Lehrer-Initiative

Kritik im Netz - Senatsverwaltung droht Lehrern mit Strafen

Anonyme Einträge im Internet prangern Missstände an Berliner Schulen an. Die Bildungsbehörde setzt die Macher der Initiative unter Druck.

Die personelle Situation an vielen Berliner Schulen ist schlecht. Die Personaldecke ist so dünn, dass immer öfter Vertretungskräfte eingestellt werden müssen, die nicht entsprechend ausgebildet sind. Sogar Klassenleiteraufgaben und Abiturkurse müssen diese Vertretungskräfte übernehmen. Um diese Missstände aufzudecken, haben junge Lehrer jetzt eine Internetseite eingerichtet, auf der Lehrer, Eltern und Schüler die Möglichkeit haben, unhaltbare Zustände an ihren Schulen zu melden. Inzwischen gibt es dort bereits mehrere Einträge, in denen geschildert wird, wo Unterricht fachfremd oder durch Studenten vertreten wurde.

Wie brisant das Thema ist, zeigt die aufgeschreckte Reaktion der Senatsbildungsverwaltung. Offenbar versucht sie, die Urheber der anonymen Einträge an den Schulen ausfindig zu machen, um sie für die Kommentare zur Rechenschaft zu ziehen. Doris Dreißig vom Bezirkselternausschuss Tempelhof-Schöneberg bestätigte Morgenpost Online, dass Lehrer und Schulleiter angerufen und unter Druck gesetzt wurden. Sogar von Dienstaufsichtsbeschwerden soll die Rede gewesen sein.

Die Macher der Internetseite sind Lehrer der Initiative Bildet Berlin, die sich für die Qualität an den Berliner Schulen starkmacht. Florian Bublys, Initiator der Plattform und Gründer von Bildet Berlin, sagte: "Wir haben keine andere Möglichkeit, den Senat und den Regierenden Bürgermeister unter Druck zu setzen. Ziel ist es, die Unterrichtsqualität zu verbessern und auch bessere Arbeitsbedingungen für Lehrer zu erreichen, damit die Pädagogen angesichts des Fachkräftemangels nicht in andere Bundesländer abwandern."

Nach Einschätzung der Bildungsverwaltung dagegen sieht die Personalsituation an den Berliner Schulen entspannt aus. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) habe die Initiative aufgefordert, ihr konkrete Fälle, die den kritisierten Qualitätsverlust an Berliner Schulen deutlich machen würden, zu nennen. Dies sei jedoch bis jetzt nicht geschehen, sagte die Sprecherin der Senatorin, Beate Stoffers. Ungeachtet dessen habe die Senatsbildungsverwaltung jetzt jedoch eine zentrale Stelle eingerichtet, die überprüfen soll, ob die von den Schulen eingesetzten Vertretungslehrer für den Unterricht geeignet sind, so Stoffers.

"Bei einer Personaldecke von 100 Prozent reißen Krankheiten schnell Lücken", sagte Katrin Schultze-Berndt vom Fachausschuss Schule in der CDU. Die Schulleiter könnten zwar mit dem Personalkostenbudget Vertretungskräfte beschäftigen, doch häufig könne die nötige Qualität nicht geboten werden, da nicht ausreichend Bewerber zur Verfügung stünden. Die Sorge der Eltern und Lehrer sei berechtigt. Dass sie sich ein Internetforum suchen, um Missstände aufzudecken, sei ein Zeichen dafür, dass sie Angst hätten, sich offen zu äußern oder auf anderem Weg kein Gehör gefunden hätten, so Schulze-Berndt. Um Lösungen zu finden, sei es wichtig, an einer Vertrauensbasis zwischen den Beteiligten zu arbeiten.

Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses, betonte, die Missstände bei der Personalausstattung seien täglich von den Eltern gelebte Realität. "Wenn Eltern offen darüber sprechen, sollte die Bildungsverwaltung zeitgemäßer reagieren", sagt Peiritsch. Nur wenn die Probleme offen beim Namen genannt würden, könne es ein konstruktives Miteinander geben. Zuletzt hatte der Landeselternausschuss im April den Maulkorb für Schulleiter anlässlich einer Abfrage der Eltern kritisiert. Der Elternausschuss wollte damals von den Schulen wissen, wie viele Schulhelfer beschäftigt werden. Die Schulleiter wurden jedoch von Bildungssenatorin Scheeres angewiesen, nicht auf die Fragen zu antworten.

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