Craftbeer in Berlin

Wo in Berlin Bier wieder Handwerk ist

Bei den Industriebrauereien geht der Absatz zurück, die kleinen Brauereien boomen - vor allem in Berlin.

Braumeister Michael Lembke und Katharina Kurz von BRLO

Braumeister Michael Lembke und Katharina Kurz von BRLO

Foto: Franz-Michael Rohm / BM

Berlin. Dutzende Brauereien gab es Anfang des 20. Jahrhunderts noch in Berlin. Dann begann ein Konzentrationsprozess, an dessen Ende die Berliner Kindl-Schultheiss-Brauerei stand. Doch Bier braucht Charakter, und vielleicht geht genau deshalb bei den großen Industriebrauereien Jahr für Jahr der Absatz zurück. Ganz anders bei Brauern, die handwerklich arbeiten. Die meisten firmieren unter dem Englischen Namen Craftbeer. In den USA begann vor etwa 15 Jahren der Trend zur handwerklichen Kleinbrauerei mit teilweise ungefilterten, unpasteurisierten, lange gegärten und gereiften Bieren.

Zu den Berliner Pionieren zählt Brewbaker in Moabit. „Bellevue“ heißt der Umsatzbringer von Braumeister Michael Schwab. Im S-Bahnbogen an der gleichnamigen Station hatte er bereits 2005 sein, wie er sagt, „altmodisches Pils“ gebraut. Mittlerweile produziert er in der Moabiter Sickingenstraße rund 1200 Hektoliter Bio-Bier pro Jahr, das in der Berliner Gastronomie ausgeschenkt und über Bio-Supermärkte und Naturkostgeschäfte vertrieben wird. Neben Exoten wie dem neunprozentigen Dunkelbier „Berliner Nacht“ hat er auch eine überzeugende Berliner Weiße im Sortiment. Die Preise liegen wie bei den meisten Berliner Mikrobrauern bei etwa 1,80 Euro die 0,33-Liter Flasche. Etwas über drei Euro kosten die exotischen Biere, deren Herstellung erheblich aufwendiger ist.

Platzhirsch unter den Berliner Handwerksbrauern ist Stone Brewing auf einem ehemaligen Gasag-Gelände in Mariendorf. Dort hat Greg Koch, Chef einer der größten US- Craftbeer-Hersteller, mehr als 25 Millionen Euro in eine hochmoderne Brauerei mitsamt 600 Gastronomie-Sitzplätzen investiert. Rund 16.000 Hektoliter Bier hat Braumeister Thomas Tyrell mit seinem Team vergangenes Jahr produziert, davon etwa 70 Prozent für den Export in andere europäische Länder.

Der Ausstoß der größten Berliner Industriebrauerei ist zwar hundertmal höher, trotzdem ist Stone Brewing der mit Abstand größte der Berliner Craft-Brauer. Hingucker im stylish eingerichteten Biertempel sind die Zapfanlagen mit insgesamt 75 Hähnen. Hauptumsatzbringer von Stone Brewing in Berlin ist das hopfenbetonte Stone IPA, India Pale Ale, ein leicht trübes, süffiges, obergäriges Ale.

Ein weiteres Berliner Unternehmen im Wachstumssegment ist BRLO, benannt nach dem slawischen Namen Berlins. Christian Laase, Katharina Kurz und Braumeister Michael Lembke begannen als „Wanderbrauerei“, die freie Kapazitäten bei anderen Brauern nutzte. Seit Oktober 2016 brauen sie in einem spektakulären Bau aus mehr als drei Dutzend Schiffscontainern im Park am Gleisdreieck. Auch die drei setzen auf die Verbindung von Gastronomie und Bierausschank. „So kenne ich das aus meiner fränkischen Heimat“, erklärt Katharina Kurz. Für den Biergarten mit 300 Plätzen wird ein untergäriges Helles gebraut, mit fünf Prozent Alkohol etwas schwächer als das obergärige IPA. Sehr beliebt in der kälteren Jahreszeit ist im Gastraum das stark gehopfte feinwürzige Redlight Ale.

Johannes Heidenpeter zählt zu den Puristen der Branche. „Bodenständig und reell“ nennt der 38-Jährige sein Bier, das er in der Markthalle Neun aus Hopfen, gemälzter Gerste und Wasser braut. Vor acht Jahren begann der gebürtige Braunschweiger mit dem Brauen, er bezeichnet sich als Autodidakt. Ein halbes Dutzend seiner Biere schenkt er an seiner Zapfstelle in der Markthalle Neun an fünf Tagen die Woche aus. Außerdem lebt er vom Direktvertrieb und Verkauf an die Berliner Gastronomie. Für die Speisewirtschaft „Kumpel und Keule“ braut er seit Kurzem ein spezielles, robustes Hausbier.

Ausschließlich in der Gastronomie finden sich die Biere der Neuköllner Privatbrauerei Rollberg. Immerhin sind es mittlerweile rund 75 Gasthäuser, Restaurants, Kneipen und Clubs in Berlin. In der ehemaligen Kindl-Stätte am Traditionsstandort im Rollbergviertel werden seit 2009 mit Biomalz und Biohopfen die Klassiker gebraut, das feinherbe Hell und das malzig-milde Rot. Dazu kommen wie bei allen Brauern Saisonbiere. Dass es Rollberg-Bier nur vom Fass gibt, erklärt Mitinhaber Nils Heins so: „Wir finden, Bier sollte in geselliger Runde in der Gastwirtschaft getrunken werden.“

Dem stimmen auch Jörg Kirchhoff und Thomas Köhler von der Braumanufaktur Potsdam am Templiner See zu. Seit 2005 Jahren brauen sie in historischen kupfernen Kesseln Bio-Bier. Neben Potsdamer Stangenbier, Bio-Hell, Bio-Dunkel, Weizen, Werdersches Dunkelbier und Weiße schenken sie im 100-Sitzplätze-Gasthaus fünf saisonale Sorten aus. Ab Mai öffnet der Biergarten mit Blick auf den idyllischen See. „Dann kommen nicht nur die Potsdamer, sondern auch die Berliner“, freut sich das Brauer-Duo.