Berlin Food Week

Geschmack der 20er-Jahre: Kulinarische Tour durch Berlin

Arne Krasting macht mit seinen Touren das historische Berlin erlebbar. Zur Food Week gibt es eine Zeitreise in den „wilden Westen“.

Arne Krasting startet seine Zeitreise in der „Pension Funk“ an der Fasanenstraße.

Arne Krasting startet seine Zeitreise in der „Pension Funk“ an der Fasanenstraße.

Foto: Anikka Bauer

Mit dem Slogan „Jeder einmal in Berlin“ bewarb in den 20er-Jahren das Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt die Vorzüge einer Reise in die deutsche Reichshauptstadt. Ähnlich wie heute galt Berlin als Hotspot des Nachtlebens.

Ein Makel, der der Stadt damals und noch bis vor wenigen Jahren anhaftete, war hingegen das Essen. Viele Besucher seien der Meinung, „daß man in Berlin weder gut noch billig essen kann“, schreibt Eugen Szatmari 1927 in seinem Reiseführer „Was nicht im Baedeker steht“ – „besonders, wenn sie aus Wien oder Budapest kommen, wo ja der Horror vor der Berliner Küche sozusagen zum guten Ton gehört.“

Auch Arne Krasting sagt: „Berliner Küche ist kein Chichi, aber dafür ehrlich“. Mit seinem Unternehmen Zeitreisen bietet der 44-Jährige historische und kulinarische Touren durch Berlin an. Eine Kooperation gibt es beispielsweise mit der Erfolgsserie „Babylon Berlin“.

Im Rahmen der Berlin Food Week macht sich der Historiker in der kommenden Woche auf die Suche nach dem Berlin-Geschmack der Goldenen Zwanziger. Unter dem diesjährigen Motto des Food-Festivals „The Great Tasty“ bringen 60 teilnehmende Restaurants, Cafés und Bars beim „Stadtmenü“ moderne Interpretation von ausschweifenden Gerichten auf ihre Speisekarten.

Jeden Tag Hummer und Champagner sei es aber eben selbst in dieser rauschhaften Zeit nur für die wenigsten Berliner gewesen, sagt Krasting. Deshalb gibt es auf seiner Genusstour Kartoffelsalat, Boulette, Eisbein, Sülze, Kasseler und Klopse an Originalschauplätzen zu verkosten.

Zwischen Erinnerungsstücken des ersten Sexsymbols des deutschen Kinos

Los geht es an der Fasanenstraße 69. Den Aperitif genießen die Teilnehmer im einstigen Salon von Stummfilmstar Asta Nielsen. Von 1931 bis 1937 wohnte die Dänin in der Beletage des prachtvollen Altbaus.

Heute befindet sich dort die „Pension Funk“, die den Charme vergangener Zeiten mit originalgetreuem Interieur bewahrt hat. Zwischen Erinnerungsstücken des ersten Sexsymbols des deutschen Kinos, Stofftapeten und knarzenden Dielen serviert Krasting Berliner Weiße – „den Champagner des Nordens“. Pur von der Brauerei Schneeeule und mit einem Schuss Waldmeisterlikör von der Preussischen Spirituosenmanufaktur.

„Spree Schampus“ nennt sich der Tropfen, der mit seiner intensiven Säure für Sirupverdorbene zunächst etwas gewöhnungsbedürftig daherkommen mag. Aber schließlich soll es hier ja um ursprüngliche Geschmäcker gehen. Wer sich damit gar nicht anfreunden kann, für den hält Krasting auch ein Glas echten Schaumwein bereit. Der gebürtige Hamburger, selbst in Knickerbocker, lässt die 20er-Jahre dazu mit Anekdoten, Bildern und Videos wiederauferstehen.

Machte sich nach ein paar Drinks ein leichtes Magenknurren bemerkbar, gab es dafür in den 20er-Jahren in jeder guten Kneipe einen Hungerturm. Eine gekühlte Vitrine mit herzhaften Lebensrettern wie sauren Gurken, Buletten oder Schmalzstulle.

Direkt auf dem Tresen ist davon in der „Dicken Wirtin“ an der Carmerstraße am Savignyplatz nur noch ein Glas mit Soleiern übrig geblieben. Dekonstruiert auf dem Teller serviert Inhaber Karsten Drees seinen Gästen aber immer noch Original Berliner Kneipenküche.

Gebrauchsanweisung für das Solei inklusive: Pellen, halbieren, Eigelb entfernen, mit Öl, Essig und Pfeffer würzen, Eigelb wieder einsetzen und in einem Bissen verspeisen. „Es ist ja nicht nur ein Ei, es ist ein Erlebnis“, sagt Drees. Eröffnet wurde das Restaurant einst von Anna Stanscheck, die neben ihrer korpulenten Figur bekannt war für ihr großes Herz und ihre Hausmannskost.

Die „Dicke Wirtin“ sei damals zwar nur ein Lokal von vielen gewesen, für den Kiez jedoch unverzichtbar, erzählt Arne Krasting. So habe der Maler George Grosz gleich gegenüber gewohnt und das verlässliche Angebot von Eintopf und Würstchen – auch zu später Stunde – zu schätzen gewusst.

Seit 1892 ist in der Kneipe an der Wilmersdorfer Straße die Zeit stehen geblieben

Eisbein, Sülze, Kasseler, Matjes und Kartoffeln mit Quark kommen im „Wilhelm Hoeck“ auf den Tisch. Schon damals sei Berlin ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen gewesen, erzählt Krasting. Kulinarisch mache sich das bis heute an adoptierten Gerichten wie Königsberger Klopse bemerkbar.

Seit 1892 ist in der Kneipe an der Wilmersdorfer Straße die Zeit stehen geblieben. Schon Heinrich Zille hat das Etablissement in seinen Milljöhstudien verewigt. Den holzvertäfelten Schankraum zieren Schnapsfässer und Gluckerflaschen mit Likörresten der ehemals gleichnamigen Spirituosenfabrik mit angeschlossener Probierstube.

Rund dreieinhalb Stunden dauert die kulinarische Zeitreise mit Arne Krasting. Weitere Stationen sind die Schokoladenmanufaktur Erich Hamann an der Brandenburgischen Straße und Mampes Neue Heimat Am Tempelhofer Berg. Eine zweite Tour führt überwiegend durch Mitte.

Tour Neues Berlin (24., 25. und 26. Oktober, Start 17.00 Uhr Pension Funk), Tour Altes Berlin (21. und 23. Oktober, Start 17.30 Uhr Ballhaus Berlin), Tickets: 89 Euro per Mail unter ak@zeit-reisen.de