Handel

Flasche Bier für 20 Cent – Kann das noch gute Qualität sein?

Mit Kampfpreisen verkaufen Supermarkt-Ketten ihre Biermarken. Wir erklären, was dahinter steckt und wer daran überhaupt noch verdient.

Bier gehört zu den beliebtesten Getränken der Deutschen.

Bier gehört zu den beliebtesten Getränken der Deutschen.

Foto: vadimguzhva / iStock

Berlin. Die Deutschen lieben Bier. In kaum einem anderen europäischen Land wird pro Kopf so viel davon getrunken wie in der Bundesrepu­blik. Schaut man sich die Preise mancher Biersorten an, wundert das wenig. Bier kostet im Supermarkt mitunter weniger als Mineralwasser. In einem Berliner Kaufland gab es beispielsweise kürzlich einen Kasten Bier mit 20 Halbliter-Flaschen für 3,99 Euro. Die Flasche kostet also knapp 20, ein ganzer Liter rund 40 Cent. Wie sind solche Preise möglich?

Was ein Brauer an einer Flasche Bier verdient, hängt unter anderem von der Sorte und den verwendeten Zutaten ab. Manche Biersorten haben zum Beispiel einen höheren Hopfenanteil, bei anderen ist wiederum mehr Malz enthalten.

Der Deutsche Bauernverband rechnet folgendermaßen: Für einen Liter Bier werden durchschnittlich etwa 1,5 Gramm Hopfen benötigt, bei einem Preis von sieben Euro pro Kilogramm entspricht das etwa einem Cent pro Liter. Außerdem benötigt man für einen Liter Bier etwa 215 Gramm Braugerste. Bei einem Preis von 18 Euro pro 100 Kilo Braugerste entspricht das etwa vier Cent pro Liter Bier. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass pro Halbliterflasche Bier im Durchschnitt gerade mal 2,5 Cent an den Bauern gehen.

Größere Brauereien können in der Regel effizienter produzieren als kleinere und profitieren beim Wareneinkauf entsprechend von Skaleneffekten. Ein wichtiger Unterschied in der Preisbildung sind auch die Ausgaben für Werbung im umkämpften Biermarkt. Bei den „Billigbieren“ fallen hier keine oder nur geringe Werbungskosten an. Das ermöglicht einen deutlich niedrigeren Preis.

Nur wenige Brauereien arbeiten mit Naturhopfen

„Wir arbeiten mit einer eigenen Lkw-Flotte im Direktvertrieb und verzichten auf klassische Werbung und Großsponsoring“, erklärt Peter Böck, Geschäftsführer der Oettinger Brauerei. Das Unternehmen gehört mit 6,6 Millionen Hektolitern zu den größten Bierproduzenten Deutschlands – und zugleich zu den billigsten.

In puncto Rohstoff- und Produktqualität gehe man jedoch keine Kompromisse ein. „Der Hopfen kommt aus Deutschland, unser Malz stammt aus den jeweiligen Regionen rund um unsere vier Brauereien und die Hefe züchten wir sogar vor Ort an allen Standorten selbst“, sagt Böck.

Doch neben Wasser, Malz, Hopfen und Hefe sind heute auch chemische Hilfsstoffe beim Brauen zugelassen. Für eine appetitlichere Farbe darf manchem Bier sogar Zuckercouleur zugesetzt werden. Zwar sind andere Konservierungsmittel, Farbstoffe und billige Ersatzgetreide wie Mais hierzulande noch tabu. Doch wirklich traditionell mit eigener Mälzerei und Naturhopfen arbeiten nur noch die wenigsten Brauereien. Dem „deutschen Reinheitsgebot“ widersprechen solche Praktiken nicht. Diverse Bierverordnungen haben das Gebot von 1516 ohnehin völlig aufgeweicht.

Brauer klagen über Preiskampf großer Handelskonzerne

Wer echte Qualität will, muss dafür tiefer in die Tasche greifen. Im typischen Supermarktregal hat der Kunde heute die Wahl zwischen „Billigbier“ und „Markenbier.“ Letzteres ist in der Regel doppelt so teuer wie das Billigbier. Die mittleren Preisklassen brechen vollkommen weg.

Das liegt auch am extremen Preisdruck des Handels. „Der resultiert aus einem teilweise ruinösen Wettbewerb zwischen den großen Handelskonzernen“, sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes. „Bier ist ein Produkt, in dem wertvolle Rohstoffe, viel Arbeit und Sorgfalt stecken. Das wissen und schätzen die Verbraucher.“ Dieselbe Wertschätzung erwarte der Brauer-Bund auch vom Handel, fügt Eichele hinzu.

Die Supermärkte wollen billige Bierkästen als Lockvogelangebot in ihre bunten Prospekte drucken. Sie unterbieten sich gegenseitig seit Jahren mit neuen Tiefpreisen. Nie war der Wettbewerb im deutschen Einzelhandel härter. „Ein sehr günstiger Verkaufspreis lässt nicht automatisch Rückschlüsse auf den Einkaufspreis zu“, sagt eine Sprecherin von Kaufland.

Bierabsatz schwächelt in Deutschland seit Jahren

Verkauft der Einzelhandel also möglicherweise unter Einstandspreis, was nach dem Wettbewerbsrecht verboten ist? Das Verbot ist nur unter bestimmten Voraussetzungen einschlägig. Insbesondere Aktionspreise über einen beschränkten Zeitraum sind davon nicht erfasst. Weder bei der Wettbewerbszentrale noch beim Kartellamt gingen bisher Beschwerden über Preisdumping ein.

Das Problem besteht auch darin, dass der Bierabsatz seit Jahren schwächelt. So wenig Bier wie im vergangenen Jahr haben Deutschlands Brauer noch nie verkauft. Mit einem Absatz von 9,22 Milliarden Litern wurde der bisherige Minusrekord aus dem Jahr 2017 (9,35 Milliarden Liter) unterboten. Seit 1993 ist der Bierabsatz sogar um fast ein Fünftel gefallen.

Das erklärt sich der Brauer-Bund unter anderem mit dem steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung. Es gibt schlicht und einfach weniger junge Menschen, die biertrinkend um die Häuser ziehen. Egal, wie billig sie es bekommen können.