“Discoeat“

Essen in Nebenzeiten: Im Restaurant, wenn sonst keiner will

Restaurants sind zu Stoßzeiten oft voll, in den Nebenzeiten meist leer. Die App „Discoeat“ will das ändern.

Restaurants und Bars – hier das „Jamboree“ im Grand Hyatt, das ebenfalls bei „Discoeat“ gelistet ist – sind häufig nur zu Stoßzeiten voll. „Discoeat“ setzt deshalb auf die Nebenzeiten.

Restaurants und Bars – hier das „Jamboree“ im Grand Hyatt, das ebenfalls bei „Discoeat“ gelistet ist – sind häufig nur zu Stoßzeiten voll. „Discoeat“ setzt deshalb auf die Nebenzeiten.

Foto: Gerrit Meier / Grand Hyatt Berlin

Restaurants bieten am Nachmittag häufig ein eher tristes Bild: Der Gastraum ist leer, der Kellner langweilt sich, der Koch ist zwar da, hat aber außer der Vorbereitung des Abendservices nichts zu tun. Mittags und abends dagegen „brummt“ der Laden, kaum ein Tisch ist zu bekommen, die Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Was aber tun, um Menschen dazu zu bringen, auch zu ungewöhnlichen Zeiten wie am Nachmittag oder am späten Abend zu kommen?

Moritz Heininger hat dafür eine Lösung. Der 33-Jährige aus Frankfurt/M. hat zusammen mit seinem Geschäftspartner Nicolò Luti eine App entwickelt, die speziell auf die Nebenzeiten in Restaurants setzt und sie den Gästen mit einem Rabatt schmackhaft macht.

Das Programm heißt „Discoeat“, was wie Discount klingt, damit aber nichts zu tun haben soll. Das „Disco“ stehe für „Discover“, also „Entdecken“, erklärt Heininger. Das Prinzip ist im Grunde simpel: Wer außerhalb der Stoßzeiten in einem Restaurant reserviert, das bei „Discoeat“ mitmacht, bekommt einen Rabatt. Bis zu 50 Prozent sind teilweise möglich. Die Höhe des Rabatts variiert teils im Halbstundentakt. Je dichter an der Stoßzeit, desto geringer – und umgekehrt.

„Discoeat“ greift nicht das Hauptgeschäft der Restaurants an

Kennengelernt haben Heininger und Luti das Prinzip in Asien. Heininger hat in Estland und Köln studiert, in Jakarta, Singapur und in Hongkong gearbeitet. „Dort gibt es ein ähnliches Modell, das haben wir selbst genutzt“, sagt er. „Eatygo“ sei riesengroß und existiere in sieben Ländern. „Wir haben das dort als Nutzer verwendet, weil wir uns gedacht haben, wir haben eh komische Arbeitszeiten, von sieben bis neun gehen wir nicht essen, sondern meistens nach neun oder sehr früh.“ Beide fanden das System super, weil es auch gute Restaurants gab. Doch gedacht hätten sie sich dabei nichts. Die Berufswege der beiden Freunde trennten sich zunächst, erst in Berlin trafen sie sich wieder. Da sei Heininger die Idee zu „Discoeat“ gekommen.

Denn alle Restaurants überall auf der Welt haben das gleiche Problem: voll zu Stoßzeiten, leer zu Nebenzeiten. „Das Produkt ist genial“, sagt Heininger, „weil es nicht das Hauptgeschäft angreift, ich kannibalisiere mich nicht und fülle einfach Plätze zu Zeiten, zu denen das Restaurant sie braucht.“ Das Restaurant könne selbst entscheiden, wie viele Plätze und wieviel Rabatt zu welchen Zeiten es anbiete.

Restaurants müssen Mindestwertung bei Google für „Discoeat“ haben

Im April 2018 gründeten Heininger und Luti ihre Firma, nahmen Restaurants unter Vertrag. Im Januar 2019 folgte der offizielle Start. Dabei nehmen nicht nur preiswerte Restaurants oder Burgerläden an „Discoeat“ teil, sondern auch Fine-Dining-Restaurants. Die Auswahl sei wichtig, betont der 33-Jährige. „Wir wollen der Standardweg werden, wie Menschen neue Restaurants entdecken. Aber wenn nur Schrott auf der Plattform ist, dann kommt man in eine Spirale: Schrott zieht Schrott an, das wollen wir nicht.“

Deshalb muss jedes Restaurant bei Google mindestens eine durchschnittliche Bewertung von 4,0 haben. Dabei verlässt man sich bei „Disco-eat“ aber nicht nur auf das Google-Rating, sondern vergleicht mit anderen Portalen, um gefälschte Bewertungen herauszufiltern. Die goldene Regel laute aber: „Wir fragen unsere Leute, die Restaurants für die Plattform qualifizieren: ‘Würdest du hier mit deinem Partner essen gehen?’ Wenn die Antwort nein ist, wollen wir das Restaurant auch nicht auf der Plattform haben.“ Wichtig sei zudem die Bandbreite der Restaurants, von dem Vietnamesen ums Eck bis zum Fine-Dining-Restaurant, von Sushi, über Italienisch, Burger oder Französisch.

„Discoeat“-Gäste haben dieselbe Auswahl wie die anderen Kunden

Das Prinzip der unterschiedlichen Preise zu unterschiedlichen Zeiten heißt im Business-English „Yield Management“, und jeder kennt es von Fluglinien und Hotels, die ihre Preise nach der Nachfrage ausrichten. Es kann natürlich passieren, dass an einem Tisch Gäste sitzen, die 30 Prozent sparen, und am Nebentisch zahlen Gäste den vollen Preis für das gleiche Gericht. Denn Gäste, die über „Discoeat“ kommen, haben dieselbe Auswahl aus der gesamten Speisekarte wie der „normale“ Gast – es gibt keine abgespeckten Versionen für die Rabattkunden. Nur bei den Getränken zahlen alle den normalen Preis.

Als das erste Restaurant unterschiedliche Preise einführte, hätte es einen Aufschrei gegeben, man könne doch nicht für ein- und dasselbe Produkt unterschiedliche Preise verlangen, sagt Heininger. „Natürlich“, widerspricht er energisch, „Hotels machen das schon ewig. Es gibt nicht den einen richtigen Preis, es gibt zu jeder Zeit abhängig von der Nachfrage einen richtigen Preis.“

Hotels und Airlines würden mit dem Yield Management eine Auslastung von 70 bis 85 Prozent erreichen, Restaurants hätten aber täglich nur etwa drei bis vier Stunden jemanden auf dem Platz sitzen. „Restaurants in Deutschland machen 80 Prozent ihres Umsatzes in drei Stunden am Tag. Danach haben sie nur noch Kosten.“ Das will Heininger ändern, indem er die Belastungsspitzen abmildert.

Allein in Berlin hat „Discoeat“ mehr als 15.000 Nutzer

Mehr als 115 Restaurants hat „Discoeat“ inzwischen unter Vertrag, und etwa 20.000 Nutzer in Berlin, Köln und London. Allein in Berlin sind es mehr als 15.000, die meisten zwischen 25 und 40 Jahre alt. Das Unternehmen verdient an jedem Gast, der über „Discoeat“ in ein Restaurant kommt. „Wir wollen es schaffen, dass die Leute häufiger essen gehen, öfter was Neues ausprobieren - und wenn ich das dann zu den Nebenzeiten zu einem speziellen Preis machen kann: super.“ Bislang konzentriert sich das Verbreitungsgebiet auf das Zentrum innerhalb des S-Bahn-Rings - Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln, aber auch Charlottenburg und Schöneberg. „Wichtig ist, dass man eine recht hohe Dichte von Restaurants hat“, sagt Heininger. Denn die Menschen würden für einen Restaurantbesuch nicht gern reisen, „die wollen maximal 15 Minuten laufen“.

Die Gäste müssten sich auch keine Sorgen machen, dass sie als Kunden zweiter Klasse behandelt würden. Das „Discoeat“-Team erklärt der Restaurant-Belegschaft, dass jeder einzelne Gast einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschafte, weil er ja genau zu den Zeiten komme, zu denen das Restaurant ihn auch haben möchte.

Heininger entwickelt die App ständig weiter, künftig soll es eine Boost-Funktion geben und ein Wetter-Feature, denn wenn es stark regne, würden die Buchungen in der Regel zurückgehen. Ein Automatismus könne dann die Rabatte etwas hochregeln, um das auszugleichen. Das System ist ausbaubar - auf Zeiten und Gebiete mit Konzerten, Ferien. „Wenn das System immer schlauer wird, kann es den optimalen Preis vorschlagen.“ Davon abgesehen sei „Discoeat“ für alle Geschäftszweige geeignet, die schwankende Nachfrage bei hohen Fixkosten hätten: Friseure, Schönheitssalons oder auch Fitness-Studios.

Hier geht es zu „Discoeat“ im Internet. Das Angebot gibt es auch als App für Android und iOS.