Restaurant „Tim Raue“

Marie-Anne Raue: Mit der Leidenschaft fürs Gastgeben

Marie-Anne Raue ist Eigentümerin des Restaurants „Tim Raue“. Mit ihrem Ladies’ Lunch geht sie neue Wege als Netzwerkerin

Marie-Anne Raue im Restaurant „Tim Raue“, das sie 2010 mit ihrem damaligen Ehemann Tim Raue eröffnete.

Marie-Anne Raue im Restaurant „Tim Raue“, das sie 2010 mit ihrem damaligen Ehemann Tim Raue eröffnete.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Für den Fotografen setzt Marie-Anne Raue ein perfektes Lächeln auf – man merkt ihr die Routine an. Unzählige Preisverleihungen, Shootings und öffentliche Auftritte hat die Berlinerin in den vergangenen zehn Jahren absolviert. Mittlerweile falle ihr das leicht, sagt sie, dabei sei sie eigentlich ein schüchterner Mensch. Trifft man die 44-Jährige zum ersten Mal, fällt das schwer zu glauben. Marie-Anne Raue lacht ein lautes, sympathisches Lachen, ihre roten High Heels und das bunte Statementtuch sagen Power Dressing.

Die Unternehmerin ist Alleineigentümerin des Restaurants „Tim Raue“ in Kreuzberg. Jene Institution, in der in Berlin kein Foodie vorbeikommt: zwei Sterne, 19,5 „Gault & Millau“-Punkte, Platz 40 in der Liste „The World’s 50 Best Restaurants“, Restaurant des Jahres 2019 im Magazin „Der Feinschmecker“. In der Küche steht Marie-Anne Raues Ex-Ehemann Tim Raue. 2010 machte sich das damalige Paar an der Rudi-Dutschke-Straße selbstständig. Zuvor hatten beide schon in Restaurants wie dem „Rosenbaum“, „Kaiserstuben“, „E.T.A. Hoffmann“ und dem „Restaurant 44“ im Swissôtel zusammengearbeitet. „Der Perfektionismus verbindet Tim und mich“, sagt sie über das Erfolgsrezept, das auch die Trennung vor drei Jahren überlebte. „Er lässt uns aber auch oft grübeln. Wir können die Dinge nie einfach gleiten lassen. An einem Tag, an dem wir eine Auszeichnung bekommen, machen wir uns schon wieder Gedanken, was wir noch verbessern können.“

Aufgewachsen ist Marie-Anne Raue in einer Lehrerfamilie in Friedenau mit drei Brüdern. Die Eltern legten Wert auf eine gutbürgerliche Ausbildung, die Tochter bekam Ballett-, Gesangs- und Klavierunterricht. Nach dem Abitur wollte sie eigentlich eine Musicalschule besuchen. Doch bekanntlich kam es anders. In einer Diskothek in Stahnsdorf lernte sie Tim Raue kennen. Den Kreuzberger Rebell aus einfachen Verhältnissen, ehemaliges Mitglied der Jugendbande 36 Boys. Vielleicht war es Schicksal – beide waren nur dieses eine Mal dort –, auf jeden Fall war es Liebe auf den ersten Blick. Die Abiturientin und der Kochlehrling entdeckten ihre gemeinsame Leidenschaft für die Gastronomie, zogen sehr schnell zusammen und heirateten. Marie-Anne Raue absolvierte eine Ausbildung zur Hotelkauffrau, arbeitete als Restaurantleiterin und Sommelière, während Tim Raue sich zum Sternekoch hocharbeitete.

Beide sammelten im Laufe der Jahre zahlreiche Auszeichnungen. Bei den Berliner Meisterköchen wurde Marie-Anne Raue 2005 Maître des Jahres, der „Gault & Millau“ wählte sie 2008 zur Oberkellnerin des Jahres. Exzellenz war von Anfang an das erklärte Ziel, verbunden mit einer eigenen, unkonventionellen Handschrift. „Andere Restaurants waren uns oft zu sakral. Wir wussten von Anfang an, dass wir das anders machen würden“, sagt Marie-Anne Raue. Dafür gab es einerseits viel Lob, von anderer Seite um so heftigere Kritik. Eine Anekdote aus den „Kaiserstuben“ ist ihr bis heute im Gedächtnis geblieben. Niemals werde das Paar mit seiner lockeren, berlinerischen Art einen Michelin-Stern bekommen, prophezeite ein Stammgast. Dass es trotzdem oder gerade deshalb klappte, ist für Marie-Anne Raue bis heute eine Genugtuung. „Tim bricht gern Regeln, ich schaue eher auf Regeln. Auch deshalb funktionieren wir so gut“, sagt sie über die seit Jahren bewährte Arbeitsteilung. Er sei das Gesicht des Restaurants, sie achte darauf, dass die Finanzen stimmen.

Heute kaum noch vorstellbar: Zum eigenen Restaurant musste Marie-Anne Raue ihren ehemaligen Mann überreden. „Wir haben 800.000 Euro von der Bank bekommen. Das ist wahnsinnig viel Geld für jemanden, der eigentlich keines hat“, sagt sie im Nachhinein. „Der finanzielle Druck in den ersten Jahren hat mir wahnsinnig zugesetzt.“ Bis heute spüre sie die Anspannung jeden Tag, könne damit aber besser umgehen. 35 bis 40 Mitarbeiter hat das Restaurant mittlerweile. Fünf Tage die Woche ist geöffnet, an zwei Tagen auch zum Lunch. Bis auf Randtermine ist meist bis zu zwei Monate im Voraus ausgebucht. „Es ist ein großer Spagat, im Sinne des Gastes, des Mitarbeiters und des Unternehmens zu entscheiden“, sagt Marie-Anne Raue. Und zwei Sterne, privat betrieben, rechneten sich nur, „wenn man jeden Tag zu 100 Prozent dahintersteht“. Als Konsequenz verzichtet die Eigentümerin an fünf bis sechs Tagen in der Woche auf ihr Privatleben. „Ich würde mir oft wünschen, ein bisschen weniger zu arbeiten“, sagt sie. Einen Ausgleich finde sie bei Waldspaziergängen mit ihrem Hund, Meditation und Treffen mit Freunden, die mit der Gastronomie überhaupt nichts zu tun haben.

Trotzdem denkt Marie-Anne Raue nicht daran, einen Schritt zurückzutreten. Für das Restaurant „Tim Raue“ wurde der Mietvertrag gerade um 15 Jahre verlängert. Sie wolle das machen, solange die Gäste Spaß daran haben. 2018 etablierte die Unternehmerin zudem einen Ladies’ Lunch, der sie zu einer der wichtigsten Netzwerkerinnen Berlins machte. Zwei Mal im Jahr treffen sich an der Rudi-Dutschke-Straße Macherinnen aus verschiedensten Branchen. In den ersten Jahren sei sie bei internationalen Gastronomieevents von der Männerdominanz in der Branche überfordert gewesen, sagt Marie-Anne Raue. So entstand an einem Abend mit Freundinnen die Idee zu einem eigenen Netzwerk. Im Vordergrund stehe dabei trotzdem ein menschlicher Mehrwert. Wenn Geschäftliches dazukomme, sei das ein schöner Nebeneffekt.

Für die Zukunft plant Marie-Anne Raue außerdem die Eröffnung eines weiteren Restaurants. Dieses Mal im Alleingang. Zu Tim Raue habe sie auch heute noch absolutes Vertrauen, das lasse sich nicht wiederholen, sagt sie. Sie seien heute befreundet, die Überlegung, beruflich getrennte Wege zu gehen, habe es nicht eine Sekunde gegeben. Dass Menschen, die sie nicht gut kennen, sich darüber wundern, lässt Marie-Anne Raue schmunzeln. „Ich wüsste nicht, was ich dazu sagen soll. Es ist, wie es ist.“ Und wo stehe außerdem geschrieben, dass immer die Frau gehen müsse? „Die Leidenschaft fürs Gastgeben ist das, was mich ausmacht. Das, was unser Konzept rund macht“, sagt sie. „Auch wenn wir privat kein Paar mehr sind, sind wir sehr zufriedene Geschäftspartner. Die Idee basiert auf uns beiden.“