Reh und Wildschwein

Wild ist begehrt - aber teils schwer zu bekommen

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Lutz Albrecht von der Fleischerei Wild & Geflügel Albrecht steht mit einer Rehkeule in seinem Ladengeschäft. Die Preise für Reh und Wildschwein sind zuletzt kräftig gestiegen, doch Wild ist gefragt.

Lutz Albrecht von der Fleischerei Wild & Geflügel Albrecht steht mit einer Rehkeule in seinem Ladengeschäft. Die Preise für Reh und Wildschwein sind zuletzt kräftig gestiegen, doch Wild ist gefragt.

Foto: Jörg Carstensen/dpa

Zuletzt lohnte sich die Jagd kaum, inzwischen sind die Preise für Rehrücken oder Wildschwein deutlich gestiegen.

Berlin. Mit einer langen Fleischgabel legt Lutz Albrecht vorsichtig einige Stücke Wildschweingulasch auf eine Waage. 500 Gramm hat die Kundin auf der anderen Seite der gut gefüllten Theke bestellt, und auch ein wenig Wurst gönnt sie sich noch. Die Preise für Reh und Wildschwein sind zuletzt kräftig gestiegen, doch Wild ist gefragt, das wird an diesem Morgen in Berlin-Schöneberg schnell klar. Daran änderte zuletzt auch die hohe Inflation nichts.

Albrecht, 54, erklärt sich das unter anderem mit der großen Kritik etwa an der massenhaften Rinderhaltung. „Sowas Fettiges wie ein schwerer Schweine-Krustenbraten ist zudem nicht mehr im Trend.“ Wild enthalte kaum Fett, schmecke auch kurz gebraten. „Eigentlich wäre Wild auch was für den Sommer - es ist ja eigentlich leicht, wenn man nicht gerade eine Sahnesoße dazu macht.“ Doch die Hochsaison für Wild ist weiterhin der Winter, allein schon wegen der Jagdsaison. Albrecht geht davon aus, dass er noch bis Mitte Februar frische Ware bekommt.

In Deutschland wird immer mehr heimisches Wild erlegt

In der Saison 2021/2022 lieferten die Jägerinnen und Jäger in Deutschland 30.368 Tonnen Wildbret, die Jagdsaison 2022/2023 läuft noch bis Ende März. Fast 17.000 Tonnen davon waren Wildschwein, etwas mehr als 9400 Tonnen Reh. In der Tendenz wurde damit in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig mehr heimisches Wild erlegt und gegessen. Brandenburgs Jägerinnen und Jäger haben allerdings Probleme, die wachsende Nachfrage zu bedienen.

„Mit Beginn der Corona-Pandemie ist die Nachfrage deutlich gestiegen“, sagt Kai Hamann, Geschäftsführer des Landesjagdverbands. Statistiken des Verbands zeigen, dass hierzulande in den vergangenen Jahren deutlich weniger Tiere geschossen wurden. Beim Wildschwein folgte auf einen Rekord in der Saison 2019/2020 mit mehr als 100.000 erlegten Tieren ein regelrechter Absturz auf weniger als 60.000 erlegte Tiere in der Saison 2021/2022.

Der Preis für Wild geht wieder stetig nach oben

Genau entgegengesetzt entwickelte sich der Preis: Mit dem Aufkommen der Afrikanischen Schweinepest habe Wildschweinfleisch als gefährlich dagestanden, der Preis sank gewaltig, erklärt Hamann. Inzwischen geht er aufgrund der Engpässe wieder stetig nach oben. Auch beim Rehwild zeigt die Kurve der Jagdstatistik deutlich nach unten, die des Preises aber nach oben.

„Wir sollten die Region intensiv bejagen, etwa wegen der Afrikanischen Schweinepest. Und das haben wir gemacht“, sagt Hamann. Inzwischen habe sich der Bestand an Wildtieren in Brandenburg merklich verringert. Auch zur Förderung des Waldumbaus wurde viel gejagt, schließlich sind die Triebe junger Bäume ein gefundenes Fressen etwa für Rehe. Der Waldumbau wiederum ist nötig, damit langfristig in Brandenburg mehr Bäume wachsen, die mit dem veränderten Klima zurecht kommen - also eher Laubbäume, weniger Nadelholz.

Wölfe in Brandenburg sorgen für Verknappung des Wilds

„Hinzu kommt natürlich auch der Einfluss des Wolfes“, sagt Hamann. In Brandenburgs Wälder lebten 900 Tiere, ein ausgewachsener Wolf benötige etwa vier bis fünf Kilogramm Fleisch pro Tag.

Einzelhändler Albrecht hat bisher keine Probleme mit dem Nachschub. Er setzt bei den Lieferungen auf langjährige Partner: Teils kaufte Albrechts Vater schon bei den Vätern der heutigen Jäger, der kleine Laden in Schöneberg feiert 2025 sein 100-jähriges Bestehen. Anderen in der Branche fiel es zuletzt deutlich schwerer, das begehrte Fleisch einzukaufen. Ein in Berlin ansässiger Großhändler berichtet, dass er zwar europaweit Wild einkaufe, 2022 aber große Probleme hatte, an Rehe und Wildschweine zu kommen.

Zahlreiche Jäger setzen inzwischen auf die Direktvermarktung. Die App Waldfleisch, die seit Frühjahr 2021 auf dem Markt ist, haben laut Anbieter eine Viertelmillionen Menschen auf ihre Smartphones geladen, rund 5800 Jäger sind dort registriert. Die Kunden können in der App sehen, welche Jäger in ihrer Nähe gerade welches Fleisch vorrätig haben, meist handelt es sich um Tiefgefrorenes. Neu eingestellte Ware ist bei beliebten Jägern oft in kürzester Zeit verkauft.

App zeigt Jäger und deren Angebot an Wildbret

Die App sollte den Jägern in der Corona-Pandemie helfen, als Restaurants als Abnehmer wegfielen und große Wildhändler wenig an die Jäger zahlten. Das Projekt wird von der Landesjägerschaft Niedersachsen und dem Deutschen Jagdverband unterstützt, das Bundeswirtschaftministerium förderte finanziell. Der Landesjagdverband Brandenburg arbeitet ebenfalls an einer App, die neben Wildbret auch den Verkauf anderer Erzeugnisse kleiner Höfe ermöglichen soll. Auch Waldfleisch denkt in diese Richtung.

Droht also der nächste Schlag für den bereits unter Druck stehenden Einzelhandel? Lutz Albrecht sieht die Sache entspannt. „Die Leute mögen doch auch das Persönliche, die Beratung, das Erlebnis, wenn sie hier ihr Stück Fleisch finden, dann noch einen Wein mitnehmen“, sagt er. Der 54-Jährige kann sich eher vorstellen, dass er von den Apps sogar profitieren könnte. „Vielleicht rückt das Thema Wild dann noch mehr ins Bewusstsein der Leute. Und hier bekommen sie dann frische Ware statt Gefrorenem.“

( dpa )