Kiez im Wandel

Kultkneipe Morena ist jetzt ein hipper Japaner

Aus der Kultkneipe Morena ist jetzt der hippe Japaner „Little Long“ geworden. Dahinter steht ein junges Paar.

Auf neuen Wegen: Marketing-Expertin Lien Chu (l.) und ihr Partner Vu Cao Ba haben in der alten Morena-Bar ein Restaurant eröffnet.

Auf neuen Wegen: Marketing-Expertin Lien Chu (l.) und ihr Partner Vu Cao Ba haben in der alten Morena-Bar ein Restaurant eröffnet.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Früher hingen hier die Nachtschwärmer ab. Jetzt hängt Bruce Lee an der Wand. An der Wiener Straße haben Vu Cao Ba (34) und seine Lebensgefährtin Lien Chu (28) einen edlen Japaner mit moderaten Preisen eröffnet. Seit Anfang des Monats stehen über der Tür, die einst in die Kultkneipe Morena Bar führte, die Worte „Little Long“ - Kleiner Drache. Lien Chu hat für das Wagnis eine gute Karriere bei Daimler aufgegeben.

Vu Cao Ba, der zuletzt das trendige asiatische Restaurant Transit am Rosenthaler Platz in Mitte leitete, kennt Berlin noch aus der Vorwendezeit. „Meine Mutter arbeitete in einer DDR-Schuhfabrik und holte für ein knappes Jahr die Familie aus Hanoi nach Ost-Berlin“, erinnert er sich. Über eine Erinnerung muss er schmunzeln. „Ich stand als Fünfjähriger vor der Absperrung am Brandenburger Tor Unter den Linden - und alles war so still. Kaum Verkehr, wenige Menschen. Und Ruhe. Das war völlig ungewohnt für mich nach dem quirligen Hanoi.“

Chu kam via Moskau nach Berlin. Dort hatten ihre Eltern studiert. „Als ich ein Jahr alt war, zog es meine Mutter nach Deutschland. Sie wollte, dass ich eine gute Bildung erhalte, dass ich mir eine Zukunft aufbauen kann“, sagt Chu. Auch sie spricht von der Ruhe in Deutschland, auch davon, dass sie es in Potsdam nie mit Rassismus zu tun bekam, „obwohl wir unter den ersten Asiaten dort waren.“

Schwimmen im zehn Minuten entfernten Pazifik

Den Plan ihrer Mutter nahm sie ernst. „Ich strengte mich von vornherein in der Schule an. Ich wollte eines Tages machen können, was mir gefällt. Dafür musste ich fleißig sein.“ Für das richtige Gymnasium zog die Familie nach Wedding. Das Abitur machte Chu mit der Note 1,7 und studierte daraufhin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Dort gehört ein Auslandssemester dazu – „und ich wollte einmal über den Tellerrand hinaus schauen können.“ Gesagt, getan: Die junge Studentin verschlug es in die USA. Dort, im kalifornischen San Diego, surfte sie oder schwamm, bevor der Studientag begann, im zehn Minuten entfernten Pazifik ­– und ging essen. Mal um Mal fiel ihr die Experimentierfreude der amerikanischen Küchenchefs auf. „Warum traut man sich das nicht bei uns?“, fragte sie sich. Seitdem ließ sie und ihren Partner der Gedanke eines eigenen Lokals unter eigenen Bedingungen nicht mehr los.

Zurückgekehrt, bewarb sie sich für ein Praktikum, dann das Werkstudium bei Daimler wurde übernommen, und Chu arbeitete im Bereich Marketing und Kommunikation im Mercedes-Benz-Vertrieb an der Friedrichshainer Mühlenstraße.

Lien Chu besann sich auf ihre Marketing-Erfahrung

Ausgerechnet bei der Edelmarke erfuhr Chu vom Morena. Kollegen erwähnten, dass sie es in einem neuen Clip zeigen würden. Chu und Partner entschieden sich zu einem kühnen Schritt: Sie riefen an und fragten, ob es zum Verkauf stünde. „Ja, sagten die Eigentümer überraschend. Man wolle aus der Gastronomie aussteigen“, erinnert sich Cao Ba heute.

Lin Chu besann sich auf ihre Marketing-Erfahrung und startete in der Umgebung eine Marktforschung. „Ich habe auf der Straße 700 Leute befragt, etwa, ob sie sich gutes Essen etwas kosten lassen und wie wichtig das Ambiente ist.“ Das Ergebnis war positiv.

Nach einer rauschenden Eröffnung Anfang Mai mit Tänzern, einer Soulsängerin und Rappern, die spontan auftraten, füllen sich ab der Mittagszeit nun täglich die Bänke. Zum Businesslunch samt Eistee (9,60 Euro) etwa kommt eine riesige Schüssel mit knusprigem Lachs, japanischem Reis und Brokkoli. Nudeln werden frisch und gekühlt vom Hersteller aus Düsseldorf geliefert, die tägliche Ware stammt vom Beusselmarkt. „Wir machen moderne japanische Küche und wollen Asien mit Europa, Ost mit West verbinden“, sagt Vu Cao Ba.

Asiatische Kultur im Westen bekannt gemacht

Die Bilder im Lokal stammen von ihm selbst, gemalt im Zimmer des gemeinsamen sechsjährigen Sohns. Auch der Bruce Lee an der Wand: ein Idol Cao Bas, weil der Kampfsportschauspieler „mit seinen Filmen unsere asiatische Kultur im Westen bekannt machte“.

Ob sie einmal ins Marketing zurückkehrt , weiß Lien Chu heute noch nicht. Derzeit ist sie im siebten Monat schwanger. „Ich bekomme erstmal mein Baby und sehe dann, wie sich dieses Baby hier entwickelt“, sagt sie und weist auf dem Eingang ihres „Kleinen Drachens“.

Little Long Wiener Straße 60, Tel. 69 51 53 32, littlelong.de