Drinks

"Wir sind der Berliner Barkultur entwachsen"

In zehn Jahren hat das Berliner Unternehmen Thomas Henry Bars weltweit erobert. Ein Treffen mit Geschäftsführerin Sigrid Bachert.

Sigrid Bachert ist seit 2017 die Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens Thomas Henry.

Sigrid Bachert ist seit 2017 die Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens Thomas Henry.

Foto: Maurizio Gambarini

In den beiden Fabriketagen von Thomas Henry an der Bessemerstraße in Schöneberg ist es menschenleer. Nur in der Ferne wird für Renovierungsarbeiten leise gehämmert. Die 85 Mitarbeiter, die hier normalerweise ein und aus gehen, hat das Homeoffice geschluckt. An der hauseigenen Bar, wo sonst Büropartys gefeiert, neue Drinks kreiert und Videos für die sozialen Medien gedreht werden, sitzt allein Sigrid Bachert. Seit 2017 ist sie Geschäftsführerin des Herstellers für Bitterlimonaden, die ihren Weg von Berlin aus in die besten Bars der Welt gefunden haben. Das Jubiläum zum zehnjährigen Bestehen hätte sie sich natürlich anders vorgestellt, sagt Bachert. Denn wenn man bei Thomas Henry eins könne, dann sei das Partys feiern.

2010 als Startup von Sebastian Brack und Norman Sievert gegründet

Gegründet wurde das Unternehmen 2010 von Sebastian Brack und Norman Sievert als Startup mit dem ehrgeizigen Ziel, dem damaligen Monopolisten Schweppes Konkurrenz zu machen. "Wo es nur einen 'Feind' gibt, ist Luft für anderes", so Bachert, die von Anfang an als Beraterin dabei war. Sexier, hipper und urbaner als die etablierte Marke sollten die Longdrink-Filler von Thomas Henry sein, dazu qualitativ hochwertiger und mit Credibility bei den Bartendern der angesagtesten Läden der Stadt.

Als Namensgeber wurde ein britischer Apotheker und Chemiker ausfindig gemacht, der 1773 - und damit rund zehn Jahre vor Jacob Schweppe - ein Verfahren zur Versetzung von Wasser mit Kohlensäure entwickelte. Für das Konterfei auf den charakteristischen bunten Glasflaschen musste kurzerhand Henrys Sohn William herhalten, da der Senior zum Fotomodell nicht taugte. In Zusammenarbeit mit Helmut Adam, Gründer des Branchenmagazins "Mixology" und der Messe Bar Convent sowie damals Eigentümer der Bar "Salt" wurden zunächst ein Tonic Water, ein Ginger Beer, ein Sodawasser und ein Ginger Ale auf den Markt gebracht. "Die Basics für die Bar", sagt Sigrid Bachert.

Ginger Beer war in Deutschland eine Marktlücke

Ginger Beer für den Highball-Klassiker Moscow Mule sei damals in Deutschland noch kaum zu bekommen gewesen, hier habe Thomas Henry eine Marktlücke gefüllt. Bestseller war und bleibe aber das Tonic Water. 62 Millionen Gin Tonics mit Thomas Henry wurden 2019 in Deutschland konsumiert, 50 Prozent des Verkaufs macht die chininhaltige Limonade aus.

Der Gin-Trend sei ungebrochen, sagt Bachert, das gelte in Bars genau so wie zu Hause. "Hobbysammler haben selbst viele verschiedene Sorten im Schrank und Lust zu experimentieren. Das gibt es bei keiner anderen Spirituose." Neben dem klassischen Indian Tonic hat Thomas Henry heute deshalb ein Elderflower-, ein Coffee- und Cherry-Blossom-Tonic im Portfolio - 2021 soll ein weiteres hinzukommen. Idealerweise gibt es zu jedem Gin ein passendes Tonic Water von Thomas Henry, so die Geschäftsführerin.

Mit Spitzenbartendern immer auf der Suche nach neuen Trends

2013 verkauften Sebastian Brack und Norman Sievert Thomas Henry an die Investoren Ralf Huep und Manfred Ferber, die Produktion wurde zum Getränkehersteller Staatlich Bad Meinberger verlegt. 500 0,2-Liter-Flaschen pro Minute werden in der Abfüllanlage in Nordrhein-Westfalen abfertigt, in 54 Ländern ist das Produkt mittlerweile erhältlich, dessen Geschicke noch immer von Berlin aus geleitet werden. "Die Stadt ist unsere geistige Heimat, wir sind der Berliner Barkultur entwachsen", sagt Sigrid Bachert. Zudem sei der Ruf der Stadt nicht unerheblich für die Popularität der Marke im Ausland.

Trotz des über zehn Jahre stetig gewachsenen Erfolges hat sich Thomas Henry ein Stück seines Startup-Spirits bewahrt. Davon zeugt nicht nur das Büro mit Lounges und Bar, sondern auch der permanente Wille zur Innovation. Bis heute arbeitet die Marke mit renommierten Berliner Bartendern wie Karim Fadl aus der "Bar Tausend", Arun Naagenthira Puvanendran auf dem "Kink" oder Konstantin Hennrich aus der "Stairs Bar" zusammen, wenn es um die Entwicklung neuer Produkte und das Aufspüren von Trends geht.

Pinkf-Grapefruit-Limonade als Neuzugang

Von Profis für Profis hat Thomas Henry die drei Essenzen Waldpilz, Waldmeister und Sanndorn im Sortiment, die ähnlich wie Bitters eingesetzt werden. Dazu elf Filler, darunter als letzten Neuzugang eine Pink-Grapefruit-Limonade, mit der Karim Fadl den mexikanischen Cocktailklassiker Paloma mixt. Ein Tumbler wird dafür mit Eis gefüllt, vier Zentiliter Tequila und zwei Zentiliter frischer Limettensaft zugegeben und mit der Limonade aufgegossen. Zum Schluss wird der Drink mit einer Prise Salz abgerundet.

Die Filler werden bei Thomas Henry immer vom Cocktail aus gedacht. Ein Produkt, das zwar allein gut schmecke, als Cocktail aber nicht funktioniere, werde es nie auf den Markt schaffen, sagt Bachert. Tequila erlebe gerade ein Revival, sagt sie, so sei die Idee zur Pink-Grapefruit-Limonade entstanden. "Wir versuchen selbst, Drinks zu pushen. Natürlich klappt das nicht immer." So werde das Coffee Tonic demnächst wieder vom Markt verschwinden. Der Trend sei zwar in Bars hip gewesen, habe sich aber beim Endverbraucher nicht durchgesetzt.

Fokus auf Hausbars mit Rezepten und Tutorials in der Coronakrise

Und der muss das Produkt am Ende schließlich kaufen. Im Idealfall trinkt der Gast ein Thomas-Henry-Produkt in seiner Lieblingsbar und kauft es sich dann für zu Hause. "Man baut das Produkt in der Gastronomie auf und verdient das Geld im Handel", sagt Sigrid Bachert. Das komme dem Unternehmen gerade in der Coronakrise zugute, auch wenn sich der Umsatzverlust durch die geschlossenen Bars nur bedingt kompensieren lasse. Trotzdem blickt die Geschäftsführerin optimistisch auf die Branche. Auch wenn mit To-Go-Drinks niemand reich werde: "Nirgendwo gibt es solche Stehaufmännchen wie in der Gastronomie."

Für Thomas Henry bedeutet die Pandemie derzeit vor allem einen Fokus auf Hausbars. "Ich glaube, viele Menschen stocken da gerade auf", sagt Bachert. Im eigens herausgebrachten Buch "Hausbar: Drinks mixen wie die Profis", auf der Website des Unternehmens und in den sozialen Medien gibt es zahlreiche Cocktail-Rezepte und Tutorials wie der Lieblingsdrink auch in den eigenen vier Wänden gelingt.