Gastronomie

Bar am Viktoriapark: Rum und Wagemut in Kreuzberg

In der Bar am Viktoriapark will Kröger die beste Spirituosenauswahl der Welt anbieten. Einige Flaschen stammen aus eigener Produktion.

Nicolas Kröger in seiner Bar „Wagemut“.

Nicolas Kröger in seiner Bar „Wagemut“.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Hinter dem Tresen an der Kreuzbergstraße 71 hängt ein Säbel. Jeder, der bei Nicolas Kröger eine Flasche Champagner bestellt, darf sie selbst sabrieren. Doch das ist nicht das einzig altertümliche Detail in der Bar „Wagemut“. Direkt beim Eintreten riecht es nach schweren Blüten und Zigarren. Bilder von rauchverhangenen Gentlemen’s Clubs kommen einem in den Sinn, obwohl Frauen hier ebenfalls gerngesehene Gäste sind.

Der holzverkleidete Raum steckt bis zur Decke voller Vergangenheit. Genauer gesagt, voller Geschichten in Flaschen. Raritäten aus abgebrannten Destillerien oder eingestellten Produktionen, die Rumration der Royal British Navy aus dem Jahr 1930 oder ein Macallan Easter Elchies Whisky für 4000 Euro pro Flasche – Kröger hat sie alle. Seit seinem 17. Lebensjahr sammelt der gebürtige Norddeutsche Spirituosen. Sein Ziel: Nichts weniger als die Bar mit der besten Auswahl der Welt zu werden. Eine Liste seiner Bestände werde aktuell bei der Tales of the Cocktails Foundation in New Orleans gesichtet, die den Titel offiziell vergibt. Zuletzt an das „Atlas“ in Singapur.

Berlin soll die weltbeste Bar bekommen

„Wir können hier jeden Obernerd komplett bedienen“, sagt der 28-Jährige – und schließt sich bei dieser Bezeichnung selbst mit ein. Nicolas Kröger interessierte sich schon als Kind für das Kombinieren von Aromen. „Damals wollte ich Koch werden. Aber ich hatte ja keine Ahnung, ich hatte ja noch nie Alkohol getrunken“, sagt er. Das Versäumnis holte er dank seines französischen Großvaters jedoch frühzeitig nach. Der ließ ihn bereits als 14-Jährigen Wein verkosten, schenkte seinem Enkel einen ersten Destillierapparat und legte so den Grundstein für eine bis heute andauernde Leidenschaft.

Versuchsobjekte waren zunächst die eigenen Freunde. „Die hatten dadurch zwar umsonst Alkohol, aber die Qualität war am Anfang natürlich alles andere als gut.“ Doch Besserung nahte. Da er nach der Realschule altersbedingt noch nicht Schnapsbrenner werden durfte, absolvierte Kröger zunächst eine Ausbildung zum Hotelfachmann und Sommelier in Hamburg, bevor es ihn ins nordenglische York verschlug.

Vom Schnapsbrenner zum Gastronom

Dort baute er sich ein florierendes Schwarzbrennerimperium auf, das sich vor allem unter Studenten großer Beliebtheit erfreute. „Ich kann das heute ganz entspannt sagen, das ist verjährt“, so Kröger. Es folgten Stationen im „Ritz“ in London, im „One and Only“-Resort auf den Malediven und ein Jahr auf der South African Butler Academy in Kapstadt, wo der damals Anfang 20-Jährige dem perfekten Service nachstrebte. Anschließend verabschiedete er sich von der Luxus-Hotellerie und ging nach Berlin in die Bar „Lebensstern“, leitete dann das Rum Depot in Schöneberg und eröffnete Mitte 2018 seine eigene Bar.

Zwölf Jahre hat er dafür gesammelt, rund 2500 Spirituosen sind in der Bar „Wagemut“ vorrätig. Kröger, der alle selbst ausgewählt hat, fungiert hauptsächlich als Berater, die Konzeption der Drinks überlässt er seinen Bartendern. Die versuchen, ihren Gästen jeden noch so absurden Wunsch zu erfüllen. „Willst du Etepetete, machen wir dir sehr gern Etepetete. Aber dann musst du auch Etepetete zahlen“, sagt Kröger.

Ein Glas Whiskey kostet bis zu 400 Euro

Trotz Preisen von bis zu 400 Euro pro Glas, beispielsweise für einen Barley Whisky von 1939, versteht sich die Bar „Wagemut“ aber nicht als Anlaufstelle für Snobs, die sich ihren Drink Ribéry-gleich mit großer Aufmerksamkeit und Goldüberzug servieren lassen. „Im Luxussegment verkauft man durch Ego. Da sind wir nicht der Ort für“, sagt er. Hokuspokus um teure Flaschen sei trotz aller Leidenschaft nicht seine Sache: „Machen wir uns nichts vor, wie soll etwas schmecken, dass es 400 Euro wert ist?“ In solchen Fällen gehe es schlicht ums Geld oder ums Habenwollen.

Neben den Schätzen für Liebhaber oder Konsumwillige gibt es deshalb auch Bier für 2,50 Euro und einen soliden Gin Tonic für 9. Generell gilt: Keine Spirituose ist ein reines Sammlerstück. Alles wird aufgemacht und zur Not auch gemixt. „Am Ende ist es ein Spaßprodukt“, sagt Nicolas Kröger. „Wenn du das mit Cola besser findest: Gönn dir. Ich muss es ja nicht verstehen.“ Das gilt übrigens auch für seine eigenen Tropfen. Denn die Spirituosenproduktion hat er mittlerweile legalisiert. Seit 2014 unter dem Namen N. Kröger Fine Spirits hat er im September unter dem Label „Wagemut“ auf dem German Rum Festival seinen neuen PX Cask Rum vorgestellt.

Die Idee sei aus der Not geboren, sagt Kröger, da er einige Geschmackskombinationen, die er im Kopf hatte, auf dem Markt einfach nicht gefunden habe. Also importiert er Rum aus Barbados und lässt ihn für eine komplexe fruchtige Süße und holzige Würze in feuchten Sherry-Fässern ruhen. Abgefüllt wird unfiltriert und ohne Zucker- und Farbstoffe in Kremmen. Rum ist der neue Whisky, da ist sich Nicolas Kröger sicher. Neben der Aromenvielfalt habe der Zuckerrohrbrand nämlich noch einen weiteren Vorteil: „Rum destilliere ich heute und verkaufe ihn morgen. Bei Whisky muss man ganz schön im Voraus planen.“