wie etwa dem Berliner Unternehmen Wünsch Lederwaren, das insolvent ging – zeigen aber auch, dass die Branche Probleme hat. Das größte ist das Aussterben des Fachhandels, jener Geschäfte also, in denen man handgefertigte Uhren, Hemden oder Handschuhe kaufen kann. Die Öffnung hin zum Internethandel könne da die Lösung sein, sagt Schröder. Er plädiert für „einen Mittelweg zwischen Online- und Offlinevertrieb“.

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