Hobbykoch

Von der Kochshow im Internet zum ersten Kochbuch

Nach seiner Internet-Kochshow hat Alexander Flohr nun ein Buch mit veganen Rezepten veröffentlicht.

Alexander Flohr hat gerade sein erstes Kochbuch herausgebracht. In seiner Küche bereitet er oft für seine 
Familie und für Freunde vegane Gerichte zu.

Alexander Flohr hat gerade sein erstes Kochbuch herausgebracht. In seiner Küche bereitet er oft für seine Familie und für Freunde vegane Gerichte zu.

Foto: Katrin Starke

Eggersdorf.  Mit den ersten veganen Bouletten, die er selbst zubereitete, konnte Alexander Flohr bei seiner Frau noch nicht punkten. „Die schmeckten nur wie aufgewärmte Reiswaffeln“, erinnert sich Jana Flohr. Ihr Mann reagierte souverän. „Alles ist optimierbar“, versprach der Hobbykoch – und ließ seiner Lust am kulinarischen Experimentieren freien Lauf. Für den dreifachen Familienvater war nur eines entscheidend: Er wollte Frau und Kinder von seinem Vorhaben überzeugen, nur noch vegane Kost auf den heimischen Tisch zu bringen. „Nicht bekehren, sondern begeistern wollte ich“, betont der 38-Jährige. Was ihm schließlich auch gelang.

Seine um Räuchertofu, Knoblauch und Majoran ergänzte Boulette ist längst zum Lieblingsgericht seiner Familie avanciert. Der „durchaus Fleisch konsumierende“ Freundeskreis greift mittlerweile ebenfalls beherzt zu, wenn Flohr neue vegane Gerichte kreiert. Und nicht nur der. Denn der Heavy-Metal-Fan freut sich dank einer eigenen Kochshow im Internet über eine stetig wachsende Anhängerschaft. In den von der Tierschutzorganisation Peta produzierten Videos unter dem Titel „Hier kocht Alex“ erläutert der Muskelmann im saloppen Plauderton, wie unkompliziert vegane Gerichte – beispielsweise Butternut-Kokossuppe mit gebratenem Brokkoli, ein Bohnenburger mit Weißkrautsalat oder ein Linsen-Rotkohl-Braten im Blätterteigmantel mit Ofenkartoffeln, Bratensoße und Maronen – zubereitet werden können.

Wegen des positiven Echos hat Flohr nun nachgelegt und ein Kochbuch mit 80 von ihm selbst entwickelten Rezepten veröffentlicht. „In den ersten sechs Wochen sind schon 800 Exemplare weggegangen“, ist er selbst erstaunt über die große Nachfrage. Lässt es sein „Brotjob“ als selbstständiger Straßenbaumeister zu, gibt er zudem Kochkurse im privaten Kreis oder berät Hotels und Gastronomen, die ihre Speisekarte um vegane Gerichte erweitern möchten. „Mir geht es um gesundes, solides, abwechslungsreiches Essen, das vor allem oberlecker schmecken soll, für das man aber nicht zwei Stunden, sondern maximal 30 Minuten in der Küche zugange ist“, sagt Flohr. Mit Kochshow und Buch hofft er, „dem einen oder anderen die vegane Küche schmackhaft zu machen oder Leute zumindest dazu zu bringen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren“.

Am Herd steht Flohr schon seit seiner Hochzeit, freiwillig. Auf helfende Hände verzichtet er in seinem Küchenreich lieber. „Dass meine Frau nicht so gerne kocht, hat mir in die Hände gespielt“, sagt er verschmitzt. Nur dass sein Speiseplan vor wenigen Jahren noch komplett anders aussah als heute. „Ich habe leidenschaftlich gern Steaks, Gulasch oder Bratwurst verdrückt.“ Ganz nach dem Motto: Wer schwer arbeitet, darf auch jede Menge Kalorien zu sich nehmen. Die verbrennt Flohr tatsächlich reichlich, wenn er Wege und Garagenzufahrten pflastert. Ein kräftezehrender Job. Doch so richtig anstrengend wurde es, als sich der 38-Jährige um die Jahrtausendwende herum entschloss, die Meisterprüfung abzulegen, abends und an den Wochenenden paukte. „Meine Frau hielt mir den Rücken frei, kümmerte sich um Haushalt und Kinder, arbeitete selbst aber Vollzeit.“ Zeit und Energie wurden knapp. „Unser gemeinsames Essen diente nur noch der Nahrungsaufnahme“, erinnert er sich. „Hauptsache satt“, was in der Praxis meist Bockwurst mit Kartoffelsalat bedeutete. Die ungesunde Ernährung rächte sich. „2011 wog ich 135 Kilogramm. Wenn ich mit den Kindern Fußball gespielt habe, lag ich nach einer halben Minute japsend am Boden.“

Die Massentierhaltung ekelte ihn nun an

Seine Gelenke brannten, der Rückenschmerz wurde chronisch, im Körper tobten Entzündungen. Ärzte rieten zu Diäten. Flohr aß zwar weniger, doch nichts half. „Ich blieb dick und krank.“ Bis Flohr über das Thema vegane Ernährung stolperte, das damals noch nicht in aller Munde war. „Veganer hielt man da noch für unterernährte, humorlose Freaks mit Pickeln – harmlos, aber bekloppt.“ Doch einmal auf die Spur gekommen, blieb Flohr dran, las Fachzeitschriften, Bücher, informierte sich im Internet über die Wirkung tierischen Eiweißes. Er wollte sein Leben zurück und wagte den Versuch: „Ich probierte es erst mit vegetarischen Gerichten, habe mir Brokkoli mit Käse überbacken, nahm auf die Baustellen Käsebrote, Gurkenstullen oder Nudelsalat mit.“ Parallel beschäftigte er sich noch intensiver mit ernährungsphysiologischen Fragen, setzte sich mit der Herstellung tierischer Nahrungsmittel und der Tierhaltung auseinander. „Da habe ich mich nur noch geekelt.“ Nicht nur, wenn er von Massentierhaltung las oder Bilder von Legebatterien sah. Der Schritt vom Vegetarier zum Veganer war ein kleiner, „die Entscheidung fiel bereits nach zwei Wochen“.

Nach zwei Monaten zog die Familie nach. Sicher auch, weil Flohr Schritt für Schritt die Vielfalt der veganen Welt entdeckte. Er besuchte Landwirte aus der Region, schlenderte über Kreuzberger Gemüsemärkte, stellte fest, wie viele Nuss- oder Reissorten und wie viele verschiedene Hülsenfrüchte und Kräuter es gibt, und erschloss sich deren Kombinationsmöglichkeiten. „Ich pürierte alles Mögliche, rührte Hanfsamen dazu, würzte mit Kardamom oder Koriander, um möglichst nah an das Geschmackserlebnis zu kommen, das ich kannte.“ Und: Flohr ließ sich zum Ernährungsberater ausbilden. Denn als Vater von im Wachstum befindlichen Kindern wollte er auf keinen Fall Fehler machen. „Erdnüsse, Tofu oder Linsen liefern Eiweiß. Mandeln, Spinat und Grünkohl sorgen fürs notwendige Kalzium. Einem Eisenmangel kann man mit Kürbiskernen, Fleischersatz aus Soja oder Amaranth vorbeugen“, erklärt Flohr – der heute 50 Kilogramm weniger wiegt als 2011 und rundum gesund ist. Seinen Kindern schreibe er jedoch nichts vor. „Wenn mein Jüngster mit seinen Freunden unterwegs eine Bratwurst essen möchte, soll er das tun. Zu Hause wird aber vegan gekocht.“

Dass die vegane Ernährung – zumindest in den Großstädten – mittlerweile keine Ausnahme, sondern eine Alternative sei, erleichtere auch den Einkauf. „Heute findet man in jedem Supermarkt eine Anzahl an vegetarischen und veganen Produkten. Das macht es für viele Unschlüssige einfacher“, sagt Flohr.