Sonderthemen

Wiegen des Erfolgs

| Lesedauer: 4 Minuten
Jens Kohrs

Accelerator, Inkubatoren, Gründerzentren – welcher Standort passt zu welchem Startup?

An der Schöneberger Winterfeldtstraße bastelt Felix Anthonj am Service der Zukunft. Seit Ende 2014 residiert sein in Saarbrücken gegründetes Startup Flexperto dort im Haus Nummer 21, einem imposanten Backsteingebäude. Auf zwei Fabriketagen unterstützt die Deutsche Telekom dort Startup-Gründer. Mit Anthonjs Service-Plattform können Firmen wie Banken und Versicherungen Vertrieb und Beratung digitalisieren und so per Online-Video-Chat mit ihren Kunden kommunizieren. „Einschließlich Vertragsabschluss“, so der 25-Jährige.

Neben seinem Flexperto-
Team arbeiten sieben weitere Gründer im Telekom-Hub:raum. Der Inkubator des Konzerns hilft bis zu zehn Monate lang mit Co-Working-Space und 40 Mentoren. Und der „Brutkasten“ sorgt für Kontakte zu den Fachleuten und Kunden der Telekom. Seit der Eröffnung vor drei Jahren sei mit gut 100 Startups gearbeitet worden, sagt Hub:raum-Sprecherin Verena Vellmer. In zehn Teams habe der Konzern wie bei Flexperto investiert. Dabei können bis zu 300.000 Euro fließen, im Gegenzug verlangen die Bonner eine Beteiligung von zehn bis 15 Prozent. Neben der Finanzierung profitiere Flexperto vor allem vom Mentoring, „besonders bei der Personalsuche“, so Anthonj. „Wir werden bei allem unterstützt, zahlen keine Miete und können die Infrastruktur nutzen.“

Wie die Telekom suchen zahlreiche Investoren und Konzerne wie Microsoft, RWE, Henkel und Bayer den Draht zu Berlins quirliger Startup-Szene. Sie engagieren sich in Gründerzentren, eröffnen Inkubatoren oder initiieren Acceleratorprogramme, mit denen sie Startups meist über einige Monate intensiv helfen, um deren Entwicklung zu beschleunigen. Oder sie wählen einen eigenen Ansatz wie die Lufthansa: Deren Innovation Hub sucht gezielt Partner für neue Produkte rund ums Reisen.

„Die Unternehmen nutzen die Zusammenarbeit mit den Gründern, um ihre Innovationskraft zu erhöhen – und immer mehr kommen hinzu“, sagt Andrea Joras, Geschäftsführerin von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie: „Wir begleiten gerade VW beim Aufbau eines Digital Labs.“ Die enge Bindung an ein Unternehmen sollte allerdings überlegt sein, sagt Agnes von Matuschka, die an der Technischen Universität Berlin (TU) das Centre for Entrepreneurship (CfE) leitet: „Wenn Gründer Unternehmensanteile abgeben oder Exklusivitätsklauseln unterschreiben, sollten sie genau wissen, auf wen sie sich einlassen und was dafür geboten wird.“

Vielen Startups hilft stattdessen ein Arbeitsplatz in einem der zahlreichen Coworking Spaces in der Stadt. Dort können sie flexibel und günstig Schreibtische oder Büros mieten, Geräte nutzen, Trainingsangebote wahrnehmen, sich mit Gleichgesinnten austauschen und Netzwerke knüpfen. „Um den passenden Platz zu finden, sollte man viel testen und sich auch mal probeweise einmieten“, rät von Matuschka. Anbieter wie das Kreuzberger Betahaus stellen auch Kontakte zu Investoren und ausländischen Delegationen her.

Zudem haben auch Berlins Hochschulen einiges zu bieten. „Alle haben Anlaufstellen für Gründer und zudem oft eigene Inkubatoren“, sagt von Matuschka. Allein das CfE der TU unterstütze laufend 30 bis 40 Teams, von denen jedes Jahr etwa 20 ein Hightech-Startup gründeten. Im TU-Inkubator werden sie zwölf Monate lang nach festgelegten Meilensteinen betreut. Dazu zählen neben Finanzierungsfragen auch frühe Kontakte zu potenziellen Kunden in der Industrie. Zudem entsteht am Ernst-Reuter-Platz ein zusätzlicher Coworking Space mit Prototypenwerkstatt. „Dort sollen ab 2016 neben den Gründerteams aus Wissenschaftlern und Absolventen der TU Studierende an ihren Ideen arbeiten und von den Erfahrungen profitieren können“, so von Matuschka.

Laut Andrea Joras von Berlin Partner hätten sich allein aus den Hochschulen heraus seit 2010 rund 400 Unternehmen gegründet. Um die Firmen in der Stadt zu halten, stehen zahlreiche Gründerzentren und Technologieparks wie etwa in Adlershof und Berlin-Buch bereit, die mit relativ günstigen Mieten und langfristigen Erweiterungsmöglichkeiten locken.

Auch Felix Anthonj wird seinem Brutkasten in der Winterfeldtstraße mit Flexperto vermutlich schon bald entwachsen sein. In den vergangenen sechs Monaten hat er sein Team von fünf auf 25 Mitarbeiter aufgestockt, für 2016 ist die nächste Finanzierungsrunde geplant. „Einen größeren siebenstelligen Betrag“ peilt der 25-Jährige an, denn Flexperto soll jetzt international expandieren.