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Ab ins Wasser!

Beim Kanu-Polo muss jeder Spieler Angreifer, Verteidiger und Torwart sein. In Berlin werden jetzt die Deutschen Meisterschaften ausgetragen. In fünf Jahren könnte die Sportart auch olympisch werden. Ein Besuch beim Kajak-Club Nord-West 1925

Wie ein jadegrüner Spiegel liegt der Hohenzollernkanal zwischen sommerlicher Vegetation. An einer Wendebucht für Schiffe, die zur Zeit des Kalten Kriegs die Senatskohlereserve gegenüber löschten, liegt das Vereinshaus des Kajak-Clubs Nord-West 1925. Es könnte ein sehr idyllischer Ort sein, würden nicht Flugzeuge im Minutentakt mit lautem Düsengeräusch 300 Meter über den Köpfen hinwegdonnern. "Man gewöhnt sich daran", sagt Frank Göbel, Vorsitzender des Reinickendorfer Spitzenvereins für Kanu-Polo. Gerade trainieren rund zwanzig Männer der Bundesliga-Mannschaft in der Wendebucht.

Wie ein Fischschwarm, der sich ums Essen balgt, sieht es aus, wenn zwei Teams beim Kanu-Polo um den blau-gelben Wasserball kämpfen. Es spritzt und brodelt, Körper und Boote prallen gegeneinander. Im Gegensatz zu den stillen Fischen schreien und rufen die Kanu-Polo-Spieler aber laut. Spitznamen hallen übers Wasser und Codewörter für "Hintermann" oder "blinden Pass nach links oder rechts".

Wie Wasserzentauren wirken die Männer beim Training, als seien Boot und Körper eins. Mit unglaublicher Geschwindigkeit flitzen sie über das 35 mal 23 Meter große Spielfeld, donnern mit den schwarzen Karbonbooten aufeinander zu, fahren übereinander, schubsen und schieben in den Zweikämpfen. Geschützt sind sie durch vergitterte Helme und dicke Westen, die Schläge mit dem Paddel abmildern sollen.

Die Kanu-Polo-Spieler können genauso schnell vorwärts wie rückwärts paddeln, führen den Ball mit dem Paddel und mit der Hand. Beim Torwurf biegen die Angreifer den Körper wie eine Bogensehne nach hinten und schnellen dann nach vorne. Pfeilschnell fliegt der Ball aufs Tor. Das ist nur einen Meter mal 1,50 groß, und hängt zwei Meter über dem Wasser. In den meisten Fällen vereitelt ein Spieler mit seinem Paddel ein Tor. Alle paar Sekunden fällt einer der Polo-Kanuten mit seinem Boot ins Wasser und taucht sofort wieder auf.

"Die Eskimo- oder auch Kenterrolle muss man in den oberen Spielklassen aus dem Effeff beherrschen", sagt Sven Westphal, der jahrelang die beiden Bundesliga-Mannschaften des Kanu-Vereins trainierte. Dabei müssen die Männer und Frauen in maximal drei Meter langen Booten durch einen geschickten Körperschwung entweder eine volle oder eine halbe Rolle machen und können sofort weiterfahren. "Unsere Nachwuchsspieler üben das so lange, bis sie es können", erklärt Westphal. Wichtig ist dabei, dass die Spritzdecke Körper und Bootseinstieg komplett abdichtet. So dringt kein Wasser ins Boot.

Sowohl die Männer wie die Frauen des Kajak-Clubs Nord-West spielen in der 1. Bundesliga. Bei den Männern sind zwölf Mannschaften in der 1. Liga, bei den Frauen 8. Vom 6. bis 9. August trägt der Reinickendorfer Verein die Deutschen Kanu-Polo-Meisterschaften auf der Regattastrecke in Grünau aus. "Das geht in Berlin nur dort, weil in Grünau sieben Wasserspielfelder nebeneinander zur Verfügung stehen", erläutert Frank Göbel. Bei den Meisterschaften der Männer und Frauen, sowie der U 21, der Jugend- und Schülermannschaften treffen rund 100 Teams mit knapp 1000 Spielerinnen und Spielern aufeinander. Seit einem Jahr planen die Reinickendorfer Vereinsmitglieder das Turnier. Alle Arbeiten werden ehrenamtlich verrichtet, ohne jegliche Bezahlung. "Equipment und Material wird über Spenden und Startgelder finanziert", so Göbel. Ihn plagt derzeit die Sorge, dass seine Mannschaften nicht mehr in der Bucht neben dem Vereinsheim trainieren können. "Naturschützer fordern eine Renaturierung der Bucht."

Für Bundesligaspieler Robin Heile zählen die Deutschen Meisterschaften zu den Highlights der Saison. Der 24-Jährige sieht aus wie ein Modellathlet. Aus einem breiten Kreuz wachsen muskelbepackte Arme, Fett ist für den BWL-Studenten ein Fremdwort. Kein Wunder, trainiert er doch vier- bis sechsmal mehrere Stunden in der Woche. Jetzt im Sommer ist das noch ganz angenehm, Wasser und Luft sind warm. Doch das Training auf dem Wasser geht auch während der anderen Jahreszeiten weiter. "Wir sind auf dem Wasser, bis es zufriert", sagt Heile.

Neben dem Spieltraining fahren die Spieler kilometerweite Touren. Dabei gibt es immer wieder Sprints, um die Grundschnelligkeit zu erhalten. "Außerdem trainieren wir mehrmals wöchentlich im Kraftraum, entweder zu Hause oder hier im Vereinsheim", erzählt Julian Prescher. Der U-21-Spieler ist seit sieben Jahren dabei und studiert ebenfalls BWL. Ihn fasziniert am Kanu-Polo "die Komplexität des Sports. Hier ist man gleichzeitig Angreifer und Verteidiger. Und Torwart." Das ist eine Besonderheit dieses Mannschaftswassersports. Jeder Spieler kann bei einem gegnerischen Angriff unter das Tor fahren. Dann ist er Torwart und darf als Einziger nicht angegriffen und geschubst werden. "Deshalb fallen in den Spielen in der Regel nicht mehr als maximal 4 bis 5 Tore", berichtet Prescher.

Wie hat man bei vier- bis fünfmal Training die Woche noch Zeit für Privatleben und Freundin? "Ganz einfach", sagen Heile und Prescher, "unsere Freundinnen spielen ebenfalls Kanu-Polo hier im Verein." Heile ist mit Fabienne Thöle zusammen. Die 24-Jährige studiert Kommunikationswissenschaften an der FU und schwärmt von dem "einmaligen Zusammenhalt im Team". Schon als Kind sei sie viel geschwommen, richtig Spaß hat sie aber erst "beim Kanu-Polo". Neben dem Wassertraining läuft sie noch ein- bis zweimal die Woche. Zu ihren Erfolgen zählen die Deutsche Frauenmeisterschaften 2009, 2012 und der Sieg mit der Nationalmannschaft der Frauen bei den Weltmeisterschaften und den World Games im selben Jahr. Bei den World Games werden Aspiranten für Olympia-Sportarten getestet.

Fabienne wohnt in einer Wohngemeinschaft mit Nathalie Hermann in Spandau. Die U-21-Nationalspielerin ist mit Julian Prescher befreundet und studiert Volkswirtschaftslehre an der HU. Auch sie ist begeistert vom Teamgeist der Polo-Kanuten und hat mit ihren gerade 19 Jahren ebenfalls diverse Titel geholt. Wichtig ist ihr, dass auch noch genügend Freizeit bleibt, um "das normale Pärchenleben zu genießen. Ins Kino gehen und gut Essen." Zum Beispiel Sushi. Die asiatischen Rohfischspezialitäten geben Kraft, haben aber nicht zu viele Kalorien. "Oldtimer" im Verein ist der 33-jährige Robert Pest, der wie Heile und Prescher auch in der Nationalmannschaft spielt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Juristischen Fakultät an der Humboldt-Universität begann 1993 mit dem Kanu-Polo. Seine größten Erfolge waren die Europameisterschaften 2005 in Madrid und 2013 im polnischen Poznan sowie die Teilnahme an den World Games 2013 in der kolumbianischen Stadt Cali. Für Robert Pest bedeutet Kanu-Polo die Verbindung von allem, was er mag: "Wasser, Teamsport, Körperlichkeit, aber auch ganz viel Taktik." Beim Spiel will er nur zwei Dinge, "Spaß haben und gewinnen". Jungtalent Dennis Werner spielt in der Bundesliga und der U 21. Mit elf kam er zum Kanu-Polo. "Fußball war mir nichts", sagt er und hebt hervor, wie wichtig bei dem Wassersport "Timing und Intuition sind. Wenn ich einen Konter fahre, bin ich beim Ausgangspunkt oft mit dem Rücken zum Spiel. Dann muss ich wissen, wo ein Mitspieler ist und ihn blind anwerfen." Erstaunlich ist, aus welchen Positionen aufs Tor geworfen wird. Von ganz weit hinten, wenn sich noch kein gegnerischer Torwart positioniert hat, aus spitzem Winkel, ohne zu schauen, mit dem Rücken zum gegnerischen Tor.

Die nächsten anderthalb Stunden des Trainings beinhalten Sprints mit Torwurf, eins zu eins Situationen und Probespiele. Zwei Mannschaften mit jeweils acht Männern oder Frauen bestreiten ein Match. Auf dem Wasser dürfen nur fünf Spieler pro Team sein, die Einwechslungen finden "fliegend" statt. Gespielt wird zweimal 10 Minuten, mit drei Minuten Pause. Um Kanu-Polo für die Zuschauer noch attraktiver zu machen, wurden die Regeln verschärft. "Ein Angriff muss nach 60 Sekunden zu einem Torwurf führen. Außerdem muss der Ball alle fünf Sekunden um einen Meter bewegt werden", erläutert Sven Westphal. Damit soll sichergestellt werden, dass keine Mannschaft "mauert".

"Bei den Spielen 2020 in Tokyo könnte Kanu-Polo erstmals zum offiziellen Programm zählen", hofft der Vereinsvorsitzende Göbel. "Spätestens 2024 ist es so weit." Allerdings fürchtet Trainer Sven Westphal, dass dafür noch einmal das Reglement überarbeitet wird. "Das bedeutet möglicherweise, dass sich die Abmessungen der Boote und Paddel ändern." Das wäre für Spielerinnen und Spieler gar nicht gut. Denn ein neues Boot kostet zwischen 1500 und 2000 Euro. Die ultraleichten aus Carbon und Kevlar hergestellten Paddel schlagen noch einmal mit bis zu 500 Euro zu Buche. "Und alle drei Jahre braucht ein Bundesligaspieler eine neue Ausrüstung. Die privat bezahlt werden muss", erläutert sich Westphal. Über solche Bedingungen können Fußballer oder Radsportler nur milde lächeln.

"Dafür haben wir hier einen unglaublichen Zusammenhalt und viel Enthusiasmus", berichtet Robin Heile. Die zwölf Bundesliga-Mannschaften der Männer spielen an vier Spieltagen pro Saison gegeneinander und treffen dann, ähnlich wie beim Eishockey oder Basketball, zu Play-offs aufeinander. Bei den Frauen sind es zwei Spieltage.

Die Deutschen Meisterschaften im Kanu-Polo beginnen am Donnerstag, 6. August. Am ersten Tag werden Relegationsspiele ausgetragen, bei denen die ersten beiden Teams der Ligen 2 bis 4 in die jeweils höhere Klasse aufsteigen, die zwei letzten Teams der Gruppen steigen ab. Die Meisterrunde beginnt am Freitag. Hier treten die Bundesliga-Damen und -Herren an, U-21-Herren, Jugend und Schüler. Die Spiele finden von halb acht morgens bis circa acht Uhr abends statt. Die Finals werden am Sonntag, 9. August, von 13 bis 17 Uhr ausgetragen.

Informationen: www.kanupolo-dm.de

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