Bewusst trinken

Herbal Tonic – Wenn der Gin ohne Gin ist

Im Januar verzichten viele Menschen auf Alkohol. Ihren Lieblingsdrink können sie trotzdem genießen.

Anastasia und Filip Schöck-Bochénski servieren in ihrer Bar „Fabelei“ in Schöneberg alkoholfreien Gin in verschiedenen Varianten.

Anastasia und Filip Schöck-Bochénski servieren in ihrer Bar „Fabelei“ in Schöneberg alkoholfreien Gin in verschiedenen Varianten.

Foto: Jörg Krauthöfer

Mittwochnachmittag in der „Fabelei“-Bar an der Kyffhäuserstraße in Schöneberg. Bartender Filip Schöck-Bochénsky mixt einen Gin Tonic und serviert ihn seiner schwangeren Frau und Geschäftspartnerin Anastasia. „Weihnachtlich“, sagt die nach dem ersten Schluck. „Mit Noten von Zimt und Piment.“ Zum Skandal taugen dabei weder die Uhrzeit noch die anderen Umstände. Der Gin ist alkoholfrei und darf deshalb, streng genommen, gar nicht so genannt werden.

Siegfried Wonderleaf steht auf der Flasche, die vom Hersteller Rheinland Distillers als Alternative zu ihrem Siegfried Rheinland Dry Gin beworben wird. Das Produkt steht in einer Reihe mit einer Reihe von Botanical Waters, die seit einiger Zeit den anhaltenden Gin-Hype ergänzen. Ein Überbegriff hat sich bisher noch nicht etabliert, sagt Bastian Heuser von Spreewood Distillers. Der Einfachheit halber sei zwar häufig von alkoholfreiem Gin die Rede, das könne jedoch eine Abmahnung nach sich ziehen.

Fünf Monate Bastelei für den Gin ohne Alkohol

60 Kilometer südlich von Berlin entsteht Heusers Humboldt Freigeist, die alkoholfreie Variante des hauseigenen Humboldt Gins. Ein Großteil der Botanicals ist identisch mit dem Original: darunter Angosturarinde und Guaraná-Samen, Zimtpfeffer, Chinarinde und blauer Salbei. Namenspate war der Berliner Forscher Alexander von Humboldt, der von seinen Reisen zahlreiche Pflanzenproben mit in die Heimat brachte. Die Idee entstand in Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten und Museum, die sich als seriöses Institut auch ein weniger geistiges Getränk wünschten.

Also machte sich Bastian Heuser mit seinen Destillerie-Mitgründern Sebastian Brack und Steffen Lohr an die Arbeit. Was folgte, waren fünf Monate Versuch und Irrtum. „Wir sind immer noch am Basteln. In der IT-Branche nennt man das MVI, Minimum Viable Product“, sagt Heuser. „Man bringt etwas heraus, das noch nicht 100 Prozent perfekt ist, um erst einmal Feedback einzuholen.“

Gin ohne Gin: „Alkohol ohne Alkohol? Was soll das?“

Seit Januar ist der Humboldt Freigeist auf dem Markt – pünktlich zum Dry January, in dem immer mehr Menschen nach den Ausschweifungen der Feiertage einen Monat lang auf Alkohol verzichten. In der „Fabelei“ gibt es passend dazu eine ganze Detox-Karte, auch mit den alkoholfreien Gin-Alternativen. Er sei anfangs skeptisch gewesen, gibt Filip Schöck-Bochénsky zu. „Alkohol ohne Alkohol? Was soll das? Das brauche ich nicht in meiner Bar.“ Die steigende Nachfrage von Kunden haben ihn jedoch umgestimmt. „Ich glaube, diese Nische wächst jetzt. Alkoholfreies Bier fand ich auch schwierig, bis ich eins gefunden habe, das mir gefällt.“

Für die Berliner Morgenpost testet der Bartender die Produkte Siegfried Wonderleaf, Humboldt Freigeist und Juniper No 1 von Noa Drinks als klassischen Gin Tonic und Gimlet. Alle drei sind schon an der Nase überraschend unterschiedlich. Der Siegfried Wonderleaf ist dank natürlicher Aromen intensiv tannig mit Anklängen von Zimt und Piment. Ätherische Öle machen den Juniper No 1 zum geruchs- und geschmacksgewaltigsten Vertreter, der dem Original tatsächlich sehr nah kommt.

„Es wird noch viel Entwicklung geben. Das wird spannend“

Zurückhaltend wacholderig ist hingegen der Humboldt Freigeist, dessen Aromen allein aus Kräutermazeraten gewonnen werden. Besonders gut funktioniert das im Gimlet, einem Drink, der ursprünglich aus Gin und gesüßtem Limettensaft besteht. Die differenzierten Botanicals kommen hier gut zur Geltung, während sie im Gin Tonic mit einem zu dominanten Tonic Water unterzugehen drohen. Hier ist der Juniper No 1 die bessere Wahl.

Auch einen alkoholfreien Breakfast Martini könne er sich gut vorstellen, sagt Bastian Heuser, inspiriert von dem Tasting in der „Fabelei“. „Es wird noch viel Entwicklung geben. Das wird spannend.“ Schließlich gebe es allgemein einen Trend zu mehr bewusstem Trinken – und die Zielgruppe wolle schließlich mit mehr als nur Saft bedient werden. Wichtig sei der Spaß am Trinken, ohne sich Sorgen machen zu müssen. „Ich kaufe mir den Lifestyle eines Gin Tonic.“ Trotzdem seien die Produkte in letzter Konsequenz aber nicht gleichwertig. Zum pur trinken empfehle sich der Freigeist nicht. „Aber auch die wenigsten Leute trinken Gin pur, wenn man ehrlich ist.“ Einen ganz entscheidenden Vorteil habe die alkoholfreie Variante allerdings: „Ich habe noch nie so befreit nachmittags einen Gimlet getrunken.“