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Hören Sie auf Ihre Tochter, Salma Hayek?

Salma Hayek, Schauspielerin

Eine Frau wie ein Feuerwerk. Salma Hayek springt von ihrem Sessel hoch und begrüßt den Journalisten mit einer überschwänglichen Umarmung. Erst jetzt fällt auf, dass die 48-jährige US-Mexikanerin an diesem Sommertag auf einem Hoteldach in Cannes barfuß ist. Dazu trägt sie ein ärmelloses, enganliegendes Kleid in rotschwarzem Reptillook. Im Gespräch gestikuliert sie wild und verstellt immer wieder ihre Stimme, lacht laut und dreckig, hört aber auch aufmerksam zu. Unaufhaltsam ist auch ihre Rolle im schaurig-schönen „Das Märchen der Märchen“, der nächste Woche anläuft. Darin spielt sie eine Königin mit unstillbarem Kinderwunsch, für den sie zu drastischen Mitteln greift.

Berliner Illustrirte Zeitung: In der drastischsten Szene in Ihrem neuen Film „Das Märchen der Märchen“ verspeisen sie das blutige Herz eines Seeungeheuers. Ist Ihnen dabei nicht selbst schlecht geworden?

Salma Hayek: Erinnern Sie mich bitte nicht daran! Wir mussten die Szene etliche Male drehen, mit verschiedenen Einstellungen, deswegen brauchten wir auch mehr als nur ein Herz. Zuvor wurde ich gefragt, worauf ich allergisch bin. Also gab ich ihnen eine Liste mit Inhaltsstoffen. Irgendwann kam jemand mit diesem Riesenbatzen an und ich fragte, woraus dieses Ding besteht. Die Antwort: „Ach, aus ganz Vielem...“ Was denn? „Es schmeckt süß.“ Aber was ist es?! „Keine Sorge, Sie sind nicht allergisch dagegen.“ Und dann ging er einfach weg.

Sie sehen beim Reinbeißen gar nicht glücklich aus...

Ich war echt sauer. Es hat mich dauernd gewürgt. Und ich machte mir tatsächlich Sorgen, weil ich Unterzucker habe. Während meiner Schwangerschaft hatte ich Diabetes. Und Kunstblut für Filme ist total süß, mir taten richtig die Zähne davon weh! Dazu kam noch allerlei anderes undefinierbares Zeug, aus dem sie dieses monströse Herz gebastelt haben. Einmal habe ich reingebissen und spürte irgendwas Wurmartiges in meinem Mund. Ich bin ausgeflippt und habe lautstark klar gemacht, dass auch ich meine Grenzen habe. Bis hierher und nicht weiter! Sagt mir, was dieses Ding da ist! „Ach, das... das ist Pasta.“ Wozu das denn? „Na, das sind die Arterien.“ Er wollte das Herz so lebensecht wie möglich machen, selbst innendrin sollte die Textur authentisch wirken. „Mangia, mangia. Iss es ruhig, dagegen bist du nicht allergisch!“

Oje...

Zum Glück war meine siebenjährige Tochter Valentina mit am Set. Und sie wusste gleich einen Trick für mich. „Mama, beiß doch erst vorn in den Fleischklops und dann tu so, als ob du in die Rückseite beißt. Da kann dich niemand sehen und Du kannst ausspucken, was du im Mund hast.“

Sehr clever, Ihre Tochter. Eine geborene Regisseurin?

Und wie! Bei Dreharbeiten sitzt sie immer vorm Monitor und liebt es, mir Regieanweisungen zu geben. Ich versuche sie dann, in ihre Schranken zu weisen. Ich sage ihr: „Liebes, du bist nicht Teil der Crew, du arbeitest hier nicht. Du kannst zuschauen und was lernen, aber du führst hier nicht Regie.“ Aber insgeheim ist mir klar, dass ihre Anmerkungen verdammt gut sind und ich mache natürlich doch, was sie sagt. Sie ist so aufmerksam, ihr entgeht kein Detail. Und das in ihrem Alter!

Ist sie bei Dreharbeiten immer dabei?

Bisher fast immer, aber ich versuche es in Zukunft zu reduzieren. Sie soll nicht permanent meinen Berufsalltag beobachten, sondern ihre eigene Kindheit genießen und sich auf die Schule konzentrieren. Es ist wichtig, dass sie Stabilität hat. Der Wahnsinn bei Dreharbeiten lenkt da nur ab.

Im Märchenfilm spielen Sie eine sehr besitzergreifende Mutter. Entspricht das Ihrem Naturell?

Ich habe eine schon fast pathologische Auffassung vom Muttersein, einen starken Beschützerinstinkt, nicht nur meiner Tochter gegenüber. Ich habe einen Gnadenhof für gerettete Tiere, ich verrate Ihnen besser nicht, wie viele. Nur so viel: es sind allein neun Straßenhunde, es waren sogar mal zwölf. Es ist wie eine Sucht. Jedes Mal, wenn ich bei Drehs im Ausland einen sehe, bringe ich es nicht übers Herz, ihn allein zu lassen. Dabei musste ich meinem Mann hoch und heilig versprechen, dass ich keine weiteren rette.

Klingt nicht, als ob Sie sich daran gehalten haben.

Ich hatte einen Plan: Ich tue so, als hätte ich eine Affäre. Und wenn ich ihm dann sage, dass es ein Hund ist, wird er so erleichtert und glücklich sein, dass ich ihn behalten darf. Also rief ich ihn von unterwegs an und hinterließ ganz kleinlaut eine Nachricht auf seiner Mailbox: „Ich muss dir was ganz Schlimmes beichten, es wird dir weh tun. Ruf mich bitte zurück.“ Als wir kurz darauf telefonierten, gab ich mein Bestes und säuselte: „Es tut mir so leid, die Dreharbeiten sind so schwierig und ich fühle mich so einsam hier... ich brauchte jemanden, der mir ein bisschen Liebe und Zuneigung gibt...“ – „Bitte sag jetzt nicht, dass du schon wieder einen Hund aufgegabelt hast!“ Er hatte mich sofort ertappt. „Lass uns skypen und ich zeig ihn dir.“ – „Ich werde den Teufel tun und drangehen! Ich will den Hund nicht sehen! Du bist verrückt!“

Lassen Sie mich raten, wer am Ende gesiegt hat...

Mein Mann hat den Hund am Ende natürlich gesehen. Weil ich ihn einfach mitgenommen habe. Wir sind dann sogar zusammen mit ihm in den Urlaub, weil er noch ein Welpe war und ich ihn nicht allein lassen konnte. Und natürlich haben wir uns beide hoffnungslos in ihn verliebt.

Nochmal zurück zum Film. Warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis Sie in einem Märchenfilm mitgespielt haben?

Ich entspreche einfach nicht dem üblichen Frauenbild, das in den meisten Märchen vorherrscht. Zum Glück! Die konventionellen Märchen haben mich auch nie interessiert.

Haben Sie als Kind keine gelesen?

Nein, brauchte ich auch nicht. Denn meine Großmutter, die eine verkannte Autorin war, hat mir jeden Abend brillante Geschichten erzählt. Und sie war eine tolle Erzählerin. Mit ihr begann meine Liebe für Geschichten. Aber auch meine Schlafprobleme, weil ihre Geschichten ausufernd waren und ich dauernd Zwischenfragen stellte. Wenn sie dann irgendwann fertig war, machte ich die ganze Nacht kein Auge zu.

Erzählen Sie Ihrer Tochter Gutenachtgeschichten?

Ich lese ihr vor. Aber es macht mich immer wieder traurig, weil mir klar wird, dass meine Großmutter eine viel bessere Erzählerin war als all die bekannten Märchenschreiber.

Inwiefern?

Heute ist mir klar, dass es nicht bloß Geschichten waren. Sie hat mich damit programmiert. Auch wenn es Fantasiewelten mit Prinzen und Bösewichtern waren, hatten sie immer politische und soziale Botschaften über Geldgier, Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit. Das war schon ein anderes Kaliber als Rotkäppchen. Durch diese Geschichten wurde ich zu dem bewusst lebenden Menschen, der ich bin.

Neben Ihrer Arbeit als Schauspielerin produzieren Sie auch Filme...

So nebenbei ist das nicht! Das Biopic „Frida“ über die Malerin Frida Kahlo hat mich acht Jahre meines Lebens gekostet.

..und Sie engagieren sich in Hilfsprojekten in Indien, Afrika und Südamerika. Kommt Ihnen dagegen die Filmwelt bisweilen oberflächlich vor?

Für mich hängt es zusammen, weil alles aus meiner Empathie für Menschen kommt. Meine Faszination für Charaktere und Geschichten ebenso wie meine humanitäre Arbeit. Und ich meine damit alle Menschen, nicht nur mich und meine kleine Welt. Ich glaube fest daran, dass sich die Menschheit zum Besseren entwickelt. Und dazu gehört es auch, Fehler zu machen, das ist Teil des Menschseins.

Wie erhalten Sie sich diese Leidenschaft und Offenheit?

Aus genau dieser Weltsicht. Wenn ich Ihnen dieses Interview gebe, halte ich Sie nicht für den Bösen Wolf und mich für das kleine, hilflose Rotkäppchen. Ich interessiere mich für Ihre Fragen. Ich will nicht einfach Antworten wie ein Roboter geben, ich will richtig zuhören und ein Gespräch führen. Es ist spannend, wenn ich für einen Film von Land zu Land reise, wo welche Fragen gestellt werden. Jede Kultur hat andere Tendenzen, das ist fast wie eine anthropologische Studie.

Zum Beispiel?

Als ich mit Antonio Banderas in Italien war, um „Der Gestiefelte Kater“ vorzustellen, stellten uns Journalisten dauernd Fragen über die Wirtschaftskrise im Land, es hat sie wirklich beschäftigt. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin heulend rausgelaufen. Oder Ihr Deutschen: Ihr redet wahnsinnig gern über Psychologie. Einer fragte mich: „Wovon träumt Ihre Katze, wenn sie tagsüber döst und was bedeutet es?“ Und ich nehme diese Frage ernst! Wovon träumt Kitty Samtpfote? Ich lasse mich treiben und freue mich über solche Gedankenspiele.

Vor einer Weile haben Sie auch die sozialen Medien für sich entdeckt und posten fleißig Fotos auf Instagram...

Ja, aber bei Selfies versage ich regelmäßig! Meine Arme sind zu kurz, mein Kinn sieht riesig und deformiert aus, ich habe keine Ahnung, welcher Winkel vorteilhaft ist. Oft bin ich nicht mal ganz im Bild. Ich bin eine Selfie-Null! Auch Twitter ist eine Katastrophe. Ich habe nichts mitzuteilen, in zwei Monaten habe ich vielleicht zehnmal getweetet. Ich rede lieber mit Leuten.