Restaurant „Lovis“

„Lovis“ oder die Rückkehr der Sophia Rudolph

| Lesedauer: 6 Minuten
Das Restaurant „Lovis“ befindet sich in einem ehemaligen Frauengefängnis.

Das Restaurant „Lovis“ befindet sich in einem ehemaligen Frauengefängnis.

Foto: GruentuchErnst Architects_PatriciaParinejad

Ins einstige Frauengefängnis an der Kantstraße sind dank geradliniger Architektur und Küchenchefin Sophia Rudolph Kunst und Genuss eingezogen.

Eine schwere, dunkle Holztür, eine einzelne Klingel, sonst nichts. Dass sich am westlichen Ende der Kantstraße, kurz vor dem Lietzensee, das Restaurant „Lovis“ befindet, muss man wissen, um es zu finden. Auf Einlass wartend wandert der Blick eine helle Fassade mit Dreiecks- und Bogengiebeln über den Fenstern hinauf. Hinter der Tür dann leuchtet es hell und minimalistisch modern, gefolgt von einem dunklen Innenhof. Hier pausiert der freundliche Empfang für einen Moment auf dem Weg zum Tisch für eine kurze Einführung in die Besonderheiten des Ortes.

Das zunächst frei stehende Gebäude wurde 1896 von den Architekten Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau im Stil des Augsburger Barocks als Erweiterung für die Strafabteilung des Amtsgerichts Charlottenburg errichtet. Das Vorderhaus wurde als Schöffengericht genutzt, im Hof ein rot geziegelter Gefängnistrakt eingerichtet. Das Gefängnis war zwischen 1933 und 1945 mit Gegnern des NS-Regimes, ab 1939 ausschließlich mit Frauen belegt. 1985 wurde das Gefängnis geschlossen, das Haus als Archiv des Kammergerichtes genutzt. Nach mehr als zehn Jahren Leerstand hat nun das Berliner Architekturbüro Grüntuch Ernst Architekten das Ensemble transformiert, das ehemalige Gericht unter dem Namen „Amtsalon“ zu einem Kunst-, und Kulturraum umgestaltet, das einstige Gefängnis zum Hotel „Wilmina“ mit 44 Zimmern und Suiten, einer Dachterrasse, Bibliothek, Bar und Spa sowie dem Restaurant „Lovis“.

Letzteres ist seit Ende des vergangenen Jahres die Wirkungsstätte von Sophia Rudolph. Die gebürtige Berlinerin wuchs teilweise in Frankreich auf und absolvierte ihre Ausbildung am renommierten Institut Paul Bocuse. Den „Koch des Jahrhunderts“ und seine Nouvelle Cuisine sowie Alain Ducasse, in dessen Restaurants „Le Louis XV“ in Monte Carlo sie später arbeitete, bezeichnet sie als ihre stärksten Einflüsse und Vorbilder. Von ihnen habe sie gelernt, das Produkt in den Mittelpunkt zu stellen und perfekt zu inszenieren. Zurück in Berlin war Sophia Rudolph viereinhalb Jahre lang Sous Chefin im „Rutz“ von Marco Müller, bevor sie Küchenchefin im „Panama“ an der Potsdamer Straße wurde.

2019 wurde Sophia Rudolph in dieser Position bei den Berliner Meisterköchen zur Aufsteigerin des Jahres gewählt. Kurze Zeit später wurde bekannt, dass sie das „Panama“ verlassen wird. Mehrere Lockdowns und viele Spekulationen später meldet sie sich nun mit dem „Lovis“ zurück. Ohne viel Aufhebens zunächst. Aktuell befindet sich das Restaurant noch in der Soft-Opening-Phase, eine feierliche Eröffnung ist – mit Hoffnung auf Entspannung der Pandemie-Situation – für das Frühjahr geplant. Gut besucht ist das „Lovis“ an einem Freitagabend trotzdem. Ein Discovery Dinner kann derzeit gebucht werden, von dem man auf der Website zunächst weder Inhalt noch Preis erfährt. Der gute Ruf von Sophia Rudolph und sicher auch die Neugier auf den geschichtsträchtigen Ort scheint bei vielen Gästen allerdings für eine Reservierung auszureichen.

„Lovis“ mit Sophia Rudolph im ehemaligen Frauengefängnis an der Kantstraße

Tatsächlich beeindruckt das „Lovis“ schon, bevor das Amuse Bouche serviert wurde. Die Beklemmung durch Mauern und Historie wird architektonisch durch Spiegel, Offenheit und Grün gebrochen. Die klaren Linien des minimalistisch eingerichteten Gastraums werden im vorderen Bereich von einer Spiegelwand und einem großen Fenster zum bepflanzten Innenhof gesäumt. Im Hauptraum umrahmen nackte Backsteinmauern mit vergitterten Fenstern die langen, silberfarbenen Sofasitzreihen. Von der schwarzen Decke hängen unzählige, grün schimmernde Bocci-Leuchten herab und erzeugen den Eindruck eines Nachthimmels. Große, verglaste Torbögen geben den Blick nach außen frei.

Im „Panama“ ließ sich Sophia Rudolph von lateinamerikanischen und peruanischen Einflüssen inspirieren, die sie auf lokale Produkte anwendete. Im „Lovis“ setzt sie nun auf „Contemporary German Cuisine“ – zeitgenössische deutsche Küche –, ebenfalls mit saisonalen und regionalen Produkte von höchster Qualität. Beispielsweise Forelle von der Fischfarm „25 Teiche“ in Rottstock südwestlich von Berlin, die Sophia Rudolph konfiert mit Molke und Schnittlauch auf den Teller bringt. Hausgemacht ist das Sauerteigbrot, das zu Beginn mit Kräuterbutter gereicht wird. Gemeinsam haben alle Gerichte – von der Bunten Bete mit Blauschimmelkäse und Haselnuss über die gegrillte Iberico-Schulter mit Schmorzwiebel und BBQ-Glace bis zum Kürbis mit Popcorn und Marshmallow – die minimalistische Präsentation, die dem Fokus auf die Aromen der Zutaten entspricht.

Höhepunkte des aktuellen Menüs sind mit ihrem Umami-Überfluss und überraschenden Texturen der Gemüsedashi mit Buchweizen-Raviolo und sauren Pilzen sowie der Gruyère-Schaum mit Johannisbeermarmelade, der wahlweise von einem Speck- oder Parmesan-Crunch bedeckt wird. Zur Auswahl stehen ein Vier- oder Sechs-Gang-Menü (99/75 Euro) mit Fisch und Fleisch oder vegetarisch sowie deren Komponenten als À-la-carte-Option (Hauptgang ab 21 Euro). Die Weinkarte (Begleitung 60/40 Euro) ist europäisch ausgerichtet und ergänzt die Speisen mit einer Auswahl an Naturweinen, kleinen sowie etablierten Produzenten.

„Lovis“: Kantstraße 79, 10627 Berlin. Aktuelle Öffnungszeiten und Reservierungen unter lovisrestaurant.com

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