Kreuzberg

Wirt der „Herr Lehmann“-Kneipe gibt auf

Eine Markthalle im Gentrifizierungsstreit - der Wirt des Westrestaurants wirft im Mietstreit mit der Markthalle Neun hin.

Rainer Mennig, Inhaber des Weltrestaurant

Rainer Mennig, Inhaber des Weltrestaurant

Foto: Jörg Krauthöfer

Der Mietstreit um das Weltrestaurant in der Markthalle an der Pückler­straße in Kreuzberg nimmt sich aus wie aus einem klassischen Lehrstück über die Revolution, die am Ende ihre eigenen Kinder frisst. Da ist auf der einen Seite Rainer Mennig, der langjährige Wirt der legendären Kreuzberger Kneipe, die durch die Verfilmung des Romans „Herr Lehmann“ von Sven Regener zu bundesweitem Ruhm kam. Und auf der anderen Seite seine Vermieter. Das Betreibertrio der Markthalle Neun ist aus einer Anwohnerinitiative hervorgegangen, die das rund 125-jährige Baudenkmal vor acht Jahren für 1,1 Millionen Euro vom Land Berlin übernahm.

Einig sind sich beide Seiten mittlerweile nur noch in einem Punkt: Der reguläre Mietvertrag, vor 25 Jahren noch von den Technoclub „Tresor“-Betreibern und Mennig-Kumpeln Dimitri Hegemann und Regina Baer geschlossen, läuft am 31. Juli aus. Hart umkämpft ist dagegen die Deutungshoheit, wessen Schuld es ist, dass eine neue Vereinbarung, mit der beide Seiten leben können, bislang nicht zustande gekommen ist. „Meine Kaltmiete sollte von 4800 Euro auf 6700 oder sogar 8000 Euro steigen, je nach Verhandlungsstand“, sagt der 62-jährige Mennig, der das Lokal seit 2007 als alleiniger Inhaber führt.

„Mehr Miete für weniger Raum“

Zudem solle er trotz der erheblichen Mietsteigerung auch noch die „Sozialräume“ über dem Gastraum abgeben. „Mehr Miete für weniger Raum – zu diesen Konditionen lässt sich das Restaurant nicht betreiben“, so der Wirt. Das sei „definitiv nicht leistbar, ich muss schließlich auch 22 Mitarbeiter bezahlen“. Deshalb sei im Sommer Schluss.

„Wir haben Herrn Mennig ein sehr faires Mietangebot gemacht“, entgegnet Nikolaus Driessen, einer der Geschäftsführer der Markthalle Neun. Und zum Beweis mache man auch die Mietkonditionen transparent, die man dem Wirt angeboten habe. Und tatsächlich findet sich auf der Website der Markthalle Neun ein sogenannter Faktencheck. Darin heißt es, man habe Mennig eine Vertragsverlängerung angeboten, wonach er für das Restaurant 15 Euro je Quadratmeter, für den Keller fünf und für die Büroräume sechs Euro je Quadratmeter hätte zahlen sollen. „Wir liegen damit im Rahmen der ortsüblichen Gewerbemieten und waren uns bezüglich der Mietkonditionen mit Herrn Mennig einig“, so Driessen.

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Gegenseitige Vorwürfe überschatten Verhandlungen

Der Streit sei in Wahrheit um einen ganz anderen Punkt gegangen: „Nicht einig waren wir uns darüber, ob der Mietvertrag ,verkauft‘ werden kann. Denn das wollte Herr Mennig. Dieser Punkt war für uns aber nicht verhandelbar, um Spekulation – auch darüber wer unser Mieter ist – auszuschließen.“ Schließlich hätte Mennig dann aus rein wirtschaftlichen Überlegungen an den Meistbietenden verkaufen können, der womöglich billiges Fast Food anbiete, während das Konzept der Markthalle Neun auf guten, frischen und regionalen Lebensmitteln beruhe. Schließlich sei man mit dem Anspruch angetreten, eine zukunftsweisende, nachhaltige Form des Lebensmittelhandels zu schaffen. Und aus der zuvor von Discountern dominierten Halle, in der neben Aldi anfangs noch eine Kik- und eine Drospa-Filiale untergebracht waren, wieder zum Kieztreff zu machen.

Der von beiden Parteien geäußerte Vorwurf, die jeweils andere Seite schwimme auf der „Gentrifizierungswelle“ und sei nun endgültig den Versuchungen des Kapitalismus erlegen, scheint nicht dazu angetan, noch eine einvernehmliche Lösung zu finden. Er sei sehr „enttäuscht, dass das Kapitel Weltrestaurant an der Pücklerstraße so unschön zu Ende geht“, sagt Mennig, der zudem kritisiert, dass in der Markthalle Obst und Gemüse eher exotische Ausnahmen seien, diese doch eher einer touristischen „Eventhalle“ gleiche.

„Restaurant in seinem jetzigen Charakter weiterbetreiben“

Tatsächlich hat sich der Donnerstagnachmittag, immer dann, wenn der Streetfoodmarkt stattfindet, zu einem Ereignis entwickelt, zu dem Berliner aus allen Stadtteilen, aber eben auch Touristen in Heerscharen anreisen. „Uns tut der Vorwurf weh, wir hätten unser Konzept verraten“, sagt Driessen. Dabei sei schon im ursprünglichen Konzept klar gewesen, dass nur mit dem Verkauf von Lebensmitteln heute keine Markthalle mehr gegen Discounter bestehen könne. „Nur noch sehr wenige Menschen kaufen frische Produkte auf dem Markt und kochen dann zu Hause.“ Deshalb sei ja die Eisenbahnmarkthalle so heruntergewirtschaftet gewesen.

Und wie soll es nun weiter gehen? Rainer Mennig hat bereits einen Plan B, sein „Weltrestaurant“ ist bereits mit dem „Cabslam“ an der Neuköllner Innstraße fusioniert. Der nicht nur im Film, sondern auch im wahren Leben hervorragende Schweinebraten wird dann eben dort zubereitet. „Unser Ziel ist es, das Restaurant in seinem jetzigen Charakter weiterzubetreiben“, sagt Driessen. Und um die Anwohner auf diesem Weg mitzunehmen und den Verdrängungsvorwurf zu begegnen, veranstalten sie am 21. März ab 18 Uhr im Café 9 einen „Dialog-Workshop“.

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