Tod eines Drogendealers

Arzt erneut wegen Brechmitteleinsatz vor Gericht

Der Tod eines mutmaßlichen Drogendealers in Bremen wird neu aufgerollt. Angeklagt ist ein Arzt, der dem Mann das Mittel verabreichte. Der 35-Jährige fiel ins Koma.

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Mehr als sechs Jahre nach einem tödlichen Einsatz von Brechmitteln bei einem mutmaßlichen Drogendealer im Gewahrsam der Bremer Polizei wird der Fall neu aufgerollt. Angeklagt ist vor dem Bremer Landgericht ein 46 Jahre alter Arzt. Er muss sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten, nachdem der Bundesgerichtshof (BGH) den Freispruch vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung im April des vergangenen Jahres aufgehoben und den Fall an das Schwurgericht zurückverwiesen hatte.

Dem Polizeiarzt wird vorgeworfen, dem mutmaßlichen Drogenhändler aus Sierra Leone im Dezember 2004 zwangsweise Brechmittel sowie einige Liter Wasser eingeflößt zu haben. Ziel war es, auf diese Weise an die verschluckten Drogen zu gelangen. Der Mann hatte sich dabei gegen den Würgereiz gewehrt, war ins Koma gefallen und einige Tage später gestorben. Die genaue Todesursache ist unklar.

Der Arzt war im Dezember 2008 vom Landgericht freigesprochen worden. Fahrlässigkeit sei ihm nicht vorzuwerfen, hieß es. Der aus Kasachstan stammende Mann sei wegen mangelnder Berufspraxis mit der Situation überfordert gewesen. Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt und eine heftige politische Debatte ausgelöst.

Brechmitteleinsatz unter „menschenunwürdigen Umständen“

Die Nebenklage hatte gegen den Freispruch erfolgreich Revision eingelegt. Nach Ansicht des BGH besteht eine mögliche Schuld des Angeklagten darin, dass er den Brechmittel-Einsatz nach einer ersten Ohnmacht des Opfers unter „menschenunwürdigen Umständen“ fortgesetzt habe.

„Ich erhoffe mir keine bestimmte Verurteilung“, sagte die Anwältin Elke Maleika, die die Mutter und den zwischenzeitlich nach unbestätigten Angaben verstorbenen Bruder des Verstorbenen vertritt. Ziel des neuen Hauptverfahrens sei es, den Tathergang aufzuklären und die Todesursache zu bestimmen.

Ein Polizist schilderte am Dienstag als Zeuge vor Gericht das Geschehen. Der mutmaßlichen Drogenhändler habe sich geweigert, das Brechmittel freiwillig zu nehmen. Daher sei er nach einer Untersuchung auf einem Stuhl fixiert und mit einer Magensonde versorgt worden. Während der mehr als einstündigen Prozedur sei massiv Wasser gegeben worden. Der Arzt habe die Sonde mehrfach legen müssen. Dabei habe sich der Zustand des Mannes derart verschlechtert, dass ihn ein zu Hilfe gerufener Notarzt versorgen musste. Nach weiteren 20 Minuten sei der mutmaßliche Drogendealer ins Koma gefallen. Er starb knapp zwei Wochen später in einem Krankenhaus.

Richter: Auch erweiterter Tatbestand kommt in Frage

Nach Ansicht des Vorsitzenden Richters Helmut Kellermann ist statt einer Verurteilung des Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung auch ein Urteil wegen Körperverletzung mit Todesfolge nicht auszuschließen. Der BGH hatte auch diese Möglichkeit erwogen, da die sogenannte Exkorporation – das Erbrechen der Kokainkugeln - fortgesetzt wurde, nachdem bereits eine von ihnen hervorgetreten war. Deshalb komme auch der erweiterte Tatbestand in Frage, sagte Kellermann.

Ein Ermittlungsverfahren gegen die Polizeibeamten, den Notarzt und den Leiter des ärztlichen Beweissicherungsdienstes hatte die Staatsanwaltschaft nach einer Vorprüfung abgelehnt.

Der Prozess ist auf 18 Verhandlungstage angesetzt, das erste Hauptverfahren dauerte 24 Tage. Der nächste Termin ist für Freitag (11. März) angesetzt.