Gastronomie

Sarah Wiener kocht sich in ihrem Buch durch die Geschichte

In ihrem neuen Buch widmet sich die Berliner Köchin Sarah Wiener Gerichten, die die Welt verändert haben.

Köchin Sarah Wiener betreibt in Berlin mehrere Restaurants und tritt auch im Fernsehen auf.

Köchin Sarah Wiener betreibt in Berlin mehrere Restaurants und tritt auch im Fernsehen auf.

Foto: dpa Picture-Alliance / ANNIEV KOSTA / picture alliance / ANNIEV KOSTA

In 33 Stationen kocht sich die Berliner Köchin Sarah Wiener in ihrem neuen Buch „Gerichte, die die Welt veränderten“ durch die Geschichte. Jedes authentische Rezept wird von einer Geschichte des Anlasses ergänzt, zu dem es aufgetischt wurde. Darunter das Festmahl, das Caesar nach seinem Sieg über die Gallier genoss, das Hochzeitsmenü von Frida Kahlo und Diego Rivera sowie der Streuselkuchen, den die deutschen Fußballerinnen im Jahr 2003 vor ihrem Weltmeister-Sieg aßen.

Wie kam Ihnen die Idee, Geschichte kulinarisch zu erzählen, und wie aufwendig war die Recherche?

Sarah Wiener: Die Idee entstand ganz spontan, als ich mit dem Verlag bei einem Treffen herumgesponnen habe. Das Thema begeisterte uns sofort. Die Recherche hingegen war sehr aufwendig. Wir hatten ein Team von fünf Leuten, das über ein Jahr damit beschäftigt war, durch kulinarische Schlüssellöcher zu blicken. In Archiven, bislang nicht eingesehenen Akten, alten Zeitungsartikeln, historischen Kochschulen und bei Nachlassverwaltern.

Manche der Köche hinter den Gerichten haben Sie auch persönlich kontaktiert, wie waren die Reaktionen?

Sie waren erfreut über die Aufmerksamkeit und die Gelegenheit, die Geschichte noch einmal aus ihrer Warte erzählen zu können. So konnten wir auch vieles herausfinden, was nicht in Geschichtsbüchern steht.

Sind da auch Pleiten und Pannen dabei?

Oh ja, so sorgte zum Beispiel beim Treffen von Winston Churchill, Josef Stalin und Franklin D. Roosevelt im Jahr 1943 eine Pudding-Bombe dafür, dass das Eis zwischen den „Großen Drei“ gebrochen wurde. Die Staatsmänner waren zusammengekommen, um einen Masterplan für die Zeit nach dem Sieg über Nazideutschland zu schmieden. Die Situation war also ernst und ziemlich verfahren. Doch großzügige Mengen an Alkohol und die Tatsache, dass eine Eisplatte, auf welcher der Nachtisch ruhte, schmolz und sich der Pudding dann über den Übersetzer ergoss, lockerten die Atmosphäre endlich auf.

John F. Kennedy aß bei seinem Besuch in Berlin französisch …

… und sehr leicht. Aus dem Briefing des Secret Service geht hervor, dass er sehr auf seine Figur achtete, er wollte kein Kalbfleisch, aus welchen Gründen auch immer, keine Soßen, dafür viel Salat und leichte Kost. Damals war Frankreich das Zentrum der europäischen Gourmets, und zu feierlichen Anlässen kochte man französisch.

Kann Essen die Welt verändern?

Ja, Essen hat ganz faktisch die Welt verändert. Napoleons Feldzüge wären zum Beispiel ohne haltbar gemachtes Essen gar nicht möglich gewesen. Die Mondlandung wäre ohne Industrienahrung auch nicht denkbar. Aber Essen hat auch eine soziale Funktion. Man sagt ja, Liebe geht durch den Magen, und ein gutes Essen, im Zweifel mit Alkohol gepaart, kann auch hitzige Gemüter besänftigen und Menschen zusammenbringen. So gesehen können Mahlzeiten durchaus den Kurs der Geschichte beeinflussen.

Das Buch ist von Geschichten geprägt, in denen Männer die Hauptrolle spielen. Sie schreiben im Vorwort, sie bedauern es, dass es so schwer war, Frauen zu finden. Woran liegt das?

Es stimmt leider: Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben, und die Sieger waren in der Vergangenheit vor allem reiche, weiße Männer. Wie schwer es Frauen noch vor 100 Jahren hatten, sieht man auch an der Chemikerin Marie Curie. Ihr wurde der Nobelpreis zweimal fast unterschlagen. Ich hoffe auf jeden Fall sehr, dass sich der Anteil der Frauen, die Geschichte schreiben, weiter steigert und ein ähnliches Buch in 100 Jahren viel weiblicher wäre.

Was hat Sie bei der Recherche überrascht?

Tatsächlich hat das Buch meinen kulinarischen Horizont erweitert, denn es ging ja nicht darum, eigene Rezepte zu entwickeln, sondern verbürgte historische Gerichte zu finden, wie zum Beispiel den Wildschweinbraten, den Caesar nach seinem Sieg über die Gallier genoss. Oder das festliche Menü, das bei der ersten Oscarverleihung gereicht wurde. Es war auch spannend, ein authentisches Rezept für den Schweinebraten zu finden, den sich Gertrude Ederle wünschte, nachdem sie als erste Frau den Ärmelkanal durchschwommen hatte. Dazu mussten wir recherchieren, wie man dieses typisch bayerische Gericht in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts zubereitete.

Welches Gericht fanden Sie besonders gelungen?

Die Suppe, die Edmund Hillary aß, als er als Erster den Mount Everest bezwang. Eine Hühnersuppe auf hima­layische Art, die auch den Großstadtbewohnern von heute sehr gut munden dürfte. Ich habe sie schon mehrmals nachgekocht.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.