Michelberger Farm

Achtung, die Städter kommen

In Naundorf im Spreewald wollen sich Nadine und Tom Michelberger vom „Michelberger Hotel“ ihren Traum einer regenerativen Landwirtschaft erfüllen.

Nadine Michelberger, Denise May, Tom Michelberger und Julian Zuth (v.l.) sind das Team auf der Michelberger Farm im Spreewald.

Nadine Michelberger, Denise May, Tom Michelberger und Julian Zuth (v.l.) sind das Team auf der Michelberger Farm im Spreewald.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Naundorf. Ganz leicht ist die Farm des „Michelberger Hotels“ für Ortsunkundige nicht zu finden. Mit einem Vierseitenhof von 1871 in Naundorf im Spreewald haben sich Nadine und Tom Michelberger, Eigentümer des Hotels an der Warschauer Straße in Friedrichshain, vor zwei Jahren an die Verwirklichung ihres Traums gemacht. „Wollen Sie hier auch kaufen?“, tönt es skeptisch vom Nachbargrundstück, als wir uns nach dem Weg erkundigen. „Es war wahnsinnig schwer, uns hier zu vernetzen“, sagt Nadine Michelberger.

„Wir wurden hier nicht mit offenen Türen begrüßt, nach dem Motto: Hurra, die Berliner kommen.“ Dabei kommt das Paar mit guten Absichten. Neben der langfristigen Nahversorgung des Hotels und des Restaurants „Ora“ am Oranienplatz in Kreuzberg und der Rückkehr zu einer ursprünglich lokal-regionalen Küche stehen bei ihren Plänen auch die Wertschätzung für Land und Erzeuger und der Bau einer Brücke zwischen Stadt und Land im Fokus. Mittlerweile seien die Nachbarn aber wenigstens neugierig. „Wir vertrauen darauf, dass wir mit der Zeit zusammenwachsen“, sagt Nadine Michelberger. Beispielsweise mit der Reaktivierung des Ofens im Keller des Wohnhauses, wo früher einmal in der Woche für das ganze Dorf gebacken wurde.

In Naundorf im Spreewald entsteht die Michelberger Farm

Um die Vision einer regenerativen Landwirtschaft auf den 1,5 Hektar der Michelberger Farm zu realisieren, sind nicht nur die Hoteleigentümer selbst regelmäßig vor Ort, um Löcher zu buddeln und Bäume zu pflanzen, sondern das gesamte Team. „Bis zum Housekeeping war jeder unserer Mitarbeiter schon hier“, sagt Nadine Michelberger.

„Diese Verbindung ist uns wichtig.“ Vor allem die beiden Küchenchefs Alan Micks und Andreas Rieger kommen häufig, um Kräuter zu sammeln oder den Fortschritt des Obst-, Nuss- und Gemüseanbaus in Augenschein zu nehmen, um darauf neue Gerichte zu entwickeln. Statt einer Karte wird den Gästen des „Michelberger Restaurants“ seit diesem Sommer ein Zutatenkorb präsentiert, aus dem dann wahlweise ein Menü mit Fleisch oder ohne entsteht (32 Euro pro Person, Dessert 9 Euro). Produkte und Handwerk sollen so sichtbar gemacht werden. Auf den Teller kommt, was gerade auf dem Hof verfügbar ist.

Regenerative Landwirtschaft nach dem Vorbild von Ernst Götsch

Verantwortlich für das Vorantreiben des Projekts im Spreewald sind vor Ort Julian Zuth, ehemaliger Souschef im „Michelberger“ und Denise May, Schwester von Nadine Michelberger. May und Michelberger sind auf einem Bauernhof in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, für Zuth ist der Aufbau einer Landwirtschaft Neuland. Inspiration und Wissen holten sich die Neubauern bei einem Seminar des Schweizer Farmers und Forschers Ernst Götsch, der in den 80er-Jahren nach Brasilien ging, um dort mit der regenerativen Kraft der Natur degradiertes Weideland wieder fruchtbar zu machen.

Ein Fokus liegt bei Götsch auf dem Bodenaufbau. Und so machten sich Zuth, May und ihr Team im ersten Jahr zunächst daran, die Brandenburger Steppe mit Tiefenlockerung und Gründüngung wieder zum Leben zu erwecken. „Als ich zum ersten Mal hier war, hätte ich nie gedacht, dass auf dieser Graswüste jemals etwas wachsen würde“, sagt Zuth. Mittlerweile sprießen Kräuter, Kohl, Mais, Zucchini, Kürbis und Bohnen. Das Ziel ist, in Zukunft einmal das ganze Jahr ernten zu können. Mehrere angepflanzte Apfelsorten, Spargel und Wein warten bereits auf ihren Einsatz in den kommenden Saisons. Ebenfalls in Zukunft sollen Bienen, Hühner und vielleicht sogar eigene Kühe hinzukommen.

Bereits jetzt sei sichtbar, wie sich die Fauna in Form von Vögeln, Wespennestern, Eidechsen und Igeln ihren Lebensraum auf der Farm zurückerobert habe. Besondere Aufmerksamkeit kommt auf den Feldern auch Pflanzen wie Taglilien, Borretsch, Giersch und Strauchmelbe zu, die zwar regional, aber heute fast vergessen und deshalb exotisch sind, weil es im Supermarkt das ganze Jahr Gurken und Tomaten zu kaufen gibt. Zuth, Micks und Rieger sind zudem bemüht, mit Wurzel, Früchten und Blättern jede Pflanze in ihrer Ganzheit zu nutzen.

Anfang des kommenden Jahres beginnt auf der Michelberger Farm der Ausbau der Scheune zu einem Gästehaus mit zehn Zimmern. Für der Natur entfremdete Städter soll der Hof dann mit einem Lehrpfad erlebbar gemacht werden. Dazu sind Dinnerabende, Workshops und Yogakurse geplant. In einer gläsernen Küche soll das Produkt im Mittelpunkt stehen und ein Bewusstsein dafür erspürbar werden. Auf diese Weise wollen die Michelbergers ihren Teil dazu beitragen, die Haltung des Endverbrauchers gegenüber Lebensmitteln zu verändern. Bio kaufen, nicht nur, weil es gerade Trend ist und sich als Gastronomie auch trauen, dafür die entsprechenden Preise zu nehmen.

Als Beschleuniger hat sich in dieser Hinsicht die aktuelle Krise erwiesen. Gemeinsam mit anderen Berliner Gastronomen haben Nadine und Tom Michelberger das Berlin Food Kollektiv ins Leben gerufen, das die vielen Ebenen dieser Wertschätzung in den Mittelpunkt stellt. „Corona hat diesen Zusammenhalt erzwungen“, sagt Nadine Michelberger. „Jetzt müssen wir über diese Zeit hinausdenken und auch die Berliner mit ins Boot holen, statt auf die Rückkehr der Touristen zu warten.“