Sterneköchinnen

Berlins Sterneköchinnen – „Gleiche Rechte für alle“

Dalad Kambhu und Sonja Frühsammer sind Berlins einzige Sterneköchinnen – mit ganz unterschiedlichen Ansichten.

Dalad Kambhu vom "Kin Dee" (links) und Sonja Frühsammer von "Frühsammers Restaurant" sind Berlins einzige Sterneköchinnen.

Dalad Kambhu vom "Kin Dee" (links) und Sonja Frühsammer von "Frühsammers Restaurant" sind Berlins einzige Sterneköchinnen.

Foto: PA/Reto Klar

24 Sternerestaurants gibt es in Berlin. Nur zwei von ihnen werden in der Küche von Frauen geführt. Sonja Frühsammer in „Frühsammers Restaurant“ am Flinsberger Platz in Schmargendorf und Dalad Kambhu im „Kin Dee“ an der Lützowstraße in Tiergarten. Was wenig klingt, ist im deutschlandweiten Vergleich aber tatsächlich überdurchschnittlich. Nur elf Sterneköchinnen stehen der überwältigenden Anzahl von 297 männlichen Kollegen gegenüber.

Dalad Kambhu findet für diesen Missstand deutliche Worte. „Die Realität ist: Es gibt keine Gleichheit zwischen Männern und Frauen.“ Natürlich gelte das nicht nur in der Küche. In einem Job mit Arbeitszeiten abseits von Montag bis Freitag und „9 to 5“ mache sich das aber besonders bemerkbar. Eigene Kinder seien für sie vollkommen undenkbar, selbst zu daten gestalte sich schwierig. An diesem Morgen habe sie es nach sechs Monaten endlich wieder einmal zum Frisör geschafft, sagt die 33-Jährige, die gerade ihren Stern für das „Kin Dee“ verteidigte – der erste in Berlin für ein thailändisches Restaurant überhaupt.

Als sie 2017 eröffnete, arbeiteten zunächst mehr Männer in ihrer Küche. Von einigen musste sie sich schnell trennen, weil sie sich nicht in der Lage sahen, die Anweisungen einer Frau anzunehmen. Erst kürzlich erlebte sie bei einem Catering, dass ein Kollege sich weigerte, sie als Küchenchefin anzusprechen. In der Küche von Dalad Kambhu arbeiten heute deshalb hauptsächlich Frauen – teilweise Transgender und People of Color. Deren Förderung und gegenseitige Unterstützung, beispielsweise durch ihr Engagement in der Organisation „Feminist Food Club“, ist für die Gastronomin eine Herzensangelegenheit. Feministin müsse sie sich dafür nicht zwangsläufig nennen. „Ich bin einfach ein Mensch, der sich gleiche Rechte für alle wünscht.“ Wer ein Problem mit dem Wort habe, solle allerdings bedenken, dass es es ohne Feministinnen für Frauen kein Recht zu arbeiten und zu wählen gäbe.

Dalad Kambhu ignoriert Geschlechterrollen

Genau wie das Klischee von der minderwertigen, günstigen Thaiküche ignoriert Dalad Kambhu Geschlechterrollen. „Ich könnte viel mehr Geld verdienen, wenn ich gut aussehende, sexy gekleidete Frauen im Service einstellen und Papayasalat servieren würde, weil die Deutschen das von einem Thairestaurant erwarten“, sagt sie. Stattdessen setzt die gebürtige Amerikanerin, die in Bangkok aufgewachsen ist, in ihrer Küche auf beste, frische Zutaten und auf Männer im Service. Dass es ihr zuwider ist, Frauen wegen ihres Aussehens einzustellen, liegt sicher auch an ihrer Vergangenheit. Seit ihrem 14. Lebensjahr arbeitete Dalad Kambhu als Model und ging später nach New York, um in der Gastronomie ganz von vorne anzufangen. Kambhu ist eine Selfmade-Frau. Eine klassische Kochausbildung hat sie nie absolviert, sondern sich alles im Vorübergehen angeeignet.

Was sich als Glaubenssatz durch ihre Karriere zieht, ist der Wunsch, unabhängig zu sein. Erst vom Geld ihrer Eltern, dann vom Geld der Männer. Dass ihre Investoren bis heute hauptsächlich männlich sind, ärgert sie. „Wohlhabende Frauen sollten mehr in andere Frauen investieren“, findet sie. Stattdessen erlebe sie bei erfolgreichen Frauen häufig eine unnötige Härte gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen. Sie hätten sich im „Boys’ Club“ schließlich auch ohne Unterstützung durchschlagen müssen.

Sonja Frühsammer will nicht überkandidelt wirken

Eine komplett andere Geschichte erzählt Sonja Frühsammer. Die 50-Jährige betreibt ihr Restaurant, das sie 2007 am Grunewald Tennis-Club eröffnete, gemeinsam mit ihrem Mann Peter. Der ehemalige Sternekoch fungiert in „Frühsammers Restaurant“ als Sommelier und Gastgeber. Für Sonja Frühsammer, die 2014 einen Stern im „Guide Michelin“ für ihre moderne europäische Küche erhielt, die perfekte Arbeitsaufteilung. Ihr Mann sei ein natürlicher Entertainer, sie hingegen müsse sich noch heute manchmal selber schubsen, um sich nicht in der Küche zu verstecken. Wenn sie eine Rede halte, sei sie schon Tage vorher aufgeregt. Als sie fotografiert wird, ist es ihr vor allem wichtig, nicht überkandidelt zu wirken. Dabei ist es schwer vorstellbar, sich einen unprätentiöseren Menschen vorzustellen.

Ein eigenes Restaurant, sagt Sonja Frühsammer, hätte sie sich ohne ihren Mann nicht zugetraut. In die Rolle der Küchenchefin habe sie erst hineinwachsen müssen. Der Vorteil sei, dass sie sich nun aussuchen könne, mit wem sie arbeite. Einige Männer, denen eine weibliche Vorgesetzte nicht geheuer war, musste sie gehen lassen. Trotzdem arbeitet in der Küche von Sonja Frühsammer heute keine einzige Frau. Es gebe schlicht keine Bewerbungen, sagt die Berlinerin, außerdem halte sie nichts davon, einer Frau nur aufgrund ihres Geschlechts den Vorzug zu geben. „Frauen sind ja nicht automatisch gut.“

Das Gefühl von Benachteiligung habe sie in ihrer Karriere aber auch selbst nicht erlebt, sagt Sonja Frühsammer. Höchstens habe ein Kollege sie manchmal nicht schwer heben lassen. Wurde in der Küche herumgeschrien, habe das für alle gegolten, deshalb habe sie es nicht persönlich genommen. Und überhaupt habe sie schon immer besser mit Männern gekonnt. In ihrer Ausbildung bei Siemens habe es mehr Frauen gegeben, das Gezicke dort habe sie genervt.

Sonja Frühsammer studierte zunächst Sport und Mathematik

Nach dem Abitur studierte Sonja Frühsammer zunächst Sport und Mathematik. Die Fächer lagen ihr in der Schule, doch als sie feststellte, dass sie damit eigentlich nur Lehrerin werden konnte, hörte sie auf, denn für diesen Job brauche es „eine natürliche Autorität“. Nebenbei jobbte sie in der Kantine bei Siemens, das habe ihr gefallen, also begann sie dort eine Ausbildung. Als sie an ihren Berufsschulkollegen sah, welche kulinarischen Welten es neben der Großküchenkost noch gab, wechselte sie zu Sternekoch Karl Wannemacher ins „Alt-Luxemburg“. Ende der 1990er-Jahre baute sie mit Peter Frühsammer das Cateringunternehmen Servino auf.

Neben dem Stern wurde Sonja Frühsammer 2008 zur „Aufsteigerin des Jahres“ bei den Berliner Meisterköchen gewählt, im Februar 2016 vom „Feinschmecker“ als „Koch des Monats“ ausgezeichnet, sie wird aktuell im „Gault & Millau“ mit 17 Punkten bewertet. Als Vorbild für andere Frauen oder gar Feministin sieht sie sich dennoch nicht. Es sei für sie einfach so gekommen, sagt Frühsammer, und mit ihren beiden Kindern habe sie immer viel Hilfe aus der Familie gehabt. Dass es so wenig Köchinnen auf Spitzenniveau gebe, liegt ihrer Meinung nach an den Arbeitszeiten und daran, dass Frauen im Allgemeinen weniger Ehrgeiz haben als ihre männlichen Kollegen.